Fallbericht: Biotech-Substanz rettet Ebola-Patienten

19. Dezember 2014, 10:43
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Die Substanz FX06 wurde in Wien entwickelt und hat laut "Lancet" in Frankfurt gerade das Leben eines Patienten gerettet

Vielleicht interessiert jetzt das ursprünglich aus Wien stammende experimentelle Ebola-Medikament FX06 die Pharmaindustrie oder andere Geldgeber für zusätzliche Studien: Das Biotech-Mittel hat offenbar einen erkrankten ugandischen Arzt "über den Berg" gebracht. Frankfurter Intensivmediziner berichten jetzt im "Lancet" von dem Fall, der bei Bekanntwerden für Aufsehen gesorgt hatte.

Bei FX06 handelt es sich um das vom Chef der Abteilung für Haut- und Endothelforschung der Wiener Universitäts-Hautklinik im AKH, Peter Petzelbauer, Anfang 2000 identifizierte Peptid B-beta15-42 aus 28 Aminosäuren - ein Teil des Blutklebstoffs Fibrin - als mögliche Wirksubstanz für eine Reihe von Einsatzgebieten zum Beispiel Verhinderung von Herzinfarktschäden und Komplikationen von Schockzuständen. Das Eiweißfragment ist eine Art Versiegelung für im Rahmen solcher Erkrankungen "löchrig" gewordene Blutgefäße, aus denen Flüssigkeit in das Gewebe austritt.

Lebensgefährliche Ebola-Komplikation

Letzteres ist eine lebensgefährliche Komplikation einer schweren Ebola-Erkrankung. "Das nennt man 'Vascular Leak'. Bei Ebola-Patienten kann das im Verlauf der Erkrankung zu massiven Komplikationen der Lungen und anderen Organen führen", sagte Anfang November dazu Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie der Universitätsklinik Frankfurt. Er hatte schon vor Jahren an der Entwicklung von FX06 mitgearbeitet.

Anfang Oktober trat für Zacharowski und sein Team der Ernstfall ein. Am 28. September hatte ein 38-jähriger aus Uganda bei der Arbeit in Lakka in Sierra Leone akutes Fieber und Durchfall entwickelt. "Er bekam noch am ersten Tag einen positiven Ebola-Virus-Befund mit RNA-Polymerase-Chain-Reaction-Test", schreiben der Frankfurter Infektiologe Timo Wolf und die Co-Autoren in dem "Lancet"-Fallbericht.

Trotz verschiedener Therapieversuche verschlechterte sich der Zustand des Arztes immer mehr. "Der Patient wurde per Lufttransport an die Frankfurter Universitätsklinik gebracht und erreichte am Tag sechs nach dem Beginn der Erkrankung die Klinik", heißt es in dem Report weiter.

Unter hygienischen Bedingungen der höchsten Sicherheitsstufe (IV) wurde der erkrankte Arzt von den Intensivmedizinern und Infektionsfachleuten der Frankfurter Klinik betreut.

Wettlauf mit der Zeit

Trotzdem verschlechterte sich der Zustand immer mehr. "Am neunten Tag der Erkrankung, zeitig in der Früh, war trotz bereits erfolgender Sauerstoffgabe per Maske keine ausreichende Sauerstoffaufnahme mehr möglich ...", so die Fachleute. Der Patient wurde intubiert und maschinell beatmet.

Die Komplikationen wurden im Verlauf der Erkrankung immer ärger. Der Kranke musste schließlich wegen Nierenversagens auch dialysiert werden. Es traten Zeichen der "Vascular Leakage" auf. Die auch in der Lunge erfolgende Flüssigkeitsansammlung ließ die Funktion des Organs schlechter werden. Der Flüssigkeitsaustritt in die Lunge wurde mit einer speziellen Methode - PiCCO-System - gemessen. Gleichzeitig erhielt der Arzt Norepinephrine, um den Blutdruck aufrechtzuerhalten.

Der Einsatz von FX06, wie die Wissenschafter schreiben: "Weil sich das Lungen-Vascular-Leakage-Syndom verschlechterte, genehmigte das Ethikkomitee der Frankfurter Universitätsklinik die Verwendung des von Fibrin ("Blutklebestoff"; Anm.) abgeleiteten Peptids (...), das sich dafür in klinischer Entwicklung befindet, um weiteren Flüssigkeitsaustritt zu verhindern."

Am Tag elf bekam der Patient zunächst 400 Milligramm des vom Wiener Pharmaunternehmen MChE-F4-Pharma stammenden FX06. 200 Milligramm wurden jeweils nach zwölf Stunden zusätzlich an drei folgenden Tagen verabreicht. Vom Lagerort bei der US-Firma Bachem wurde mittlerweile eine gewisse Menge der Substanz als Notfallvorrat nach Frankfurt gebracht.

Patient "über dem Berg"

Am Tag 13 besserte sich der Zustand. Offenbar war gleichzeitig die körpereigene Immunabwehr in Gang gekommen, welche das Virus zusätzlich zurückdrängte.

Die Substanz könnte eventuell Ebola-Patienten mit Hinweis auf die schweren Komplikationen so lange stabilisieren, bis die Immunabwehr stärker wird.

"Diese beobachtete Verbesserung des klinischen Zustands von Tag 13 an fiel zusammen mit einem Rückgang der Ebola-Virus-Konzentration und einem Anstieg des gegen die Ebola-Erreger gerichteten Immunglobulin G (Antikörper vom IgG-Typ; Anm.). Die Konzentration der Viren im Plasma fiel ständig nach Tag acht und konnte am Tag 19 nicht mehr nachgewiesen werden", schreiben die Frankfurter Wissenschafter im "Lancet". Der Patient konnte schließlich gesund entlassen werden.

In Frankfurt war FX06 erstmals bei einem Ebola-Patienten angewandt worden. Kurz darauf versuchten auch Ärzte am St. Georg-Spital in Leipzig, einen Schwerkranken mit der Virusinfektion damit zu behandeln. Dieser Patient starb allerdings. Wahrscheinlich war bei ihm die Erkrankung mit generalisierten Blutungen bereits zu weit fortgeschritten.

Medikament schneller erforschen

Die Frankfurter Wissenschafter fordern weitere Studien: "Auf der Basis unserer Erfahrungen glauben wir, dass bei FX06 eine weitere Evaluierung für Behandlung des 'Vascular Leakage Syndrome' im Rahmen von Ebola-Erkrankungen gerechtfertigt wäre."

FX06 war 2006 bis in eine Phase-II-Untersuchung (Prüfung des Konzepts und Dosisfindung) in der Anwendung zur Verhinderung des sogenannten Reperfusionsschadens bei Ballondilatation verlegter Herzkranzgefäße an 243 Patienten in Europa gekommen.

Dann wurde es für die Weiterentwicklung an ein US-Unternehmen auslizenziert. Dies schlug fehl. Nunmehr liegen die Patentrechte bei dem Wiener Biotech-Unternehmen MChE-F4Pharma mit dessen Geschäftsführer Thomas Steiner, der bei der FX06-Entwicklung von Anfang an dabei gewesen war. Steiner: "Ich wollte einfach nicht, dass die Substanz einfach in irgendeiner Schublade liegen bleibt." (APA, 19.12.2014)

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