Bretter, die viel Geld bedeuten

20. Dezember 2014, 09:00
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Am 20. Dezember 1849, also vor 165 Jahren, stand der erste Schweizer im Wallis auf Skiern. Vor 150 Jahren begründete die Wette eines Hoteliers aus dem Engadin den Wintertourismus in der Region. Alles Schnee von gestern? Eine Betrachtung über den Wintersport in den Alpen

Am 20. Dezember 1849 musste Pfarrer Imseng wie so oft seine seelsorgerischen Pflichten im Walliser Saastal erfüllen. Ein Sterbender hatte ihn um Beistand gebeten. Weil jedoch alle Wege von Saas-Fee hinunter nach Saas-Grund tief verschneit waren, schnallte sich Johann Josef Imseng zwei Latten unter die Füße, griff sich einen kräftigen Stock und sauste zur letzten Ölung. Seine Skiabfahrt war die erste der Schweiz.

foto: valais/wallis promotion/thomas andenmatten
In den verschneiten Walliser Bergen kam Pfarrer Imseng zu Fuß nicht weit. Auf zwei Latten absolvierte er 1849 die erste Skiabfahrt der Schweiz.

Damals hielten die Walliser ihren skifahrenden Pfarrer noch für einen komischen Kauz und konnten sich für seine Ideen überhaupt nicht begeistern. Heute bejubeln sie ihn posthum, weil er ihnen den Tourismus ins Tal gebracht hat. Es herrschten harte Zeiten in den Schweizer Bergdörfern, und auch Kirchendiener benötigten Nebeneinkünfte. Pfarrer Imseng verdiente sich ein Zubrot als Touristenführer. Er begleitete vornehmlich Engländer und Deutschschweizer auf Bergtouren, beherbergte sie und regte die Walliser zum Bau von Hotels an. Von Schneekanonenrohren, Jodelmusikbeschallung und meteoritenkratergroßen Hotelanlagen war bei Pfarrer Imseng aber nicht die Rede. Zu seiner Zeit rochen die Alpen auch noch nicht nach Frittierfett.

Eine britische Wintersportkolonie mit Curling & Co

Die Berge nicht zu erschließen, wäre eine Todsünde, sagten Hoteldirektoren und Seilbahn-Besitzer bald darauf. Naturschützer behaupten heute, das Gegenteil sei das Verbrechen. Ob Pfarrer Imseng deshalb als Sünder in der Hölle schmort? Für seine Unschuld spricht, dass die Schweiz erst 15 Jahre nach der ersten priesterlichen Skifahrt zum Ziel für Wintersportler wurde. Der Initiator hieß: Johannes Badrutt. Der Besitzer eines Hotels in St. Moritz war nur mit der Bettenbelegung im Sommer zufrieden, die Winter liefen miserabel.

foto: reuters/arnd wiegmann
St. Moritz

Warum also nicht mit ein paar englischen Gästen wetten, dass sie sich auch in der kalten Jahreszeit hemdsärmelig auf der Hotelterrasse sonnen könnten, dachte Badrutt im Jahr 1864. Wären die Gäste unzufrieden gewesen, hätte er die Reisekosten von London nach St. Moritz übernommen. Doch die Engländer verloren die Wette mit höhensonnenverbrannten Nasen und gründeten in St. Moritz eine britische Wintersportkolonie mit Curling, Bob und Skeleton - allesamt Sportarten, die den Schweizern bis dahin unbekannt waren. So wurde vor 150 Jahren das Engadin und nicht das Wallis zur Wiege des Wintersporttourismus.

Der Berg schweigt

Vielleicht war Pfarrer Imseng einer der Letzten, die den Berg noch rufen hörten. Heute plärren Rudel von "Skihasen und Pistenrambos" auf den Pisten und brüllen die Rotorblätter der Hubschrauber durchs Gebirge, weil der Jetset sich von Gipfel zu Gipfel fliegen lässt. Wenn dann doch mal kurz Ruhe einkehrt, dann schweigt der Berg beleidigt. Wen soll er denn noch rufen? Sind eh schon alle da.

Und Après-Ski, also nach dem Skifahren? Verdient seinen Namen nicht. Die erste Welle Wintersportler wird bereits am frühen Vormittag unter den Schirmbars angespült und Skifahren bleibt solange Nebensache, bis die beduselte Karawane auf die Piste zieht und sich einreiht in die Prozession farblicher Skianzug-Monstrositäten in pink flame, greenflash oder volcano red.

Überstunden auf den Gipsstationen

Ungeklärt ist zudem die Frage, warum man seine Ski-Schuhe, so klobig wie Mühlsteine, schon bei der Anreise im Zug anhaben muss. Man kriegt die plumpen Gesellen, die den Waggon im Godzilla-Gang erzittern lassen, nicht in Einklang mit den eleganten Damen, die ORF-Zuschauer in den 1980er-Jahren mit Ski-Gymnastik für die Pisten vorbereiten wollten. Heute trauen sich Menschen, die daheim eher den Aufzug nutzen, um zwei Stockwerke hinunterzufahren, selbst schwierigste Abfahrten zu. Ergebnis: bis zu 90.000 Crashs jährlich in den Schweizer Alpen und Überstunden auf den Gipsstationen der Krankenhäuser.

foto: photopress/saas-fee
Saas-Fee

Wenn im April Schluss ist mit "Ballermann in den Bergen", rücken Horden Freiwilliger zur nationalen Säuberungsaktion aus und klauben kiloweise Zigarettenstummel, Skistöcke und Petflaschen aus den strohfarbenen Wiesen - Frühjahrsputz auf den Pisten. Und was der Alpenraum in einer Saison an Kunstschnee aus den Kanonen schießt, entspricht etwa dem jährlichen Wasserverbrauch von drei Millionen Menschen. Wenn die Erderwärmung im bisherigen Tempo voranschreitet, prognostizieren Klimaforscher allerdings, dass bis zum Ende des Jahrhunderts von den meisten Alpengletschern nur noch Geröllhalden übrig sein werden. Dann stehen Skilehrer und Gletscherflöhe gleichberechtigt auf der Liste der bedrohten Arten.

Pfarrer Imseng ertrank im Mattmarksee

Wenn Geld kein Argument mehr ist, schlägt wieder die Stunde jener, die den Pioniergeist von Pfarrer Imseng beschwören. Der hatte nicht nur den Fremdenverkehr gefördert, sondern es zu einem eigenen Hotel gebracht. 1869 ertrank er im Mattmarksee. Rasch danach entstanden um sein Leben und seinen Tod Legenden. Man munkelt, Dorfbewohner hätten den Pfarrer ermordet, vielleicht aus Neid auf seinen Erfolg, vielleicht aus Angst davor, welche Folgen seine Ideen haben könnten. (Nicole Quint, DER STANDARD, 20.12.2014)

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