Amazon ist nicht unaufhaltbar

19. Dezember 2014, 09:46
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Lokale Lieferservices bringen den IT-Giganten ins Wanken – denn Geschwindigkeit ist die wichtigste Währung im Versandhandel

Dass Amazon böse ist, gilt zumindest in großen Teilen der Bevölkerung als klare Sache. Der Onlinehändler wirkt immer größer werdender; er kann ganze Branchen erpressen, nützt Steuerlücken und soll seine Arbeiter schikanieren. Vor allem haftet Amazon aber der Mythos des Unbesiegbaren an – so, als würde der IT-Konzern sich nach und nach zumindest den gesamten Handel im Netz zu Eigen machen.

Amazons Achillesferse

Die Vorwürfe gegen Amazon mögen berechtigt sein – Sorgen vor einem unaufbrechbaren Monopol allerdings nicht. Denn der Onlinehändler hat einige Achillesfersen, die momentan von Start-ups ausgenutzt werden. Prinzipiell gilt schon seit längerem, dass Amazons Bilanzen nicht gerade gesund sind: Im vierten Quartal, also zur Weihnachtszeit, werden fette Gewinne eingefahren; den Rest des Jahres sieht es aber trist aus. Der E-Book-Reader Kindle schlägt sich zwar solide, mit dem hauseigenen Fire Phone hat Amazon aber einen desaströsen Flop fabriziert, der laut Amazon-Chef Bezos "Milliarden" kostete.

Mobil bestellen

Wie die "New York Times" analysiert, zeigt nicht nur das Fire Phone, dass Amazon Smartphones grundsätzlich noch nicht verstanden hat. Diese spielen im Onlinehandel eine immer größere Rolle – denn das Nutzungsverhalten ändert sich auch hier. Während sich früher Nutzer mit einer Tasse Kaffee an den Rechner setzten, um Onlineshops zu durchwühlen und einzelne spezifische Produkte zu bestellen, rücken nun Dinge des täglichen Bedarfs in den Fokus.

Alltäglicher Bedarf

Sprich: Man sitzt in der U-Bahn und erinnert sich, dass die Küchenrolle und das Waschpulver aufgebraucht sind. Also nimmt man sein Smartphone und bestellt die zwei Artikel, die noch am selben Tag geliefert werden sollen. Das können aber Start-ups, die mit lokalen Geschäften zusammenarbeiten, um einiges besser als Amazon. In den USA sorgt beispielweise Postmates für Furore: Das Start-up begreift sich als "Anti-Amazon", das die Philosophie des Onlinehändlers umkehrt. "Statt ein riesiges Lagerhaus weit draußen zu haben, machen wir die Stadt selbst zu unserem Lagerhaus", sagt Gründer Bastian Lehmann.

Stadt als Lagerhaus

Das heißt: All die Produkte, die Amazon in seinen Zentren lagert, gibt es im Prinzip in jeder Großstadt beinahe um die Ecke. Man muss als Lieferservice eine Bestellung nur entsprechend organisieren (wie sich ja auch jeder selbst eine Route überlegt, wenn er etwa auf die Mariahilfer Straße oder in ein Shoppingcenter einkaufen fährt) – und schon verfügt man über dieselben Ressourcen wie Amazon. Oder über mehr: Denn im Lebensmittelbereich hinkt Amazon weit hintennach, auch wenn in "Amazon Fresh" Millionen investiert wurden.

Gewichtige Konkurrenz

Hier ist es in den USA beispielsweise Instacart, das kräftig Kunden gewinnt. Die Firmen setzen dabei auf Uber-ähnliche Vertriebssysteme, wollen also ein "organisches Modell", in dem sich die kürzesten Routen selbst ergeben. Auch Google will mit Google Express mitnaschen. Sollten in einigen Jahren selbstfahrende Autos Realität werden, hätte der Suchmaschinist einen weiteren Vorteil gegenüber Amazon. Der Onlineversandhändler sieht natürlich nicht tatenlos zu: Erst diese Woche kündigte man an, in Teilen Manhattans bald binnen 60 Minuten liefern zu wollen.

Kannibalisierung der Branche

Damit ist im Onlineversandhandel eine Entwicklung zu konstatieren, die in nahezu jeder Branche passiert: Ein Innovator tritt auf, hat großen Vorsprung, doch dann kopieren andere das Erfolgsmodell und verbessern es an einigen Stellen. Oft kann es dann eben zum Abstieg des einstigen Vorreiters kommen, wie beispielsweise im Bereich der sozialen Netzwerke mit Myspace und Facebook zu sehen ist. Langsam kommt die Entwicklung auch in Österreich an: Supermarktketten wie Billa versprechen die Lieferung am selben Tag; Wiener Händler kooperieren für einen Service, der Produkte nach Hause liefert. Ob sie Amazon schlagen können, wird sich weisen – möglich ist es aber auf jeden Fall. (Fabian Schmid, derStandard.at, 19.12.2014)

  • Amazon betreibt Lagerhäuser weit außerhalb der Städte – dabei ist die Stadt selbst das beste Warenhaus, meinen neue Start-up-Gründer.
    reuters

    Amazon betreibt Lagerhäuser weit außerhalb der Städte – dabei ist die Stadt selbst das beste Warenhaus, meinen neue Start-up-Gründer.

  • Tatsächlich habe er "milliardenschwere Fehler" gemacht, gab Amazon-Chef Bezos kürzlich zu.
    reuters

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  • Mit "Amazon Fresh" will der Onlinehändler drohende Abwanderung auffangen.
    reuters

    Mit "Amazon Fresh" will der Onlinehändler drohende Abwanderung auffangen.

  • Im Vergleich zur Konkurrenz hinkt Amazon im Lebensmittelsektor noch hinterher.
    apa/epa

    Im Vergleich zur Konkurrenz hinkt Amazon im Lebensmittelsektor noch hinterher.

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