Chefs verstehen ihre Rolle falsch  

19. Dezember 2014, 14:19
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Schlechtes Zeitmanagement und ein zu starker Fokus auf das Tagesgeschäft: Die Hernstein-Studie "Führungsrollen" stellt vor allem Top-Führungskräften kein gutes Zeugnis aus

Führungsrollen werden komplexer, vielschichtiger und anspruchsvoller. Gleichzeitig wird die Zeit, um führen zu können, knapper. So wird das von jenen Führungskräften empfunden, die für die aktuelle Studie des Hernstein-Instituts ("Führungsrollen") in Österreich und Deutschland über ihre Tätigkeit befragt worden sind. Insgesamt waren das rund 1300.

Genauer gesagt, wurden die Führungskräfte - unterer, mittlerer und oberster Ebene - nach dem Modell von Rudolf Wimmer und Thomas Schumacher (Praktische Organisationswissenschaft. Lehrbuch für Studium und Beruf, Heidelberg 2009) über sechs Aufgabenfelder befragt: Gegenwart, Personen, Zukunft, Organisation, Ressourcen sowie Märkte und Umwelt.

Die Gegenwart, also das Tagesgeschäft, nimmt mit 21 Prozent der Wertungen den höchsten durchschnittlichen Anteil ein, gefolgt von Zukunft, Organisation und Personen (17 Prozent). Die Beobachtung und Steuerung von Märkten und Umwelt steht bei den Nennungen mit 13 Prozent an letzter Stelle.

Wo Chefs ihren Platz sehen

Dröselt man die Aufgabenfelder auf die einzelnen Managementebenen auf, so zeigt sich Bemerkenswertes: nämlich dass, wenig überraschend, das untere Management am meisten Zeit mit dem Tagesgeschäft verbringt, das mittlere und obere Management aber - relativ betrachtet - ebenso (beide 20 Prozent).

Auch in Sachen Zukunft sind hier keine "signifikanten Unterschiede" zwischen dem Top-Management und den folgenden Ebenen zu erkennen. Konkret: 19 Prozent des oberen Managements beschäftigen sich mit Zukunft. Unteres und mittleres Management tun dies aber gleichermaßen (17 Prozent).

Ebenso wenig signifikante Unterschiede beim Themenfeld "Märkte und Umwelt": Top-Management 15 Prozent, Mittel-Management 14 Prozent, untere Managementebenen 13 Prozent.

Breite Führungsaufgaben auch ganz oben

Ergebnisse, die einerseits Fragen nach der Ver- oder Einteilung von Ressourcen, andererseits aber auch nach dem Führungsverständnis an sich aufwerfen könnten. Die Studienautoren schreiben dazu: "Das obere Management scheint in ähnlicher Art und Weise mit breiten Führungsaufgaben konfrontiert zu sein."

Bemerkenswert auch das Ergebnis der Frage, in welcher Rolle die Führungskräfte am meisten Freude haben: 44 Prozent planen gerne die Zukunft und widmen sich Fragen der Organisation (43 Prozent). Die Themen Ressourcen (25 Prozent) sowie Märkte und Umwelt (28 Prozent) schneiden, relativ betrachtet, schlecht ab.

Dazu die Studienautoren: "Je nach Thema sind es zehn bis 15 Prozent der österreichischen und deutschen Führungskräfte, die ungern Strategien entwickeln, mit Menschen arbeiten oder Ressourcen planen." Gemessen an der Verantwortung, die diese Führungskräfte tragen, ein hoher Anteil.

Schlechtes Zeitmanagement

Wenngleich die Studie auch aussagt, dass sich die befragten Führungskräfte am meisten nach "mehr Zeit/Energie für Themen rund um Zukunft, Personen und Organisation" sehnen - dafür sei deren Einschätzung nach zu wenig Zeit. Bei genauerer Betrachtung aber zeigt sich, dass es mit dem Zeitmanagement der befragten Manager nicht weit her sein kann.

Sie sind nämlich, so die Autoren weiter, nicht bereit oder imstande, Zeit aus anderen Feldern abzuziehen, um diese in Richtung der gewünschten Themen zu bündeln. Es würden "Rollenanteile" zum bereits bestehenden Portfolio dazukommen. (Heidi Aichinger, DER STANDARD, 20.12.2014)

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