Sexualität in Indien: Abgründe an Unwissen

19. Dezember 2014, 07:00
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Einst feierte Indien im Kamasutra freimütig die Kunst des Liebens. Heute wissen viele Inder oft nicht die einfachsten anatomischen Fakten und sind so ahnungslos, dass ihnen ein 90-Jähriger den Sex erklären muss

Jeden Morgen wartet eine Flut an Briefen und Mails auf ihn. 80 bis 100 Zuschriften sind es am Tag, Zehntausende waren es in den vergangenen zehn Jahren. Aus ihnen sprechen Ängste, manchmal Verzweiflung, aber vor allem frappierendes Unwissen. "Ist es sicher, den Penis beim Schlafen in der Vagina zu lassen?" Geduldig beantwortet Mahinder Watsa jede Frage. "Wenn der Penis erschlafft, rutscht er normalerweise aus der Vagina. Aber selbst wenn er das nicht tut, wird ihn die Vagina nicht zum Frühstück verspeisen."

90-jähriger Pionier

Watsa ist Indiens bekanntester Sexologe, ein Pionier in einem Land, wo schon das Wort Sex tabu ist. Seit zehn Jahren schreibt er im Mumbai Mirror die Rubrik "Frag den Sexperten". Kein anderer spricht so frei über Sex wie der 90-Jährige. Er bekommt viele Hassmails, aber noch mehr Applaus. Seine unverblümten Worte und sein beißender Humor haben ihn zur Kultfigur gemacht.

Warum muss ein 90-Jähriger Indien den Sex erklären? Jener Nation, die der Welt das Kamasutra, das historische Werk über die Kunst des Liebens, schenkte und die auf alten Tempeln Schnitzereien verewigte, die heute nicht nur in Indien als Porno gebannt würden? Doch das ist lange her. Die Obsession der Hindus mit Enthaltsamkeit, die Geschlechtertrennung der Moguln und die viktorianische Prüderie der britischen Kolonialherren haben über die Zeit Sexualität in die Schamecke verdrängt.

Gelernter Frauenarzt

Heute offenbaren die Zuschriften Abgründe an Unwissen. Watsas Leser kommen aus der Mittelschicht. Viele haben studiert - und haben trotzdem keinen Schimmer von anatomischen Fakten. So groß ist das Unwissen, dass Paare über Jahre ungewollt kinderlos bleiben, weil sie nicht wissen, wie man "die Ehe vollzieht" - und Analsex für Standard halten.

Seine Karriere als Kolumnist startete der gelernte Frauenarzt, dessen Frau Promila 2006 starb, bereits in den 60er-Jahren mit Medizintipps in Frauen- und Männermagazinen. Schnell wurde er auch mit Fragen zu Sex überschwemmt. Der Aufschrei war groß.

Konservative Leser zeigten sich empört. Einer reichte sogar Klage wegen Obszönität ein und behauptete, die Leserbriefe seien fingiert. Der Herausgeber der Zeitschrift konterte, indem er dem Richter einen Sack voll ungeöffneter Post zukommen ließ. Die Klage wurde abgewiesen. Langsam weichen auch in Indien die strengen Regeln auf. Waren anfangs Worte wie "Vagina" und "Kondom" noch tabu, kann Watsa heute die Dinge beim Namen nennen. Sein Rat ist gefragter denn je. Indien steckt mitten in einer sexuellen Revolution. Mit der wirtschaftlichen Öffnung schwappen auch westliche Lebensweisen auf den Subkontinent über. Immer mehr junge Menschen haben Sex vor der Ehe. Frauen reklamieren zusehends ihr Recht auf Lust und Liebe.

Wissen aus Pornos

Doch bei der Aufklärung hapert's. Männer beziehen ihr Wissen aus Pornos, die ein brutalisiertes Bild vermitteln und Frauen zu Objekten degradieren. Für Frauen ziemt es sich nicht, Fragen zu stellen. Etwa nach der Periode, geschweige denn nach Orgasmus oder Erektion. Nur wenige Schulen bieten Aufklärungsunterricht. Und der verdient meist nicht den Namen. Die neue rechte Hindu-Regierung in Delhi will sogar alle "anschaulichen" Darstellungen ganz verbieten, weil diese die Jugend verderben würden.

Watsa hat eine Mission. Er will nicht nur aufklären, sondern auch eine angst- und schamfreie Sexualität vermitteln. Seit Jahrzehnten ist er in Organisationen für Aufklärung aktiv. Ans Aufhören denkt der 90-Jährige nicht. Und er will weiter Anfragen beantworten, auch wenn einige Woody-Allen-Filmen entsprungen sein könnten. "Ich bin ein glücklich verheirateter 32-Jähriger. Ich habe eine Ziege. Sie heißt Ramila. In den letzten zwei Monaten habe ich darüber nachgedacht, wie es wäre, mit ihr Liebe zu machen. Ist das normal? Kann ich eine Ziegen-Geschlechtskrankheit bekommen?" Watsa: "Frag Ramila, ob sie das mögen würde! Sodomie ist nicht normal, und es ist illegal." (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, DER STANDARD, 19.12.2014)

  • Die Sexualaufklärung ist in Indien so rückständig, dass viele verheiratete Paare jahrelang kinderlos bleiben, weil sie nicht wissen, wie man "die Ehe vollzieht", und Analsex für Standard halten.
    foto: ap photo/ajit solanki

    Die Sexualaufklärung ist in Indien so rückständig, dass viele verheiratete Paare jahrelang kinderlos bleiben, weil sie nicht wissen, wie man "die Ehe vollzieht", und Analsex für Standard halten.

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