Bryan Ferry: "Es gab Nächte, da wollte ich nicht ins Bett"

Interview21. Dezember 2014, 17:00
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Hört man den Namen Bryan Ferry, denkt man an Glamour und Dandytum - dabei lässt sich mit ihm auch bestens über Jogginghosen, Silvester und Ingwertee plaudern

Als Bryan Ferry die Bar des Hotel de Rome in Berlin betritt, weht sein Schal lose um den Hals. Der 69-jährige Sänger trägt einen Dreiteiler, mit der Hand legt er den Seitenscheitel zurecht, er setzt sich, zurrt den Schal wieder fest, sagt: "Meine Stimme." Zweimal wurde das Interview verschoben, der Arzt hat ihm Ruhepausen verordnet, so ganz geht das nicht, wenn er nebenbei noch sein neues Album "Avonmore" bewerben muss. Darauf diesmal: zehn Lieder, modern eingespielt, zeitlos sanft eingesungen. Eine gute Sonntagsnachmittagsplatte. Bryan Ferry hustet etwas, die Sätze rutschen manchmal ab, dann trinkt er heißen Ingwertee, der vor ihm auf dem Tisch steht. Ja, die guten alten Zeiten sind wohl vorbei.

STANDARD: Mister Ferry, ich bin etwas enttäuscht.

Ferry: Wieso?

STANDARD: Als ich Sie vor zwei Jahren getroffen habe, lagen Sie halb im Sessel, und hinter Ihnen stand eine Flasche Champagner im Kühler. Bryan Ferry, der Lebemann!

Ferry: In den Hotelsuiten stehen die Flaschen herum, aber ich rühre sie kaum an. Ich mag Wein lieber, Champagner trinke ich nicht furchtbar oft.

STANDARD: Zu prickelnd für Ihre Stimme?

Ferry: Einer der Gründe. Mein Arzt rät mir dazu, gar keinen Alkohol zu trinken. Nicht dass ich oft auf ihn höre. Ein Glas Gin vor dem Abendessen, da sage ich nicht Nein. Offenbar bin ich kein Connaisseur, ich trinke Bombay Gin, ein Barkeeper erzählte mir kürzlich, dass das keine besonders tolle Wahl sei. Na ja, er erfüllt seinen Zweck bei mir.

STANDARD: Und der Zweck von Champagner: Zu Silvester die Korken knallen zu lassen?

Ferry: Wenn ich auf eine Party gehe, und in der Eingangshalle steht eine Schale mit Champagnerflaschen, nehme ich halt eine. Ich will ja nicht als schwierig gelten.

STANDARD: Wenn Sie auf so einer Party auftauchen, kommt es vor, dass der Gastgeber ein Lied von Ihnen spielt?

Ferry: Nur wenn er nicht besonders kultiviert ist. Sehr reiche Männer tun das, fragen Sie mich nicht, weshalb. Normalerweise überkommt mich ein Gefühl des Unwohlseins, wenn ich meine Stimme aus den Lautsprechern höre. Ich versuche, mich unsichtbar zu machen, diskret aus dem Zimmer zu verschwinden ...

STANDARD: Sie mögen Partys eigentlich gar nicht.

Ferry: Silvester finde ich überschätzt, Weihnachten hingegen schön. Das ist ein Ritual, das ich mag, weil ich mit meiner Familie zusammen sein kann. So ein altmodischer Brauch wie ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer gefällt mir. Meine vier Söhne sind mittlerweile über 20, aber ich wickle nach wie vor ein paar Bücher in Geschenkpapier ein und lege sie ihnen unter den Baum. Sieht großartig aus.

STANDARD: Wo verbringen Sie die Feiertage?

Ferry: In meinem Landhaus in Sussex. Ich habe meine Jungs dieses Jahr nicht so oft gesehen, weil ich viele Konzerte gegeben und das neue Album aufgenommen habe. Ich freue mich sehr auf diese zehn Tage auf dem Land.

STANDARD: Wird Ihr Sohn Isaac wieder Platten auflegen? Letztes Jahr war er als DJ zu Silvester in Mustique gebucht. Ihnen hätte es gefallen. Sein Set fing an mit "One, two, three, four, four o'clock rock ..."

Ferry: Bill Haley! Wussten Sie, dass ich ihn als Kind sogar mal live gesehen habe?

STANDARD: Wie alt waren Sie?

Ferry: Zehn Jahre, es war ein Konzert 1956 in Sunderland, der Nachbarstadt von Newcastle, wo ich aufwuchs. Bei Radio Luxemburg hatte ich zwei Sitze in der ersten Reihe gewonnen, und ich nahm meine große Schwester mit. Fantastisch! Es sah so wild für mich aus, diese Rockabilly-Jungs auf der Bühne, die auf ihren Gitarren schrammten. Heute würden dies Zuschauer total lahm finden.

STANDARD: Blicken Sie manchmal zurück, wie viel von dem Sprössling eines Minenarbeiters eigentlich noch in Ihnen steckt?

Ferry: Ach ...

STANDARD: Erst haben Sie gelacht, jetzt seufzen Sie.

Ferry: Für Sie sieht das vielleicht seltsam aus, ich denke, ich hatte gar keine andere Wahl. Ich bin einfach ich selbst geworden. Und das habe ich geschafft, indem ich andere Welten erkundet habe, zuerst in Büchern, über Kunst, über Geschichte, ich war fasziniert von der Französischen Revolution. Als ich "Der große Gatsby" von F. Scott Fitzgerald in der Schule las, habe ich mich zum ersten Mal für Literatur begeistert - und nicht nur ein Buch aus Pflicht gelesen, weil wir es im Unterricht behandelten.

STANDARD: Was fanden Sie faszinierend an dem Roman?

Ferry: Den Romantizismus. Fitzgerald beschreibt Dinge wundervoll, trotzdem bemerkt der Leser immer eine bittersüße Note in seinen Beschreibungen. Selbst wenn er eine Party beschreibt, den Exzess der Zeit, spürt man eine Melancholie dahinter. Ich habe mich mit Gatsby identifiziert. Weil ich wie er aus einer armen Familie kam, mir wurde kein goldener Löffel in die Wiege gelegt, ich war ein Selfmademan, dank meiner Eltern und ein bisschen Unterstützung der staatlichen Schulen ist aus mir etwas geworden. Aus dem Jungen aus County Durham wurde eine internationale Figur. Ohne die Unterstützung meiner Eltern wäre ich vielleicht ein Arbeiter geworden.

STANDARD: Sie stocken.

Ferry: Irgendwie kann ich mir das gerade nicht vorstellen. Ich bin, ich weiß nicht, zu sensibel für so eine Arbeit.

STANDARD: Aber das Washington der 1950er-Jahre, diesen Vorort der Industriestadt Newcastle, spüren Sie noch in Ihnen?

Ferry: Ich kann mich hineinversetzen in den siebenjährigen Jungen, der an der Bushaltestelle steht, auf den Bus nach Newcastle wartet und friert. Wie ich mit dem Bus zum Schneider fahre. Ich erinnere mich an die kalten Morgen, wenn ich Zeitung austrug, bevor ich in die Schule musste. Dieser beißende Wind aus Nordosten, der mir ins Gesicht blies. Ich war bis auf die Knochen durchgefroren, deshalb bin ich bis heute empfindlich, wenn es zu kalt ist.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, Sie fühlen sich durch Ihre Karriere vom Arbeiterkind zum Superstar als klassenlos. Heißt das, Sie nehmen sich die Freiheit, manchmal mit der U-Bahn in London zu fahren?

Ferry: Himmel, nein. Ich würde mich komisch auf einem U-Bahnsteig fühlen, wenn mich Menschen anglotzen. Stellen Sie sich doch mal vor, ich steh auf dem Bahnsteig, und an den Wänden hängen womöglich Werbeposter von meinem Album, mit meinem Bild darauf. Wie peinlich wäre das!

STANDARD: David Cameron wurde in der Zeitung abgebildet, wie er die U-Bahn zur Arbeit nahm.

Ferry: Man sah ihm wirklich an, wie unbehaglich er sich dabei fühlte. Das ist albern - Politiker, die den Zug nehmen und sich am liebsten in die dritte Klasse setzen. Warum sollte der Premierminister das tun? Diese Angst, etwas politisch Unkorrektes zu machen, finde ich höchst seltsam.

STANDARD: Das gab es zu Ihrer Jugendzeit nicht.

Ferry: Ganz bestimmt nicht.

STANDARD: Was vermissen Sie am meisten von damals, was es nicht mehr gibt?

Ferry: Natürlich Plattenläden. Das ist ein Schock, wie wenige noch existieren. Zuletzt war ich im September in Chicago in einem fantastischen Geschäft für Jazz- und Bluesplatten. Vinyl, natürlich. Es war so großartig, in diese Welt wieder einzutauchen. Ich kann mich nicht genau erinnern, was ich kaufte, aber es waren ein paar Platten.

STANDARD: Das Ausgehen vermissen Sie im Alter nicht?

Ferry: Sie wissen ja, man kann nicht in den 1970er-Jahren im Rock-Geschäft gewesen sein, ohne wilde Partys erlebt zu haben. Es gab Nächte, da wollte ich einfach nicht ins Bett. Heute bin ich ganz froh, wenn ich um Mitternacht zu Hause bin und schlafen kann.

foto: ap/pizzello
Bryan Ferry im April 2014 auf der Bühne beim Coachella Arts and Music Festival in Kalifornien...

STANDARD: Beneiden Sie junge Menschen, die um diese Zeit erst ausgehen?

Ferry: Ich schätze, ich wäre gern ein wenig mehr wie sie, aber ein echtes Bedürfnis verspüre ich danach nicht. Nach wie vor gehe ich fast jeden Abend aus, vor allem in Restaurants oder zu Ausstellungseröffnungen, nur für einen Club reicht meine Energie nicht mehr aus. Zu Hause lese ich, schaue mir einen Film an, oder mir fällt ein, wem ich noch schreiben sollte.

STANDARD: Warum?

Ferry: Ich schalte schlecht ab und gehe ungern sofort ins Bett zum Einschlafen. Lieber schaue ich mir was im Fernsehen an, schalte das Licht aus und schlafe so ein. Eine tolle Art, den Tag zu beenden. Leider komme ich morgens dann nicht so leicht aus dem Bett.

STANDARD: Verstehen Sie Menschen, die erst um vier Uhr nachmittags aus dem Club nach Hause kommen?

Ferry: Ich finde das seltsam. Auf Ibiza beobachte ich das. Manchmal gehe ich in einen von diesen Riesenclubs, aber um zwei Uhr sage ich: Können wir jetzt bitte gehen? Alle schreien "Yeah", weil sie denken, wir machen jetzt bei mir zu Hause eine Privatparty, und ich muss sie ernsthaft entmutigen mitzukommen, denn ich will wirklich nur ins Bett.

STANDARD: Erholsamer Schlaf schont Ihre Stimme. Damit Sie so samtweich klingt, müssen Sie bestimmt ein paar Regeln befolgen. Trinken Sie mehr Wasser und keinen Alkohol oder Koffein, wenn Sie auf Tournee gehen?

Ferry: Ich trinke viel Ingwertee, vielleicht einen Kaffee pro Woche. Aber Alkohol?

STANDARD: Ah, ein Gin vor dem Auftritt geht immer.

Ferry: Nein, nie! Wenn ich in eine Bar nach dem Konzert gehe, dann gönne ich mir einen Drink, nie backstage. Die Räume hinter den Bühnen sind im Normalfall nicht so schön, dass ich dort bleiben möchte. Lieber in eine Bar, nur: Zu laut darf sie nicht sein. Nach einem Konzert habe ich keine Lust, meine Stimme zu strapazieren, indem ich andere Menschen anschreien muss.

STANDARD: Ein anderes Mittel, um Ihre Stimme zu schonen: Nie jemanden anschreien!

Ferry: Ich verliere meine Beherrschung nur, wenn jemand die Temperatur der Heizung falsch einstellt. In Montreal ist mir das dieses Jahr passiert. Als das Konzert zur Hälfte vorüber war, hatte jemand die glänzende Idee, die Klimaanlage anzustellen. Da stand ich auf der Bühne, verschwitzt, und mit einem Mal fröstelte ich. Drei Tage war ich erkältet und musste deswegen die nächsten Konzerte absagen.

STANDARD: In Berlin mussten Sie wegen einer Kehlkopfentzündung auch ein Konzert absagen. Klimaanlagen sind heutzutage überall: in Hotels, Geschäften ...

Ferry: ... und in Supermärkten. Deshalb laufe ich schnell rein und wieder raus, wenn ich was kaufen muss. Das ist mein einziges Problem: Ich muss gesund bleiben. Im Alter kann das härter werden. Ich bewege mich von Hotelzimmern in Taxis in Flugzeuge, da komme ich in Räume mit unterschiedlichen Temperaturen. Das ist Gift für meine Stimmbänder. Deshalb trage ich fast immer einen Schal.

STANDARD: Außerdem tragen Sie einen maßgeschneiderten Anzug, wahrscheinlich von Ihrem Lieblingsschneider Anderson & Sheppard in London.

Ferry: Ich habe Freunde, die wie Dandys herumlaufen, die mit Monokel und Zylinder aus dem Haus gehen. Da kleide ich mich doch unter ihrem Niveau. Was ich zugebe: Ich laufe nicht in Jogginghosen herum. Besonders Frauen stellen mir häufig diese Frage: Haben Sie nicht Jogginghosen für zu Hause? Nein, nein, habe ich nicht. Im Fitnessstudio, ja, aber doch nicht in der Wohnung.

STANDARD: Oscar Wilde hat gesagt: Man kann nie zu gut gekleidet und nie zu gebildet sein. Gilt das für Sie?

foto: apa/epa/bergen
...und im November in Amsterdam.

Ferry: Scheint so, oder? Dabei gebe ich mir gar nicht so viel Mühe mit meiner Bekleidung.

STANDARD: Kommen Sie, sogar als Student trugen Sie schon Anzüge - während der Hippie-Ära, als alle Schlaghosen und Rüschenhemden anhatten.

Ferry: Das war eine dickköpfige Reaktion auf die Hippies. Ich mochte den Stil des Rat Packs lieber, die Anzüge von Frank Sinatra oder John F. Kennedy. Natürlich war ich geprägt von den Hollywoodfilmen, die ich als Teenager in dem Kino neben unserem Haus gesehen hatte. Cary Grant in "Der unsichtbare Dritte", das war mein Stilvorbild, Anzug, Krawatte, nicht die lumpige Garderobe von Jimi Hendrix.

STANDARD: Mit Anzug treten Sie nach wie vor auf der Bühne auf. Sie sind in den vergangenen Jahren viel getourt, haben in zehn Jahren vier Alben aufgenommen. Warum dieser Ausbruch an Produktivität?

Ferry: Ich habe vier Söhne. Während die aufwuchsen, bin ich kreativ stehengeblieben. Ich versuchte zu arbeiten, konnte mich aber nicht konzentrieren. Die ganze Zeit fühlte ich mich schuldig: wenn ich Konzerte gab, weil ich nicht bei meiner Familie war, wenn ich zu Hause war, weil ich keine Musik machte. Es war eine Situation, aus der es keinen Ausweg gab. Nun sind meine Kinder erwachsen, ich habe eine größere Freiheit, mich wieder meiner Arbeit zu widmen, und meine Söhne sind mir sehr hilfreich. Einige von ihnen geben mir das Gefühl, in einer Band zu sein.

STANDARD: Finden Sie, frei nach einem Albumtitel der Britpop-Band Blur, "Modern Life is Rubbish" - das moderne Leben ist Müll?

Ferry: Überhaupt nicht, ich schaue nur mit Sorgen auf bestimmte Aspekte unseres Lebens, die sich verschlechtern - zum Beispiel die Architektur. Viele moderne Gebäude in unseren Städten finde ich furchtbar.

STANDARD: Sie reden gerade von London?

Ferry: ... verstehen Sie mich nicht falsch, die Stadt ist fantastisch. Sie ist nur zu groß geworden, in ihr leben zu viele Menschen. Investorenpläne ruinieren oft ganze Stadtviertel. Es geht dabei nur um Gier. Nicht zu viel Geld in die Entwicklung zu stecken, aber so viel wie möglich herauszuholen. Traurig, nicht wahr? (Ulf Lippitz, Rondo, DER STANDARD, 19.12.2014)

Bryan Ferry wurde 1945 im englischen Washington, einem Vorort von Newcastle, als Sohn eines Minenarbeiters geboren. Er war als Restaurator und Kunstlehrer tätig, ehe er 1971 unter anderem mit Brian Eno die Gruppe Roxy Music gründete. Große Hits waren "Love is the drug", "Avalon", "Dance away" und einige mehr. Ab 1973 startete Ferry auch eine erfolgreiche Solokarriere. Vor kurzem erschien sein Lounge-Pop-Album "Avonmore". 2011 verlieh ihm die Queen den Titel "Commander of the British Empire".

>> Albumkritik Avonmore - Bryan Ferry: Edel angezogen sei der Mensch und gut

  • Schon zu Zeiten der Hippies trug Ferry lieber Anzüge und Krawatten statt Schlaghosen und Rüschenhemden.
    foto: apa/epa/bergen

    Schon zu Zeiten der Hippies trug Ferry lieber Anzüge und Krawatten statt Schlaghosen und Rüschenhemden.

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