Statistischer Rückenwind für Chinas Wirtschaft

17. Dezember 2014, 11:00
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China hofft trotz Abwärtsdrucks, wachsender Inlandsverschuldung und Deflationsgefahren seine für 2014 politisch vorgegebenen Wachstumsziele zu erreichen

China hat derzeit viele Baustellen zu bewältigen. Die Volksrepublik hofft trotz Abwärtsdrucks, wachsender Inlandsverschuldung und Deflationsgefahren ihre für 2014 politisch vorgegebenen Wachstumsziele von "um die 7,5 Prozent" des Bruttoinlandsprodukts zu erreichen. Die Ergebnisse eines gigantischen Wirtschaftszensus für 2013 sorgen nun rechtzeitig zum Jahresschluss dafür, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt den statistisch nötigen Rückenwind erhält.

Am Dienstag stellte der Sprecher des Staatlichen Statistikamts, Ma Jiantang, die neuen Erkenntnisse aus dem Zensus über die Lage der Unternehmen, der selbstständigen Gewerbe und der Privatfirmen im Industrie- und Dienstleistungssektor vor. Ma nannte das Wachstum robust. Vor allem sind die Unternehmen, auf die Chinas Wirtschaft ihre Zukunft baut, besonders beschäftigungsintensiv. 356 Millionen Personen arbeiteten zum Stichtag 31. Dezember 2013 für alle registrierten Unternehmen in den beiden Sektoren, knapp 83 Millionen Menschen mehr als 2008.

Zahl der Unternehmer steigt

Drei Millionen Zähler waren im Frühjahr 2014 für den dritten Zensus unterwegs. Ihre Ergebnisse: Die Zahl der registrierten Unternehmen in der Leichtindustrie und im Dienstleistungsgewerbe stieg auf 10,8 Millionen, 53 Prozent mehr als im Jahr 2008. Rund 32,8 Millionen selbstständige Gewerbetreibende waren angemeldet, 14 Prozent mehr als 2008. Offiziell stieg Chinas Wirtschaftswachstum 2013 um 7,7 Prozent. Nun muss es nachgebessert werden. Ma verriet, dass es sich um drei Prozent verbessern werde. Genauere Angaben über Anstieg, Umfang und Wert von Chinas Volkswirtschaft im Jahr 2013 will er am Freitag in Peking verkünden. 2004 hatte China die in seiner Statistik traditionell unterbewerteten Dienstleistungen und das private Gewerbe erstmals systematisch in einem eigenen Zensus erfassen lassen. Es hatte das mit der Notwendigkeit begründet, "verlässliche und transparente Daten zu erhalten, die internationalen Normen entsprechen".

Das Ergebnis 2004 zwang nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua Peking, sein Wirtschaftswachstum nachträglich um 16,8 Prozent aufzubessern. Auch die Wachstumszahlen für 2008 erhöhten sich nach dem zweiten Zensus um 4,5 Prozent. "Dank der statistischen Reformen werden die Unterschiede in den Zahlen aber von Zensus zu Zensus kleiner", sagte Ma.

Hohe Wachstumszahlen

Mit neuen Ausgangszahlen für 2013 würde nun auch das auf 7,3 Prozent geschätzte Wirtschaftswachstum für 2014 ansteigen, genug, um Pekings Ziel von 7,5 Prozent zu erreichen. Der neue Zensus belebt die laufende Debatte darüber, wie wichtig hohe Wachstumsraten von mindestens sieben Prozent pro Jahr für die Volksrepublik sind und ob der Staat ihrem Anstieg mit Maßnahmen zur Konjunkturankurbelung nachhelfen muss.

Offiziell hat sich Chinas Regierung vom unhaltbaren doppelstelligen Hochwachstum der Vergangenheit verabschiedet. Sie will die Wirtschaftsweise auf sozial- und umweltverträgliches Wachstum umstellen und Hightech und Dienstleistungen zum Motor dazu machen. Die Führung nennt das sich abschwächende Wachstum "Chinas neue Normalität". Doch Premier Li Keqiang hatte mehrfach erklärt, dass er ein Abrutschen unter sieben Prozent nicht zulassen werde.

Am Montag warnten die traditionell positiv gestimmten Konkunkturanalysten der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS) in ihrem neuen Blaubuch "Wirtschaft 2015", dass sie für das kommende Jahr bestenfalls sieben Prozent Wachstum erwarten. Sie sorgen sich vor Deflation, erwarten einen Anstieg der Verbraucherpreise um nur noch 1,8 Prozent, einen sich abkühlenden Immobilienmarkt und wachsende Verschuldung.

In die Debatte zur Vorbereitung der Vorgaben für den 13. Fünfjahresplan (2016–2020) schaltete sich auch der bekannte Wirtschaftsreformer Li Yining ein, einst Doktorvater von Premier Li an der Universität Peking. Für die Tageszeitung "Beijing Ribao" schrieb er vergangene Woche, dass es weltweit keinen anderen Staat gebe, der "so starr wie China seine Zuwachsraten" im Voraus festlege. China müsse sich an "weiche Kennziffern" gewöhnen und neue Prioritäten wie etwa Beschäftigung setzen, mit denen es den Erfolg seiner Wirtschaftspolitik misst.

Neue Normalität

Die "neue Normalität" sei kein eigenes Wirtschaftskonzept, schreibt Li, sondern nur eine Reaktion auf das künstlich und "blindwütig" verfolgte Hochwachstum zuvor und versuche dessen unhaltbare Folgen zu korrigieren. Er nannte die Ressourcenverschwendung, gravierende Umweltschäden, sinkende Effizienz, Überkapazitäten in einer Reihe von Branchen und den verpassten Zeitpunkt, um Strukturreformen und Innovationen einzuleiten, die jetzt mit großer Mühe und schmerzhaft nachgeholt werden müssten. In einem weiteren Aufsatz kritisierte Li die Blauäugigkeit vieler China-Bewunderer im Ausland, die nur den Status des Landes als zweitgrößte Volkswirtschaft sähen, aber nicht die sich dahinter versteckenden Strukturprobleme. Er nannte den zu niedrigen Hightech-Anteil am Sozialprodukt, falsche Prioritäten bei der Ausbildung.

Wachstumszahlen allein seien nicht aussagekräftig. Sie könnten in China auch weiter nach oben gerechnet werden. So spiegle sich etwa die gesamte private Bautätigkeit der Bauern nicht in der Wachstumsrate der Bauern wieder. Nichtstaatliche Unternehmen tragen zu 55 Prozent zum Sozialprodukt bei, während der staatliche Sektor auf 35 Prozent und Auslandsunternehmen auf um die zehn Prozent kommen. Der Beitrag des nichtstaatlichen Bereichs sei stark unterbewertet. Außerdem seien Angaben über private Gewerbetreibende, die nur nach deren Steuerzahlungen berechnet werden, zu niedrig kalkuliert. Ein Beispiel seien auch die nach Dutzenden Millionen zählenden privaten Haushaltshilfen (Baomu), deren Zahl in den Städten nicht nur ständig wachse, sondern deren Löhne auch gestiegen sind.

Haushaltsdienste

Im neuen Wirtschaftszensus werden Haushaltsdienste zwar erfasst, aber nur pauschal aufgeführt. So nennt der Zensus für 2013 insgesamt 175.000 Vermittlungsagenturen für Haushaltsarbeiten, technische Reparaturen aller Art und andere Hilfsdienste. Es seien 36 Prozent mehr als 2008. Für sie arbeiteten 2,67 Millionen Personen. Die wirklichen Zahlen sind um ein Vielfaches höher.

Genauer ist der Zensus, wenn es um die Erfassung der Hightech-Unternehmen sowie Forschung & Entwicklung (R&D) geht. 2013 arbeiteten 12,9 Millionen Chinesen für 26.894 Hightech-Firmen, 37 Prozent mehr als im Jahr 2008. (Johnny Erling aus Peking, derStandard.at, 17.12.2014)

  • China setzt weiterhin auf Wachstum. Der Binnenkonsum soll angekurbelt werden, damit das Land von Exporten unabhängiger wird.
    foto: reuters/sheng li

    China setzt weiterhin auf Wachstum. Der Binnenkonsum soll angekurbelt werden, damit das Land von Exporten unabhängiger wird.

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