Anschlag als Rache für Offensive der pakistanischen Armee

16. Dezember 2014, 17:25
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Splitter der Taliban-Dachorganisation TPP werden noch radikaler. Auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" rekrutiert in Pakistan

Islamabad/Wien - Anzeichen dafür, dass die im Juni in Nordwaziristan gestartete Offensive der pakistanischen Armee gegen die Taliban zu einem terroristischen Backlash führen würde, gab es schon länger. Erst Anfang November sprengte ein Attentäter eine Kaserne in die Luft, mehr als sechzig Soldaten wurden getötet. Auch diesmal waren die Opfer mit der Armee verbunden: Kinder von Militärangehörigen.

Ende Oktober gab die Armee bekannt, dass bei ihrer Kampagne gegen die Taliban-Dachorganisation TTP, die Tehreek-e-Taliban Pakistan - sie bekannte sich zum Anschlag in Peschawar -, bereits mehr als tausend Militante getötet worden waren. Der innere Kern der TPP rund um Maulana Fazlullah, wegen seiner Predigten im eigenen Sender bekannt als "Mullah Radio" und seit Herbst 2013 "Emir" der Organisation, gilt als geschwächt.

Aufsplitterung schuf Monster

Die Armee kündigte an, das Taliban-Problem bis Ende 2014 lösen zu wollen. Parallel zur Offensive versuchte sie Gesprächskanäle zu TPP-Teilen und zu anderen radikalen Gruppen zu öffnen. Auch von Konzessionen - mit einem Wort: Deals - wird gesprochen. Das betrifft etwa die Punjabi Taliban oder auch eine der ehemals stärksten TPP-Gruppen, jene um Khalid Mehsud in Südwaziristan, die sich im Mai von Maulana Fazlullah abgespalten hat.

Was vielleicht vernünftig klingt - die typische "Divide et impera" -Strategie -, birgt aber neue Gefahren, schreibt etwa im November Neha Ansari, eine pakistanische Politikwissenschafterin, in National: Diese Strategie hat vielleicht ein "Monster" kreiert. Die Splitter einer geschwächten und in Auflösung begriffenen TTP seien noch gefährlicher; auf einen solchen gehe etwa der Angriff von Anfang November zurück. Die Offensive in Pakistan verstärkt auch die Probleme in Afghanistan, wo sich das Rückzugsgebiet der Taliban von Nordwaziristan befindet.

Überlaufen zur IS

Als weitere Folge der TTP-Schwächung schwören auch immer mehr - derzeit mindestens sechs - pakistanische Taliban-Führer dem "Islamischen Staat" (IS) ihre Gefolgschaft. Das heißt, dass die IS die alten Netzwerke der Al-Kaida und deren historische Allianz mit den afghanischen Taliban, die von der Figur des Mullah Omar verkörpert wird, übernehmen könnte.

Der "Islamische Staat" rekrutiert auch in Pakistan; mehrere Hundert Kämpfer sind bei der IS in Syrien und im Irak im Einsatz. Sowohl in Pakistan als auch in Afghanistan wurden IS-Flugzettel in den lokalen Sprachen gefunden.

Die TTP wurde im Dezember 2007 gegründet, sie vereinte ein gutes Dutzend - aber nicht alle - pakistanische Taliban-Gruppen unter der Führung von Baitullah Mehsud. Dieser starb im August 2009 bei einem Drohnenangriff der CIA in Südwaziristan. Die Mehsud (auch Masid) sind ein wichtiger paschtunischer Stamm in der Region. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 17.12.2014)

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