John Neumeier: "Ich will keinen sakralen Tanz schaffen"

Interview16. Dezember 2014, 17:08
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Der Intendant des Hamburg-Balletts zeigt in Wien das "Weihnachtsoratorium". Ein Gespräch über religiöse Werke, Ballettklassiker und den idealen Tänzer

STANDARD: Sie gelten als Spezialist für sakrale Werke. Können Sie mit diesem Label etwas anfangen?

John Neumeier: Ich würde das nie von mir selbst sagen! Ich kann nur sagen, dass mich verschiedene sakrale Musiken zu Choreografien inspiriert haben, zu abendfüllenden Werken wie Messias, Magnificat, Requiem und Matthäus-Passion. Mir ist wichtig, dass meine Choreografien nicht als religiöses Unterfangen gewertet werden. Tanz ist eine Kunst, die mit allen Aspekten des Menschen zu tun hat - und das Spirituelle ist einer davon. Ich will keinen sakralen Tanz schaffen, sondern theatrale Bewegungen, die ein Ausdruck menschlicher Werte sind.

STANDARD: Sie sind dienstältester Ballettchef weltweit, Ihre Werke werden von vielen renommierten Compagnien getanzt. Was bedeutet Ihnen das?

Neumeier: Nicht sehr viel. Ich sehe Tanz als eine absolut lebendige Kunst - und nur das lebt auf der Bühne, was mich im Moment überzeugt und bewegt. Wenn das nicht mehr so ist, würde ich das Stück neu durchdenken, ändern oder nicht mehr machen.

STANDARD: Sie haben Bachs "Weihnachtsoratorium I-III" im Jahr 2007 im Theater an der Wien uraufgeführt. Alle Kantaten von I-VI folgten sechs Jahre später in Hamburg. Ist es ein neues, eigenes Werk?

Neumeier: Ja. Auch in meinem Werkkatalog hat es eine andere Opuszahl bekommen. Gerade die Heterogenität der Teile des für verschiedene Festtage geschriebenen musikalischen Werks machte es für mich reizvoll, meinem inneren Instinkt zu folgen und an der Version von 2007 weiterzuarbeiten. Hierfür ging ich auch in den ersten drei Teilen choreografisch neue Wege, um einen Bogen über das gesamte Werk zu schlagen. Entstanden ist ein neues, alle sechs Teile umfassendes Werk, das dem geschlossenen Charakter von Bachs Weihnachtsoratorium Rechnung trägt.

STANDARD: Sind Ihre Stücke auf jede Bühne übertragbar?

Neumeier: Es ist immer spannend, wenn man ein Werk in einem Theater neu herausbringt. Im Theater an der Wien etwa ist die Bühne deutlich kleiner als in Hamburg. Für mich ist es immer interessant, die "Persönlichkeit" jedes Theaters zu begreifen und das Werk danach zu sehen. Ich versuche also nicht, die Hamburger Kreation woanders genau zu rekonstruieren, sondern zu spüren, wie sie in einem anderen Theater besser atmen könnte.

STANDARD: Welche Fassung eines Werkes soll in 100 Jahren gespielt werden?

Neumeier: Die letzte Fassung ist die gültige. Der Tanztext ist ziemlich gut notiert, es gibt auch Experten wie Kevin Haigen, die wissen, wie es musikalisch gedacht ist. Aber im Grunde gibt es eine große Freiheit für die emotionale Verwirklichung.

STANDARD: Welche Ensembles bevorzugen Sie? Wie ist Ihr typischer Tänzer?

Neumeier: Ich habe noch nie ein Werk an eine Company gegeben, wenn ich nicht überzeugt davon war, dass es zu ihr passt. Ein Neumeier-Tänzer: Es gibt davon kein Klischee. Wenn ich eine Compagnie anschaue, geht's darum, wer mein Auge einfängt mit seiner Persönlichkeit. Heutzutage ist der technische Standard so hoch wie noch nie, und viele Tänzer sehen ähnlich aus. Natürlich muss die technische Voraussetzung da sein, aber das Wichtigste für einen "Neumeier-Tänzer" sind die Ehrlichkeit, die Verletzbarkeit und der Umstand, dass es nicht um Manierismen geht. Ein Tänzer ist nicht nur ein Ausführender, sondern er muss auch die Motivation für seinen Part in sich selbst finden - ja, ein kreativer Künstler sein!

STANDARD: Alle paar Jahre wird eine Krise des Balletts beschworen. Waren die Sechzigerjahre eine bessere Zeit für den Tanz?

Neumeier: Das ist eine schwierige Frage, weil sie mein Denken begrenzt. Jemand der noch täglich in seiner Küche arbeitet, kann das Allgemeine nicht richtig beurteilen. Aber ich kann vielleicht sagen, dass die erste aufregende Zeit bis zu meinem Weggang aus Stuttgart 1969 etwas unschuldiger war als die heutige. Schon durch die Entwicklung der Kommunikationsmöglichkeiten hat sich viel verändert. Ich möchte zum Beispiel etwas über einen Tänzer wissen und brauche nur in mein Telefon zu schauen, um ihn in 20 verschiedenen Rollen zu sehen. Als das Stuttgarter Ballett nach New York ging, war es in dieser Weltstadt etwas völlig Neues und Unbekanntes. Nicht einmal den Namen konnte man dort richtig aussprechen. Wenn ich heute die junge Generation von Choreografen anschaue, bedauere ich, dass sie oft ziemlich ähnlich aussehen. Vielleicht, weil sie zu viel nach außen sehen und nicht quasi in sich hineinschauen, um etwas Neues und Originelles zu schaffen?

STANDARD: Sie sind bis 2019 Intendant des Hamburg-Balletts. Wie möchten Sie es einmal übergeben?

Neumeier: Ich denke, wie ein Kind, das eine gute Kindheit hatte. Wie ein gutes Konto, auf das man zurückgreifen kann. Es müsste Kreativität und Geist herrschen, denn das macht das Hamburg-Ballett letztlich aus. (DER STANDARD, 17.12.2014)

Theater an der Wien, ab 17.12.

John Neumeier ist ein US-amerikanischer Choreograf und seit 1973 Ballettdirektor des Hamburger Balletts.

  • An gegenwärtigen Ballettgruppen stört ihn, dass sie sich alle ein wenig zu ähnlich sind: US-Choreograf John Neumeier bringt Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium" ans Theater an der Wien, wo es an die Verhältnisse des Hauses angepasst wird: Es zähle immer die letzte Aufführung.
    foto: epa/maja hitij

    An gegenwärtigen Ballettgruppen stört ihn, dass sie sich alle ein wenig zu ähnlich sind: US-Choreograf John Neumeier bringt Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium" ans Theater an der Wien, wo es an die Verhältnisse des Hauses angepasst wird: Es zähle immer die letzte Aufführung.

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