Pakistan will nach Taliban-Angriff wieder Todesstrafe anwenden

Video17. Dezember 2014, 08:59
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  • Staatstrauer im ganzen Land nach Geiselnahme
  • Armee: Alle sieben Angreifer tot
  • Taliban-Kämpfer drangen in Armeeuniformen verkleidet in Schule in Peshawar ein
  • Rund 150 Tote, 132 davon Schüler
  • Taliban-Sprecher: "Wir wollen, dass sie unseren Schmerz spüren"
  • Provinz Khyber Pakhtunkhwa immer wieder Ziel von Anschlägen

Peshawar - Pakistans Regierung will nach dem Massaker von Taliban in einer Schule in Peshawar die Todesstrafe wieder anwenden. Das bisher geltende Moratorium werde aufgehoben, teilte Regierungschef Nawaz Sharif am Mittwoch mit. Für terroristische Straftaten werde die Todesstrafe wieder angewandt.

Staatstrauer im ganzen Land

Nach dem Überfall auf eine vom Militär betriebene Schule in Peshawar hat am Mittwoch eine dreitägige landesweite Trauer um die Toten begonnen. Die Zahl der Todesopfer schwankte nach unterschiedlichen Angaben zwischen 148 und 153, unter ihnen mehr als 130 Kinder. Mehr als 250 Personen wurden verletzt, wie die Regierung der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa mitteilte.

Am Dienstagabend beendete die Armee die Geiselnahme nach stundenlangen Gefechten. Die Extremisten waren vormittags in die vom Militär betriebene Schule eingedrungen und hatten das Feuer auf Schüler und Lehrer eröffnet, die sich im Auditorium zu einer Prüfung versammelt hatten. Schüler flüchteten vor den Angreifern, versteckten sich unter Möbeln oder in den Rohren der Klimaanlage.

Die Extremisten nahmen in der Army Public School & College hunderte Schüler und Lehrer als Geiseln. Soldaten riegelten daraufhin das Gelände ab und gingen gegen die Angreifer vor. Am Dienstagabend gab die Armee bekannt, dass alle sieben Angreifer getötet worden seien.

Armeechef Raheel Sharif kündigte gleichzeitig Vergeltung "bis zur vollständigen Ausschaltung" der militanten Islamisten an. Die Luftwaffe flog noch am Abend laut Medienberichten mehrere Angriffe auf Taliban-Stellungen.

Die Extremisten hatten nach Angaben von Militärsprecher Asim Saleem Bajwa bei dem Überfall nur ein Ziel: "Unschuldige Kinder zu töten". "Sie wollten überhaupt keine Geiseln nehmen", wurde der General in der Nacht auf Mittwoch von pakistanischen Medien zitiert.

Feuer eröffnet, Sprengsätze gezündet

Die Angreifer waren in Armeeuniformen auf das Schulgelände gestürmt und hatten das Feuer auf die Schüler eröffnet und Sprengsätze gezündet. Offiziere am Ort des Geschehens berichteten, dass sich zu diesem Zeitpunkt rund 500 Schüler und Lehrer auf dem Gebäude aufhielten.

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Selbstmordattentäter

Ein Schulbusfahrer sagte: "Wir standen draußen, und plötzlich begann eine Schießerei. Überall brach Chaos aus. Schüler und Lehrer schrien." Ein Lehrer berichtete vor der Schule, es hätten gerade Prüfungen stattgefunden, als der Überfall begonnen habe. "Nach einer halben Stunde war die Armee da und hat das Gebäude abgeriegelt." Dann rückten die Soldaten von Raum zu Raum vor.

"Wir waren im Prüfungsraum, als plötzlich Schüsse fielen", berichtete ein Schüler. "Unsere Lehrer sagten, wir sollten uns flach auf den Boden legen und still sein. Wir sind da eine Stunde gelegen. Es fielen eine Menge Schüsse. Als sie abflauten, kamen unserer Soldaten und brachten uns hinaus."

"Wir wollen, dass sie unseren Schmerz spüren"

Ein Taliban-Sprecher sagte der Nachrichtenagentur Reuters zunächst, Selbstmordattentäter der Gruppe seien in die Schule eingedrungen. Sie hätten die Anweisung, den Schülern nichts anzutun. Ihr Ziel sei das Militärpersonal. Später fügte er gegenüber Reuters jedoch hinzu: "Wir haben die Schule ins Visier genommen, weil die Armee unsere Familien ins Visier genommen hatte. Wir wollen, dass sie unseren Schmerz spüren."

Peshawar ist die Hauptstadt der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Diese grenzt an die halbautonomen Stammesgebiete an der Grenze zu Afghanistan, die als Hochburgen von Al-Kaida und anderen radikalislamischen Gruppen wie den Taliban gelten. Sie verüben in der Region immer wieder Angriffe und Anschläge auf Armee und Regierung.

Der Chef der größten Partei in Khyber-Pakhtunkhwa verurteilt den Angriff.

Ministerpräsident Sharif nannte den Angriff eine nationale Tragödie und ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Die Schule wird von mehr als 1.000 Schülern besucht und bietet Unterricht für Altersstufen vom Kindergarten bis zur Oberschule an. Die Armee betreibt mehr als 120 dieser Schulen in ganz Pakistan.

Die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai verurteilte das Massaker als "grauenhaft und feige". "Dieser sinnlose und kaltblütige Terrorakt in Peshawar, der sich vor unseren Augen abspielt, bricht mir das Herz", sagte die 17-Jährige am Dienstag in London. (red, APA, 17.12.2014)



Hintergrund: Islamistische Anschläge in Pakistan

Pakistans nordwestliches Grenzgebiet zu Afghanistan gilt als Rückzugsgebiet für radikalislamische Gruppen wie die Taliban und das Terrornetz Al-Kaida. Bei Anschlägen kamen schon zigtausende Zivilisten und Angehörige der Sicherheitskräfte ums Leben.

November 2014: Bei einem Selbstmordanschlag an der Grenze zu Indien sterben rund 60 Menschen. Ein Jugendlicher sprengt sich an einem Grenzübergang nahe der Stadt Lahore in die Luft.

Juni 2014: Taliban-Kämpfer greifen als Polizisten getarnt einen Flughafen in Karatschi an. Bei stundenlangen Gefechten werden die zehn Angreifer und Dutzende weitere Menschen getötet. Die Attacke sei die Rache für Luftangriffe der pakistanischen Armee, sagt ein Sprecher der Extremisten.

März 2014: Die Extremisten greifen ein Polio-Impfteam an, am Straßenrand detonieren zwei Bomben. Zehn Polizisten in Begleitung des Teams sterben. Die Islamisten glauben, die Impfungen seien Teil einer Verschwörung des Westens und sollten Muslime unfruchtbar machen.

September 2013: Bei einem Selbstmordanschlag auf Christen vor einer Kirche in Peshawar kommen rund 80 Menschen ums Leben. Zwei Attentäter sprengen sich nach dem Gottesdienst in die Luft.

  • In Pakistan wird der Todesopfer gedacht.
    foto: epa/shahzaib akber

    In Pakistan wird der Todesopfer gedacht.

  • Schüler fliehen vor den Terroristen, die ihre Schule überfallen haben.
    foto: reuters/khuram parvez

    Schüler fliehen vor den Terroristen, die ihre Schule überfallen haben.

  • Soldaten gehen in Peshawar in Deckung.
    foto: ap photo/mohammad sajjad)

    Soldaten gehen in Peshawar in Deckung.

  • Karte vom Ort des Geschehens.

    Karte vom Ort des Geschehens.

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