Muhammed Fethullah Gülen: Erdogans feindlicher Glaubensbruder

Kopf des Tages15. Dezember 2014, 17:55
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Lange galt Gülen als Stütze der türkischen Regierung. Nun wirft ihm diese vor, einen Putsch geplant zu haben

Er lebt abgeschirmt auf einem privaten Anwesen, zwei Autostunden von New York, und führt Krieg gegen einen Präsidenten und dessen Claqueure auf einem anderen Kontinent – auch wenn er das nie zugeben würde.

Muhammed Fethullah Gülen, Imam, Prediger und Chef eines weltumspannenden, aber unsichtbaren Netzes von Unternehmen, Wohltätigkeitsorganisationen und Schulen, spricht in Gleichnissen oder schweigt vernehmlich. Derzeit sind Hochmut und Verblendung seine bevorzugten Themen.

Wer hat die Feindseligkeiten eröffnet – der nun 73-jährige Gülen oder Tayyip Erdogan, der noch bis 2024 als Präsident weiterregieren will? Es ist nicht leicht zu entscheiden. Doch mit der Festnahme von Gülens wichtigsten Gehilfen in der Türkei, des Chefredakteurs der Tageszeitung "Zaman" und des Direktors des TV-Senders Samanyolu, hat Erdogan die Endrunde im Kampf dieser feindlichen islamistischen Brüder eröffnet.

Einfach war das Verhältnis nie. Erdogan und Gülen stammen aus verschiedenen Schulen der Naqschbandi, eines Sufi-Ordens: der heutige Präsident aus einer Gruppe um den islamistischen Premier Necmettin Erbakan (1995–1997); der Prediger Gülen dagegen gilt als Führer der Anhänger von Said Nursi (1876–1960), einem Islamgelehrten, der Religion und Wissenschaften verband und Bescheidenheit predigte. Erdogan steht für politischen Islam, Gülen für eine innere, auf Bildung ausgerichtete Religion.

Tränenreiche Predigten

Gülen wurde 1941 in der Provinz Erzurum im Osten der Türkei geboren. Arabisch und den Koran lernte er zunächst von seinem Vater, ebenfalls ein Imam. Charisma und rhetorisches Talent verschafften Fethullah ("Gottes Eroberung") Gülen schon als jungem Prediger in Izmir Zulauf.

Nach dem Putsch 1971 kam er für sieben Monate ins Gefängnis, doch seine tränenreichen Predigten machten seine Gefolgschaft nur größer.

Als Erbakan 1997 von der Armee zum Rücktritt gezwungen wurde, verbündeten sich Gülen und Erdogan. Der Prediger setzte sich 1999 in die USA ab, wohl um einem vom Militär inszenierten Verfahren zu entgehen; doch seine Heerschar an gebildeten Gläubigen, rekrutiert in Gülens Schulen und finanziert von Unternehmern, stützte ab 2002 wesentlich die Erdogan-Regierungen in Verwaltung und Medien.

Spätestens als Erdogan Gülens Nachhilfeschulen verboten hatte, brach der Konflikt aus. Heute wirft er Gülen nicht weniger vor, als den Staat umstürzen zu wollen. (Markus Bernath, DER STANDARD, 16.12.2014)

  • Prediger Muhammed Fethullah Gülen lebt im US-Exil, kämpft aber um seinen Einfluss auf die türkische Politik
    foto: reuters/selahattin sevi

    Prediger Muhammed Fethullah Gülen lebt im US-Exil, kämpft aber um seinen Einfluss auf die türkische Politik

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