Putin, Orbán, Erdogan

Einserkastl15. Dezember 2014, 17:07
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Die scheinbaren Reformer zeigen sich als das, was sie sind

Wir haben ein neues Modell von politischer Herrschaft zu registrieren: die "autokratische Demokratur". Sie entsteht typischerweise in Ländern mit schwierigen Verhältnissen, aber Entwicklungspotenzial. Eine Verbesserung sowohl beim Lebensstandard wie bei der demokratischen Kultur schien möglich. Starke Persönlichkeiten würden den Übergang meistern: Wladimir Putin in Russland, Viktor Orbán in Ungarn, Tayyip Erdogan in der Türkei.

Es gab Erfolge, auch echte Zustimmung in der Bevölkerung. Aber dann passierte etwas. Die starken Männer begannen zuerst die Opposition abzuwürgen, dann die kritischen Medien. Staatliche Strukturen wurden auf ihre Bedürfnisse hingeschneidert. Kritiker wandern ins Lager oder ins Gefängnis oder ins Exil. Die Bevölkerung wählte sie mehrheitlich trotzdem. Allerdings protestierte ein Teil - meist die gebildete Mittelschicht. Sie wurde niedergeknüppelt. Nun zeigten sich die scheinbaren Reformer endgültig als das, was sie sind: Autokraten, die niemanden neben sich dulden.

Um ihre Popularität zu steigern und von ersten Misserfolgen abzulenken, wurden die Autokraten nationalistisch. Sie trauern aggressiv der großen Vergangenheit nach: Putin der Sowjetunion, Orbán Großungarn und Erdogan dem Osmanischen Reich. Und sie suchen als verwandte Seelen aneinander Halt. Sie betreiben ihren Opfermythos immer radikaler. Wie weit werden sie gehen? (Hans Rauscher, DER STANDARD, 16.12.2014)

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