Mykene liegt in Oberösterreich

15. Dezember 2014, 17:29
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Ein rätselhaft schwieriges Stück von Ewald Palmetshofer mit dem Titel "die unverheiratete" wird im Akademietheater famos zur Uraufführung gebracht. Sieben Frauen, voran Elisabeth Orth, brillieren

Wien - Das Licht ungezählter Neonröhren flackert. Rote Vorhangbahnen sinken wie Blutschleier auf und nieder. Es wird Gerichtstag gehalten im Wiener Akademietheater. Das jüngste Stück des Oberösterreichers Ewald Palmetshofer heißt die unverheiratete und wühlt den Boden der Geschichte auf. Gefragt wird nach der Schuld der Eltern. Gesucht wird die Ursache für das Verhängnis im ältesten Wurzelgrund des Mythos: im Boden von Mykene, unter dem Beil Elektras.

Im April 1945 wird eine Postamtsgehilfin in Mönchdorf Ohrenzeugin eines Telefonats. Ein Wehrmachtssoldat spricht von "abhau'n". Die Frau denunziert den vermeintlichen Deserteur bei einer NS-Ortsgruppencharge. Da ist Wien bereits gefallen, und der junge Mann stirbt einen späten, nicht zu sühnenden Tod.

Aus den Gerichtsakten des Falles hat Palmetshofer einen Rätseltext verfertigt. In dem ist die Täterin von einst (Elisabeth Orth) die Wiedergängerin ihrer selbst. Über 90 Jahre alt ist sie, "hingefallen" soll sie sein. Hier, in Robert Borgmanns herrlich unbekümmerter Inszenierung, sieht man nur eine ungebrochene, alte Frau, die von innen heraus leuchtet. Fragen wehrt sie ab wie lästige Fliegen.

"Die Alte" war einst die zu Zuchthaus verdonnerte Denunziantin. Heute führt sie mit mürrischem Wesen die Nachwelt hinters Licht. Man sieht ihre Tochter als "die Mittlere" (Christiane von Poelnitz) beim symbolischen Klytaimnestra-Töten. Sie schlägt mit der Axt herzhaft in den Familientisch. Offenbar hat schon länger keiner in Omamas Küche aufgeräumt: Die Erde spritzt. Das spart Menschenleben und ist zivilisierter, als die Mutter zu meucheln.

Palmetshofers Neubelebung des Atridenstoffes enthält einige wichtige Denkanstöße. Männer oder Väter sind von seiner Versuchsanordnung ausgeschlossen. Frauen werden strikt getrennt in Täterinnen (Großmutter) und in Untätige (Tochter, Enkelin).

Der jüngste Spross (Stefanie Reinsperger) ist eine stämmige Schöne, die wunderbar Akkordeon spielt. Die Verzweiflung über die ungeklärte Herkunft übersetzt Reinsperger in rasendes Deklamieren. Wut kocht in ihr hoch, dann vermählt sie ihren Zorn mit Schnaps (aus der Plastikflasche) und frischer Erde. Reinsperger ist als erdnahes Zauberwesen eine Entdeckung dieser Burg-Spielzeit.

Ein Chor für Franz Schubert

Agamemnon gibt es keinen, ebenso keinen Orest. Kinder sind hier Töchter: Produkte kurzer, herzloser Umarmungen. Und die Urmutter selbst setzt sich über alle Erklärungsversuche souverän hinweg. Im Akademietheater steigt die Orth beschwerlich über die Grabhügel der vielen ungenannten, unbekannten Toten. Ein Chor von vier Damen mit Korkenzieherlocken macht sich an die Mauerschau. Man blickt noch einmal in den Gerichtssaal des Entnazifizierungsprozesses, und die Schilderung der Frauen geht in süßes Jambengeschnatter über.

Alles ist merkwürdig an dieser geisterhaften Unternehmung. Voran die Chorspielerinnen, die aussehen, als wären sie mit Franz Schubert gut bekannt. Sie stecken die Köpfe in anderer Leute Angelegenheiten. Sie machen später als Businesswomen beste Figur. Der Autor nennt die Meute der geschwätzigen Frauen "die Hundsmäuligen" (Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Alexandra Henkel). Und weil irgendwie Blutwursttag ist, darf man sie mit demselben guten Recht für Erinnyen, also Rachegeister ansehen.

Hinter der formschönen Bühnenschachtel (Ausstattung: Borgmann), die bei Bedarf nach oben gezogen wird, lauert Kitsch. Doch es ist ein Weihnachtswunder: Alle Beteiligten behalten recht. Die Regie füttert Palmetshofers sperriges Erzählen mit Einfällen. Besichtigt werden Spukgestalten aus Fleisch und Blut, die niemand erlösen kann. Das rettende Wort des Schuldeingeständnisses kommt nicht über die Lippen.

Orth überschaut das Albtraumland wie eine Königin aus Blei. Entrinnen gibt es keines: Die Flügeltüre hinten führt nicht ins Freie, sondern in eine Abstellkammer. "Die Mittlere" kniet als Elektra an der Rampe nieder, ihr Haupt wird mit Blut übergossen. Vergebens: Mutter lässt sich nicht zur Rede stellen. Sie fügt Masche um Masche an den langen Schicksalsfaden, den sie hinter sich herzieht. Das Früchtchen am Ende der Überlieferungskette (Reinsperger) behält das letzte Wort. Es handelt davon, den Männern "die Tat" nicht zu überlassen. Jubel für alle, vor allem für die famose Elisabeth Orth. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 16.12.2014)

  • Das Wort des Schuldeingeständnisses kommt trotz vieler Ewald-Palmetshofer-Jamben nicht über die Lippen der "Alten": Elisabeth Orth, ursprünglich für Kirsten Dene eingesprungen, triumphiert in einer bilderreichen Meditation über den Atridenmythos ohne Männer.
    foto: georg soulek

    Das Wort des Schuldeingeständnisses kommt trotz vieler Ewald-Palmetshofer-Jamben nicht über die Lippen der "Alten": Elisabeth Orth, ursprünglich für Kirsten Dene eingesprungen, triumphiert in einer bilderreichen Meditation über den Atridenmythos ohne Männer.

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