Als Herr Sommer durch Pjöngjang gelaufen ist

Interview16. Dezember 2014, 13:26
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Ein Amateur aus St. Pölten ist der einzige Österreicher, der je am Marathon in Nordkoreas Hauptstadt teilgenommen hat - das könnte noch eine Zeitlang so bleiben

Seit 1981 wird in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang ein Marathon ausgetragen. Der Lauf findet immer am Sonntag vor oder nach dem Geburtstag des Staatsgründers und späteren Diktators Kim Il Sung (1912 - 1994) statt, dem höchsten Feiertag des Landes. Offiziell ist das Rennen nach dessen Geburtsort Mangyŏngdae benannt, der etwas außerhalb von Pjöngjang liegt. Kleine Häuschen stehen dort, angeblich original - tatsächlich jedoch rekonstruiert. Es ist eine Art Wallfahrtsstätte, jeder ausländische Tourist muss sie besuchen - wie auch Kims Mausoleum auf der anderen Seite der Stadt.

2014 waren erstmals auch Amateure aus dem Ausland zugelassen. 220 Läufer ergriffen die Chance, darunter der St. Pöltner Josef Sommer (46). Der phasenweise ambitionierte Amateur (Bestzeit 3:25:56), der bereits Marathons in New York, Chicago oder Berlin hinter sich hat, ist damit der erste und bisher auch einzige Teilnehmer aus Österreich.

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derStandard.at: Wie kommt man dazu, bei einem Marathon in Nordkorea mitzulaufen?

Sommer: Ich bin von der nordkoreanischen Botschaft in Wien zu einer Veranstaltung eingeladen worden, da hat man touristische Initiativen vorgestellt. Ich war im Jahr davor mit einer organisierten Reise im Land und habe darüber einen Artikel veröffentlicht. Bei diesem Empfang hat sich dann die Idee einer Teilnahme am Marathon konkretisiert - überraschenderweise ist alles ganz schnell und problemlos gegangen. Es haben ja noch nie zuvor ausländische Amateure mitmachen dürfen.

derStandard.at: Sie sind Journalist, da gilt es ja eigentlich als besonders problematisch, eine Einreisegenehmigung zu bekommen...

Sommer: Ich habe einen falschen Beruf angegeben. Das war natürlich absurd, weil die Leute vom staatlichen Reisebüro mich ja eingeladen haben, eben weil ich als Journalist arbeite. Die hatten sogar meine Visitenkarte, haben bei diesem Spiel also wissentlich mitgespielt. Formal wurden die Regeln ja eingehalten.

foto: valentin reiter
Volle Ränge im Kim-Il-sung-Stadion, dem Start- und Zielort des Marathons.

derStandard.at: Und Sie sind also der erste Österreicher im Feld gewesen?

Sommer: Ich habe mir das extra per Mail bestätigen lassen. Die Amateure waren so gut wie alle Ausländer, nur ein Nordkoreaner war da dabei. Ein recht alter Mann, der beim Halbmarathon angetreten ist. Ich habe ihn zuerst für einen Japaner gehalten. Das hat mich gewundert, denn Beziehungen zwischen den beiden Staaten existieren praktisch nicht. Aber dann habe ich während des Laufes bemerkt, dass er sich mit den Zuschauern unterhalten hat. Südkoreaner konnte es keiner sein, denn die dürfen nicht einreisen. Dann habe ich seine Schuhe gesehen - schlapfenähnliche Dinger - da war klar, das konnte nur ein Einheimischer sein.

derStandard.at: Hat man auf etwas besonders achten müssen?

Sommer: Kleidung auf der eine amerikanische oder japanische Fahne zu sehen ist, darf nicht verwendet werden. Ein Amerikaner hatte so ein Symbol auf seiner Hose, er hat seinen Lauf dann mit Jeans absolviert - zum Glück nur über zehn Kilometer. Es hat an der Strecke auch keine mobilen Toiletten gegeben. Es waren zwar welche ausgeschildert, aber das waren normale WC in öffentlichen Gebäuden oder sogar einfach in Restaurants. Da kam es vor, dass es über Stiegen in irgendwelche Untergeschoße hinunter ging. Gut, dass ich durchgekommen bin, ohne müssen zu müssen.

derStandard.at: Und die Organisation?

Sommer: Da gab es schon Kuriositäten. Für die Fahrt zum Stadion wurden Gruppen von Läufern und Nichtläufern gebildet - angeblich, um ein Durcheinander zu vermeiden. Dann sind aber alle Busse sowieso auf dem selben Parkplatz angekommen. Und die Eingänge waren zwar getrennt, aber nur 20, 30 Meter voneinander entfernt. Es sind letztlich also doch wieder alle zusammen gewesen.

Für Profis und Amateure gab es getrennte Wertungen, was ja sonst unüblich ist. Auch eine eigene Siegerehrung wurde für die Amateure abgehalten. Beim Lauf über zehn Kilometer waren fast nur Juxläufer dabei. Ein Amerikaner, mit dem ich in Kontakt gekommen bin, hat ungefähr vier Stunden dafür gebraucht, der ist quasi vier Stunden durch die Stadt spazieren gegangen. Er hat mit seinem Handy auch fotografiert, was eigentlich nicht erlaubt ist.

foto: valentin reiter
Herr Sommer erreicht das Ziel. Seine Zeit von 3:26:22 reicht für den achten Platz, löst aber trotzdem ein kleines Ärgernis aus: eine neue persönliche Bestmarke wäre - ganz unerwartet - in Reichweite gewesen.

derStandard.at: Beschreiben Sie ein bisschen den Parcours...

Sommer: Es ist ein Rundkurs, vier Mal zu absolvieren. Start und Ziel ist im Kim-Il-sung-Stadion, das noch aus der japanischen Kolonialzeit stammt. Weitgehend ist die Strecke eben. Eine Steigung gibt es aber, einen Hügel im Park hinauf. Oben steht der "Freundschaftsturm", der an die Unterstützung durch die Chinesen im Koreakrieg erinnert. An einem Monument für den "Ewigen Präsidenten", dem "Turm der Unsterblichkeit", geht es dann auch vorbei. Man überquert zwei Brücken und muss durch zwei Tunnels. Die sind zwar praktisch ohne Beleuchtung, aber man findet schon durch. Das Wetter war ideal, trocken und eher kühl. An den Verpflegungsstellen wurde auch Tee angeboten. Es war persönlicher als bei anderen Marathons die ich kenne. Die Teilnehmerzahl ist ja recht überschaubar gewesen, zeitweise bin ich praktisch alleine gelaufen. Es waren viele Zuschauer da, besonders Kinder. Die haben zuerst nur gewunken, sich nach der zweiten, dritten Runde dann aber schon getraut, sich zum Abklatschen mit den Läufern aufzustellen.

derStandard.at: Sie konnten sich ja nicht frei in der Stadt bewegen...

Sommer: Jedem Ausländer werden zwei Begleiter von der staatlichen Tourismusbehörde zugeteilt, sie sprechen die Landessprache der Besucher. Einer war Sprachstudent, der konnte so eine Art Praktikum mit Native Speakern absolvieren - sonst ja so gut wie unmöglich, für Nordkoreaner. Zusätzlich gibt es auch noch einen Chauffeur. Im Hotel ist ein ganzer Stock nur für diese Guides reserviert. Verlässt man alleine das Gebäude, wird man in kürzester Zeit zuverlässig von der Polizei wieder zurückgeschickt.

derStandard.at: Was hat Sie besonders beeindruckt?

Sommer: Die Ankunft im Stadion. Es sollen 50.000 Menschen da gewesen sein, jeder Läufer ist ziemlich frenetisch bejubelt worden. Ich glaube übrigens nicht, dass das eine Pflichtveranstaltung für die Leute gewesen ist. Alle waren schön angezogen, sie schienen sich tatsächlich zu freuen, da zu sein.

foto: josef sommer
Zerstreuung für alle im Vergnügungspark: Uniformierte zu fotografieren ist, erraten, eigentlich verboten.

derStandard.at: Und das sonstige Umfeld? Gibt es Besonderheiten?

Das Drumherum hält sich in Grenzen. Pasta-Parties, Expos oder so etwas - Fehlanzeige. Auch mit Information geht man sparsam um. Wir haben einen Zettel bekommen, auf dem die Startzeit und eine Streckenskizze drauf waren. Verirren ist aber sowieso ausgeschlossen, weil der Parcours komplett abgesichert ist. Das erlaubte Zeitlimit beträgt vier Stunden, ziemlich ambitioniert. Das wurde dann auch konsequent durchgezogen: bei Erreichen dieser Marke hat man im Ziel mit dem Abbau der Zeitnahme begonnen. Es gibt keine offizielle Website des Marathons, auch keine offiziellen Ranglisten. Die Urkunde mit meiner Laufzeit ist mir zwei Tage nach dem Rennen von meinem Guide überreicht worden. Begleiter der Läufer müssen sich während der Veranstaltung im Stadion aufhalten. Das ist natürlich wenig unterhaltsam, auch wenn es zum Zeitvertreib zwei Fußballspiele mit nordkoreanischen Teams gegeben hat.

derStandard.at: Die Chancen, dass Sie noch länger der einzige Teilnehmer aus Österreich bleiben, stehen ja gar nicht schlecht...

Sommer: Abwarten. Der österreichische Reiseveranstalter Eastlink will für 2015 eine Gruppenreise für Läufer organisieren. Ob das gelingt, ist aber nicht absehbar. Um das Einschleppen von Ebola nach Nordkorea zu verhindern, muss derzeit jeder einreisende Ausländer für drei Wochen in Quarantäne. Verrückt. Da fährt ja keiner hin. (Michael Robausch - derStandard.at, 16.12. 2014)

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