Kurse sollen Indiens Rikschafahrer Respekt vor Frauen lehren

15. Dezember 2014, 13:48
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Zwei Jahre nach tödlicher Gruppenvergewaltigung: Zahl der angezeigten Vergewaltigungen gestiegen

Neu-Delhi - Wie in der Schule sitzen die Rikschafahrer in ihren Bänken und zeigen eifrig auf, wenn sie die Antwort kennen. "Wusstet ihr, dass es ein Vergehen ist, einer Frau hinterher zu pfeifen oder sie anzustarren?", fragt Ausbilderin Namrata Sharan die 150 Fahrer, die in Indiens Haupstadt Neu Delhi an einem neuerdings verpflichtenden Kurs zur Geschlechtergerechtigkeit teilnehmen.

Zwei Jahre, nachdem die tödliche Gruppenvergewaltigung einer 23-jährigen Studentin in Neu Delhi Indien erschüttert und ein Schlaglicht auf das Problem der weitverbreiteten sexuellen Gewalt geworfen hat, gibt es Fortschritte. Die Strafen für Vergewaltiger wurden verschärft, Initiativen versuchen, Männern in der zutiefst patriarchalischen Gesellschaft Respekt gegenüber Frauen beizubringen. Doch der neuerliche Fall einer mutmaßlichen Vergewaltigung einer Frau durch einen Fahrer des Online-Fahrdienstanbieters Uber in Neu Delhi vor wenigen Tagen scheint wie eine Mahnung, dass noch viel zu tun ist, bis sich Frauen in Indien wirklich sicher fühlen können.

Sicherheitsvorkehrungen auf den Prüfstand

"Was am 16. Dezember passiert ist, schien wie ein Wendepunkt", sagt der Vater der Studentin, die an diesem Tag vor zwei Jahren in einem Bus in Neu Delhi so brutal vergewaltigt wurde, dass sie ihren Verletzungen erlag. "Die Proteste, die darauf folgten, die Gesetze, die geändert wurden - all das hat uns glauben lassen, dass sich die Dinge ändern. Aber es war nur Wunschdenken", fasst der Vater resigniert zusammen.

Viele Frauen in Neu Delhi, vor allem junge, gut ausgebildete Angestellte, hatten sich bisher auf über das Internet oder Funk bestellte Fahrdienste verlassen, um unabhängig zu sein und abends sicher nach Hause zu kommen. Nachdem nun aber ein einschlägig vorbestrafter Uber-Fahrer mutmaßlich eine Kundin vergewaltigt hat, stellen sie ihre Sicherheitsvorkehrungen auf den Prüfstand.

"In den vergangenen paar Jahren haben wir arbeitenden Frauen in Delhi in einem Trugbild der Sicherheit durch Funktaxis gelebt", schreibt Fernsehjournalistin Sunetra Choudhury in ihrem Blog. "Wir liebten die Vorstellung, dass wir uns auf sie verlassen konnten, um uns sicher ins Büro, zu unseren Freunden, in eine Bar zu bringen." Seit dem jüngsten Vergewaltigungsfall sei ihr jedoch die Lust vergangen, "auszugehen und meine Stadt zu erkunden, wie es einem Erwachsenen eigentlich möglich sein sollte".

Fahrdienstanbieter wurde Betrieb verboten

In den Straßen der Stadt berichten viele Frauen von ihrer Angst, nach Einbruch der Dämmerung den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen oder in eine der allgegenwärtigen grün-gelben Motorrikschas zu steigen. "Männer starren Frauen an, berühren sie, betatschen sie. Man muss sich immer umschauen und wachsam sein", sagt die 28-jährige Bankangestellte Sonam Bahri.

Die IT-Spezialistin Mitali Gupta ist entsetzt, dass Uber die Vorgeschichte seines jetzt unter Vergewaltigungsverdacht stehenden Fahrers offenbar nicht überprüft hatte: "Ich bin schockiert. Ich hätte nicht gedacht, dass ein globales Unternehmen wie Uber so nachlässig sein könnte", sagt sie. Die Stadtverwaltung hat dem Fahrdienstanbieter inzwischen den Betrieb in Neu Delhi verboten, der Fahrer wurde festgenommen.

Zahl der angezeigten Vergewaltigung gestiegen

Die Zahl angezeigter Vergewaltigungen ist in Indien im vergangenen Jahr um 35,2 Prozent auf 33.707 Fälle gestiegen, wobei Neu Delhi trauriger Spitzenreiter ist. ExpertInnen führen die Zunahme der Anzeigen darauf zurück, dass sich seit der tödlichen Gruppenvergewaltigung vom 16. Dezember 2012 mehr Frauen trauen, trotz der drohenden Stigmatisierung zur Polizei zu gehen.

In dem Kurs für Rikschafahrer herrscht betretenes Schweigen, als Fotos von den Massenprotesten gezeigt werden, die damals stattfanden. "Ich habe mich geschämt", sagt Fahrer Vimal Das, während er sich ein Schild aushändigen lässt mit dem Text "Diese verantwortungsbewusste Rikscha respektiert und beschützt Frauen". "Wie können Männer so unmenschlich sein? Ich werde meinen Chauvinismus hinter mir lassen. Nur wenn ich meine Einstellung ändere, kann ich erwarten, dass sich auch die Gesellschaft ändert." (APA, 15.12.2014)

  • Eine Aktivistin der Frauenrechtsorganisation "Apne Aap" protestiert aus Anlass des zweiten Jahrestages der tödlichen Gruppenvergewaltigung am 16. Dezember gegen sexuelle Gewalt. Eine 23-jährige Studentin starb Ende 2012 an den schweren Verletzungen, die sie durch die brutalen Vergewaltigungen erlitt.
    foto: ap/tsering topgyal

    Eine Aktivistin der Frauenrechtsorganisation "Apne Aap" protestiert aus Anlass des zweiten Jahrestages der tödlichen Gruppenvergewaltigung am 16. Dezember gegen sexuelle Gewalt. Eine 23-jährige Studentin starb Ende 2012 an den schweren Verletzungen, die sie durch die brutalen Vergewaltigungen erlitt.

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