Anschlag auf Pipeline läutete neue Ära des Cyberkriegs ein

15. Dezember 2014, 12:11
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2008 wurde kurz vor Ausbrauch des Georgien-Kriegs in der Türkei ein Anschlag verübt

Stuxnet gilt als ein Wendepunkt in der Cyberkriegsführung. Der Computerwurm griff 2009 und 2010 iranische Firmen und Atomanlagen an und soll von den USA und Israel entwickelt worden sein. Doch schon zuvor gab es ein Ereignis, das eine neue Ära des Cyberwars eingeläutet haben soll. 2008 wurde ein Anschlag auf eine Ölpipeline in der Türkei verübt. Untersuchungen zeigen, dass kein physischer Eingriff die Ursache für die Explosion gewesen sein dürfte, sondern ein Hackerangriff.

PKK bekannte sich zu Anschlag

Die Explosion hatte im August eine Pumpstation der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline westlich der türkischen Stadt Erzincan stark beschädigt. Während türkische Regierungsstellen Sabotage mehrfach ausgeschlossen hatten, sprach die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) von einem Anschlag, den ihre Kämpfer verübt hätten.

Die BTC, die von den Erdölfeldern von Aserbaidschan am Kaspischen Meer durch Georgien an die Küste der Türkei führt, befördert nach Angaben von Wirtschaftsexperten knapp eine Million Barrel (je 159 Liter) Rohöl täglich. Knapp drei Wochen nach dem Anschlag wurde die Ölförderung wieder aufgenommen.

Kein physischer Zugriff festgestellt

Mehrere Länder, darunter die Türkei, Aserbaidschan, Großbritannien und die USA, leiteten Untersuchungen ein, berichtet Bloomberg unter Berufung auf anonyme Insider. Dabei habe sich entgegen erster Meldungen gezeigt, dass es sich nicht um einen physischen Anschlag gehandelt habe. Vielmehr hätten sich Hacker Zugriff auf das System verschafft und den Druck so stark erhöht, bis es zur Explosion kam. Überraschend war, dass keines der Alarmsysteme den Zugriff bemerkt hatte. Selbst die Explosion sei nur durch Augenzeugen bemerkt worden.

Überwachungsvideos gelöscht

Die Rohrleitung verläuft auf der gesamten Strecke einen Meter unter der Erde, um sie gegen Sabotageakte zu sichern. Die Pipeline ist mit Sensoren, Überwachungskameras und Satelliten-Backup für die Kommunikationssysteme ausgestattet. Bei dem Angriff seien 60 Stunden Videomaterial gelöscht worden. Nur über eine einzige Kamera, die nicht mit dem Netzwerk verbunden gewesen sei, seien kurz vor der Explosion zwei nicht identifizierte Männer mit Laptops in der Nähe der Pipeline aufgenommen worden. Untersuchungen hätten später gezeigt, dass zeitgleich ein Zugriff auf das Netzwerk erfolgt sei.

Zugriff auf Kontrollsystem

Laut den Informationen von Bloomberg konnten sich die Hacker über eine Sicherheitslücke in den Überwachungskameras Zugang zum Netzwerk verschaffen. Von dort hätten sie Schadsoftware auf einem Windows-Rechner installiert und Zugriff auf die Kontrollsysteme erhalten. So sei es ihnen gelungen, den Druck auf die Pipeline bis zur Explosion zu erhöhen und gleichzeitig die Alarmsysteme auszuhebeln.

Beobachter: Russland hinter Angriffen

Beobachter glauben nicht, dass die PKK die Kapazitäten für so eine hochentwickelte Hackerattacke hatte. Hinweise auf eine Bombe seien nicht gefunden worden. US-Ermittler gehen laut Bloomberg davon aus, dass der Angriff auf das Konto russischer Cyberspione ging. Die Pipeline führt nicht durch russisches Gebiet und war Auslöser für Konflikte, da sie die EU unabhängiger von Rohstoffen aus Russland, dem Nahen und Mittleren Osten macht. Die BTC wird von einem Konsortium rund um die britische BP betrieben. Der Anschlag auf die Pipeline kam nur wenige Tage vor Ausbruch des Krieges in Georgien.

Attacken auf kritische Infrastrukturen

Der US-Geheimdienst NSA hatte schon zuvor gewarnt, dass solche Infrastrukturen mittels Hackerattacken angegriffen werden könnten. Seither wurden die Angriffe stets ausgeklügelter. Auch seitdem die Spannungen in der Ukraine steigen habe man bemerkt, dass Malware in US-Systeme zur Strom- und Gasversorgung gepflanzt worden seien. Dahinter werden ebenfalls russische Agenten vermutet. Der Computer habe sich als effizientere Waffe erwiesen als Bomben, so Bloomberg. (red, derStandard.at, 15.12.2014)

  • 2008 löste ein Anschlag auf die BTC-Pipeline in der Türkei einen Großbrand aus. Dahinter wird ein ausgeklügelter Hackerangriff vermutet.
    foto: reuters/anatolian-muhammet ispirli

    2008 löste ein Anschlag auf die BTC-Pipeline in der Türkei einen Großbrand aus. Dahinter wird ein ausgeklügelter Hackerangriff vermutet.

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