"Torobaka": Was Andalusien mit Indien verbindet

15. Dezember 2014, 07:47
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In dem Meisterduett von Akram Khan und Israel Galván wird der nordindische Kathak mit dem südspanischen Flamenco vermählt. Aus der tastenden Verbindung gehen allerlei Zauberstimmungen und auch Ironie hervor.

St. Pölten - Für ein solches Unternehmen braucht es gestandene und trotzdem neugierig gebliebene Künstlerpersönlichkeiten: Den nordindischen Kathak und den südspanischen Flamenco zueinander und vor allem ineinander zu manövrieren, ist - als symbolischer Akt - keine Harmlosigkeit. Akram Khan und Israel Galván haben das genau deswegen gewagt. Herausgekommen ist das Duett Torobaka, das am Wochenende auf seiner internationalen Tournee auch im Festspielhaus St. Pölten Station gemacht hat.

Die Begeisterung des Publikums am Ende dieser differenziert, sensibel und mit Temperament vorgeführten Tour de Force ist nachvollziehbar. Denn Galván und Khan sind gleichermaßen charismatische Tänzer, die scheinbar mühelos demonstrieren, dass sie wirklich verstehen, was sie tun. Dass sie als echte Koryphäen ihres Fachs in dieses Projekt eingestiegen sind.

Khan hat sich offenbar sehr genau überlegt, mit welchem Partner er seinen geliebten Kathak und den Flamenco zusammenführen wollte. Solcherlei Kalkül liegt dem heute weltberühmten Briten mit bengalischen Wurzeln nahe. Denn immer wieder arbeitet er, dessen erstaunliche Karriere vor mehr als fünfzehn Jahren begonnen hat, mit Größen verschiedener Kunstgenres zusammen.

Darunter befinden sich nicht nur Tänzerkollegen wie Sidi Larbi Cherkaoui oder Sylvie Guillem oder Musiker wie Steve Reich oder Nitin Shawney. Sondern auch bildende Künstler - etwa Antony Gormley und Anish Kapoor -, die Schauspielerin Juliette Binoche oder der Schriftsteller Hanif Kureishi.

Khan besitzt ganz offensichtlich einen dem Effekt klingender Namen nicht abgeneigten Ehrgeiz. Trotzdem sind nicht aus allen diesen Kooperationen große Würfe geworden. Aber wiederholt ist es dem Briten gelungen zu zeigen, dass da nicht nur Marken des Erfolgs fusioniert, sondern dezente künstlerische Experimente versucht werden. Unter diesen gehört Torobaka ganz sicher deshalb zu den spannendsten, weil Israel Galván nicht nur ebenfalls ein Meister seines Fachs ist, sondern weil er den Flamenco auch gern in kontextuellem Neuland austestet.

Nur keine falsche Romantik

Ihre Proben- und Bühnen-Kommunikation hat die beiden Tänzer in ihrer von unterschiedlichen Kulturen geprägten künstlerischen Konversation zu Fragen geführt, die keine elitären Formspaltereien darstellen: Sind ihre Kulturen historisch miteinander vernetzt? Was bedeutet es zu versuchen, diese Vernetztheit gegen alle opportunistischen Ab- und Ausgrenzungsversuche zu setzen? Und: Wie geht das, ohne sich einer pseudoharmonisierenden Romantisiererei hinzugeben?

In Torobaka werden einerseits die Intensität des Austauschs, zum anderen Versuche des Annehmens und der Übersetzung inszeniert. Ob daraus nun, wie Khan sich's vorgenommen hatte, ein neuer Tanz entsprungen sein mag oder nicht, bleibt zweitrangig. Jedenfalls nutzt Khan gekonnt das Mittel eines Bühnenzaubers mit Michael Hulls' bestechenden Lichtstimmungen. Dies aber auf eine Art, die geeignet ist, den erwähnten großen Fragen einen entsprechenden Rahmen zu geben, und in dem auch das Zusammenwirken der tänzerischen Kompositionen mit der Musik überzeugt.

Countertenor David Azurza und die Vokalistin Christine Leboutte werden von dem Flamenco-Rhythmiker José Jiménez Bobote und dem Perkussionisten Bernhard Schimpelsberger auch dort glaubwürdig unterstützt, wo es um die indische Klangwelt geht.

Zum Gelingen des Stücks, das bis Anfang Jänner im Pariser Théâtre de la Ville zu sehen sein wird, trägt auch bei, dass Khan und Galván ein wohldosiertes Maß an Humor mitschwingen lassen. Das dämpft das Pathos und lässt Raum für dunkle Faszinosa. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 15.12.2014)

  • Was passiert, wenn sich zwei Meister auf die Suche nach dem Verbindenden machen: Akram Khan (re.) und Israel Galván verbinden als Koryphäen ihres jeweiligen Fachs die Tanzkünste miteinander. Ein Triumph.
    foto: jean-louis fernandez

    Was passiert, wenn sich zwei Meister auf die Suche nach dem Verbindenden machen: Akram Khan (re.) und Israel Galván verbinden als Koryphäen ihres jeweiligen Fachs die Tanzkünste miteinander. Ein Triumph.

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