An der Theologie erkrankt

15. Dezember 2014, 16:09
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"Faust - Theater" im Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße vorerst abgesagt

Wien - Es hätte ein faustischer Abgesang auf das verklingende Jahr werden sollen. Stückeschreiber Gernot Plass hatte für das Theater an der Gumpendorfer Straße Goethes Faust I neu hergerichtet. Die Übermalung des viel geschundenen Klassikers hätte am Samstag in Wien-Mariahilf in der Regie des Autors Premiere haben sollen.

Plass' Bearbeitung Faust - Theater trägt den schönen Untertitel: "Verdammt. Wieso bin ich geschlagen mit IQ?" Ein Ausruf des Schreckens, den man nur schwer nachvollziehen kann. Üblicherweise tragen geistig minder rege Personen eine Selbstzufriedenheit zur Schau, die ihre Mitmenschen unangenehm berührt. Aber eine mit sich selbst hadernde Intelligenzbestie? Plass' Faust ist ein Doktor postmodernen Zuschnitts. Unter den von ihm studierten Fächern finden sich ganz unmittelalterliche wie die Kybernetik, organische Chemie, Ökologie, Thermodynamik und "völlig sinnlos - ich Idiot! - Theologie!"

Der Absolvent einer solchen Fächerkombination fühlt sich verständlicherweise frustriert: "Mein halbes Leben mir verschissen mit / Studieren, Lehren, Forschen und was jetzt?" Irgendwann entringt sich der geschundenen Gelehrtenbrust im Studierzimmer auch ein tief empfundenes "Bullshit!" Faust rastet aus, aber er rastet nicht. Er steht fortan unter dem Eindruck eines halluzinogenen Tryptamin-Alkaloids, was immerhin das pudelhafte Erscheinungsbild Mephistos erklären hilft.

Mit einem Wort: Faust - Theater beschert seinen Lesern keine halluzinogene, aber doch eine erheiternde Wirkung. Jetzt wurde man am Premierenabend als Besucher von der Schwelle gewiesen. Ausgerechnet der Faust-Darsteller musste krankheitsbedingt w. o. geben. Die Premiere wird nachgeholt, wir bleiben dran. (poh, DER STANDARD, 15.12.2014)

Hinweis

Die wegen Erkrankung von Faust-Darsteller Gottfried Neuner abgesagte Premiere von Faust - Theater im Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße wurde auf 24. Jänner 2015 verschoben. Die Titelrolle spielt nunmehr Julian Loidl. (poh)

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