Samstag mit Strauss

15. Dezember 2014, 07:07
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Wiener Philharmoniker mit Nelsons, Jonas Kaufmann

Wien - Er ist der wirkungssichere Showman, der raffinierte Zauberkünstler, der kraftvoll Überwältigende der ins Gigantomanische sich aufblähenden musikalischen Spätromantik. Er tänzelt, taumelt, torkelt in seinen Werken durch den harmonischen Garten und macht so sein Publikum trunken. Keine Frage: Richard Strauss geht immer, nicht nur zum Ende seines Jubeljahres.

Die Wiener Philharmoniker luden beim fünften Abonnementkonzert der Saison mit Strauss' Alpensymphonie zu einer klingenden Tageswanderung. Strauss eröffnet hier mit kühner Clusterdüsternis und zieht in weiterer Folge alle Register einer Effektenschau. Mit dem flatterhaften Andrís Nelsons als Bergführer wurde das von Nietzsches Der Antichrist inspirierte Werk zu einem Mordsspektakel - was es ja auch ist. Lauter Jubel dafür, am Samstagnachmittag im Musikverein. Doch alle äußere Erschütterung zog kaum eine innere nach sich.

Als unterhaltsamen Showact für sein (Londoner) Publikum hat Joseph Haydn, ein gutes Jahrhundert vor Strauss, seine Symphonie mit dem Paukenschlag konzipiert. Nelsons und die Philharmoniker polierten das wundervolle Werk zum Juwel des Programms auf: Der Kopfsatz war erfüllt von biegsamer Galanterie, Lebendigkeit und Frische - wie ein munteres Konversationsstück im Theater. Bäuerlich-deftig wurde Menuett getanzt (superzart allerdings das Solofagott im Trio); von hurtig-flinker "allegrezza vitale" getragen das Finale. Edward Elgars Romanze für Fagott und Orchester op. 62 bot vergessliche Harmlosigkeit.

Alles andere als harmlos ist Jonas Kaufmann. Der Münchner liebt sich seit Jahren intensiv durch die großen dramatischen Tenorpartien - singt aber auch gut und gerne Lied. In Kaufmanns Person mischt sich die Marke lockiger Latin Lover mit charakterlichen Positiva wie denen einer offenen Frohnatur; in seinem Gesang befriedigt sein dunkel-timbrierter, kerniger Tenor im Forte Heldensehnsüchte, kann aber auch, mit etwas stumpfer Mischstimme oder im engelsfeinen Falsett, ganz leise und superzart sein, Pardon: singen. Was will frau/man mehr? Nichts, außer vielleicht ein paar Zugaben zum gesanglich geschilderten Leid- und Liebesspiel.

Evergreens als Zugabe

Der 45-Jährige und sein getreuer Kompagnon am großen Schwarzen, Helmut Deutsch, entsprachen den Wünschen des begeisterten Publikums und gaben nach Schumanns Kerner-Liedern, Richard Strauss' Opus 10 und anderem zwei Evergreens des Jubilars (Morgen; Cäcilie) und einen von Schumann (Mondnacht) zu. Kaufmann falsettierte hier, wie es kein Zweiter vermag. Im Saale spannte die eine oder andere Seele ihre Flügel aus und flog beglückt heim. (Stefan Ender, DER STANDARD, 15.12.2014)

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