Nachrufe zuhauf: "Wetten, dass..?" ist Geschichte

14. Dezember 2014, 18:00
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Ende des Showklassikers nach fast 34 Jahren - Samuel Koch bewegt, Otto singt, Markus Lanz findet das alles staatstragend - Im Schnitt 760.000 Zuschauer auf ORF eins dabei

Nürnberg - "Wetten, dass...?" ist Geschichte. Nach fast 34 Jahren hieß es am Samstag zum letzten Mal "Top, die Wette gilt". Mit dem Showklassiker geht eine Ära zu Ende, in der noch Familien gemeinsam vor dem Fernseher saßen. Moderator Markus Lanz sagte, die Sendung habe TV-Geschichte geschrieben. Er verabschiedete sich in Nürnberg mit den Worten "Machen Sie's gut, das Leben geht weiter - Wetten, dass..?".

Für ihn sei "Wetten, dass...?" nun "ein Stück Kindheit, das gegangen ist", sagt Lanz nach der 215. und letzten Sendung vor Journalisten in Nürnberg. Er sehe den Abschied auch mit einem weinenden Auge, aber im Moment überwiege bei ihm ein Gefühl der Dankbarkeit. Zu der vielen Kritik, die er sich anhören musste, sagte der 45-Jährige, er werde "das Gefühl nicht los, dass die Sendung ein staatstragendes Ereignis ist".

Immerhin schalteten zum Schluss in Österreich 760.000 Zuschauer auf ORF eins ein (33 Prozent Markanteil), in Deutschland waren 9,27 Millionen Zuseher im ZDF dabei (32,5 Prozent Markanteil), nachdem die Quote zuletzt abgesackt war. Dennoch: "Der Aufwand ist riesig und die Zahl der Zuschauer ist immer weiter zurück gegangen", sagte ZDF-Intendant Thomas Bellut nach der Show. "Darauf muss ein Sender reagieren. Ansonsten ist der öffentliche Druck auch zu stark auf die, die es moderieren. Ich schließe aus, dass es an Markus Lanz lag und bin ihm sehr dankbar, dass er das gemacht hat."

ORF "stolz und dankbar"

ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner attestierte der Show nach deren Ende in einer ORF-Aussendung "die Kraft, an Samstagabenden als willkommenes 'Familienmitglied' oder 'Freund' in den Kreis unseres Publikums aufgenommen zu werden". "Der großartige Erfolg der letzten Sendung zeigt uns genau diese einzigartige Komponente", so Zechner. "Der ORF ist stolz und dankbar, dass er für unser heimisches Publikum Teil dieser Sendung war."

Der bewegendste Augenblick war am Samstag der Auftritt des Wettkandidaten Samuel Koch: Gegen 23 Uhr war der 27-Jährige erstmals seit seinem schweren Unfall vor exakt vier Jahren wieder in der Show zu Gast. Damals hatte der junge Mann versucht, mit an den Füßen angeschnallten Federn über entgegenkommende Autos zu springen. Dabei verletzte er sich so schwer, dass er querschnittsgelähmt blieb. Mittlerweile ist er Schauspieler, und kam in die Sendung, um mit Til Schweiger den gemeinsamen Film "Honig im Kopf" vorzustellen.

Das gesamte Publikum erhob sich von den Stühlen, als Koch im Rollstuhl auf die Bühne fuhr. "Ich kann nicht behaupten, alles hat den und den Sinn", sagt Koch auf Lanz' Frage, ob er etwas Sinnhaftes aus seinem Unfall habe ziehen können. Er versuche, "dem Ganzen an Un-Sinn zu nehmen", indem er sich für andere einsetze - etwa über eine neue Stiftung, die er gründen will. Über Lanz' Nachfrage, wie es ihm gehe, geht Koch lieber hinweg: "Das hast du schon mal gefragt, wie es mir geht. Und selber?"

Show der Rückblicke

Internationale Showgrößen ließen sich bis auf US-Schauspieler Ben Stiller diesmal nicht blicken. Lanz' Gäste wie die Fantastischen Vier, Ex-Skistar Hermann Maier, Eisläuferin Katarina Witt, Sängerin Helene Fischer oder Schauspieler Wotan Wilke Möhring erzählen fast alle, dass die Show sie schon lange begleite, und es die erste Sendung war, die sie gemeinsam mit ihrer Familie am Abend anschauen durften. Die Komiker Otto Waalkes und Michael ("Bully") Herbig sangen ein Abschiedsständchen: "Es war ein buntes Treiben, das lassen wir in Zukunft bleiben, für Markus Lanz ist heute Schicht. Wird er bezahlt? Ich hoffe nicht", gaben sie nach der Melodie von Frank Sinatras Hit "My Way" mit Ottos Gitarrenbegleitung zum Besten.

Ansonsten war die letzte "Wetten, dass..?"-Ausgabe vor allem eine Show der Rückblicke. Die schönsten Wetten, die emotionalsten Momente, die größten Stars und die lustigsten Pannen - etwa Schauspieler Götz George, der sich schlecht benahm, Sängerin Sarah Connor in einem Hauch von Nichts oder die gefälschte Buntstiftwette, bei der ein "Titanic"-Redakteur unter der Brille hindurchschielte, anstatt die Stifte an ihrem Geschmack zu erkennen. Die ein oder andere Spitze konnte sich Lanz nicht verkneifen. "Das Kleid war irgendwo zwischen Gardine und Eiserner Vorhang", sagte er zu Eisläuferin Katarina Witt, die einmal in der Show ein unförmiges Samtkleid mit Puffärmeln trug.

Neben dem Rückblickreigen gab es auch ein letztes Mal kuriose Wetten in üblicher "Wetten, dass..?"-Manier. Der siebenjährige Paul Altmaier erkannte verschiedene Hunde daran, wie sie ihm Leberwurst vom Handrücken wegschleckten. Lehramts-Student Jakob Vöckler kletterte an einem Parkhaus am Flughafen schneller hoch und runter, als der amtierende Weltmeister Sebastien Ogier im Gebäude mit einem Rallye-Wagen hoch und runter raste. Vöckler wurde mit der Stunteinlage der Wettkönig - 50.000 Euro waren die Belohnung.

Sechs Samstagabend-Sendeplätze werden frei

Die Reaktionen der Kritiker waren zu einem großen Teil in Nachrufen eingebettet. "Es gab keine Hoffnung mehr, dass dieser Patient noch einmal aus dem Koma erwachen würde", schrieb "Faz.net". Auch "Bild.de" zog es auf den Friedhof: "Gestern Abend wurde "Wetten, dass.." in Nürnberg mit der 215. Ausgabe zu Grabe getragen. Nach 33 Jahren starb ein Stück deutscher Fernsehgeschichte... Anlass zur Trauer um die Sendung lieferte die Sendung jedoch kaum." Und "Spiegel Online" merkte an, dass sich die letzte Ausgabe wie eine dieser Beerdigungen angefühlt habe, "bei denen alle Beteiligten sich um Fröhlichkeit bemühen. Er hat ja so gerne gelacht, der Verstorbene."

Das ZDF hat nun von nächstem Jahr an sechs frei gewordene Sendeplätze an den Samstagabenden zu füllen. Programmdirektor Norbert Himmler kündigte bereits eine neue Gemeinschaftsentwicklung mit der englischen BBC unter dem Titel "Tausend" an sowie ab März eine weitere Familienshow mit Johannes B. Kerner unter dem Titel "Das Spiel beginnt!".

Auch die länderübergreifende Zusammenarbeit von ORF, ZDF und SRF wird weiterhin intensiv diskutiert, wie der ORF mitteilte. Derzeit stünden verschiedene Konzepte zur Disposition, die man gemeinsam diskutiere, bewerte und weiter entwickle. Ziel sei, nach "Wetten, dass..?" eine "lebendige und langfristige Zusammenarbeit der drei Sender aufrecht zu erhalten und unserem Publikum moderne, vielseitige und spannende Unterhaltung zu bieten". Dementsprechend baue die Bandbreite der Überlegungen "auf verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten und Genres von Shows auf". (APA, 14.12.2014)

  • Artikelbild
    foto: ap photo/jens meyer
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