Altruistischer Alkoholismus

Einserkastl14. Dezember 2014, 17:49
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Über die Aufrechterhaltung eines Restbestands an Gemeinschaftsgeist

Seit Wochen wabern sie wieder durch die Stadt und übers Land, die selbstlos im Zeichen der Nächstenliebe gehissten Punschfahnen. Recht so!

Was alle Jahre wieder auf kirchennahen Standeln an lauwarmem Industriesprit mit mehr oder minder natürlichen Süßstoffen in die demütig gereckten Schlünde gezapft wird, das lässt sich auf sehr schlüssige Weise als Geistwerdung katholischer Moral beschreiben. Wer sich einen sauberen Punschfetzen umhängt, der sündigt - ganz egal, wie viel Überwindung es kosten mag, sich den Fusel einzuflößen. Gottes gerechte Strafe für derlei soziale Enthemmung folgt auf dem Fuße, in Form eines besinnlichen Katers, der einem so richtig den Schädel wackeln lässt.

Gleichzeitig aber wird natürlich für einen guten Zweck gesoffen, anders wäre der sauerstichige Glühsirup gar nicht runterzukriegen. Die eigene Übelkeit kann somit freudvoll auf dem Altar der Nächstenliebe als Opfer dargebracht werden, hurra.

Derlei altruistischer Alkoholismus ist aber nicht nur vor Weihnachten ein prägendes Element unseres Nationalgefühls, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Aufrechterhaltung eines Restbestands an Gemeinschaftsgeist in Zeiten gesellschaftlicher Entsolidarisierung: "Bitte, eine milde Gabe, ich hab' mei Leber dem Lions Club gespendet!" So jemandem gibt jeder etwas - erkennt man in ihm doch die eigene Schwäche für das gute Werk. (Severin Corti, DER STANDARD, 15.12.2014)

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