Südsudan-Forscher Mosley: "Keiner glaubt, verhandeln zu müssen"

Interview15. Dezember 2014, 05:30
posten

Hoffnung auf haltbaren Frieden besteht erst dann, wenn einer der beiden Gegner mit dem Rücken zur Wand steht, fürchtet Südsudan-Forscher Jason Mosley

STANDARD: Immer wieder gab es zuletzt angekündigte Waffenstillstände, die nie lang hielten. Sehen Sie eine Perspektive für einen anhaltenden Frieden in nächster Zeit?

Jason Mosley: Wahrscheinlich leider nicht. Nicht, weil sich die (Ostafrikanische Regionalgemeinschaft, Anm.) Igad nicht bemühen würde oder weil sie unfähig wäre. Sondern vor allem, weil die beiden Haupt-Konfliktparteien sich an einer glaubhaften Verhandlung eigentlich nicht beteiligen wollen.

STANDARD: Was sind die Gründe?

Mosley: Eine Kombination aus mehreren Faktoren: Beide meinen, mit ihrer derzeitigen Strategie gewinnen zu können. Keiner glaubt daher, mit der anderen Seite verhandeln zu müssen. Ein weiteres Problem ist, dass es auch kaum Möglichkeiten gibt, von außen Druck auszuüben. Man kann sie also auch nicht zu echten Verhandlungen zwingen. Und dann fehlt auch noch der Druck von innen: Die Erwartungen der durchschnittlichen Südsudanesen an den Staat sind sehr gering.

STANDARD: Wenn es einen Willen gäbe: Haben die Hautpakteure die Autorität, einen Frieden durchzusetzen, oder hat sich die Lage verselbstständigt?

Mosley: Beide Seiten könnten mehr politisches Kapital einsetzen. Sie haben die Kapazität, aber sie setzen sie nicht ein.

STANDARD: Wie sehen Sie die Rolle der Igad?

Mosley: Völlig klar ist, dass alle Nachbarn Interessen haben. Der Sudan seit langem, besonders wegen der anhaltenden Kämpfe an der Grenze. Sie sehen also eine klare Verbindung zu ihrer eigenen inneren Sicherheit. Öl ist für sie ebenfalls wichtig - immerhin profitieren sie von den südsudanesischen Ölexporten, die über Port Sudan verschifft werden. In Äthiopien leben mehrere Hunderttausend Vertriebene aus dem Südsudan. Und dann gibt es noch Uganda, das seine eigenen historischen Beziehungen zur Regierung in Juba hat - und beträchtliche Wirtschaftsinteressen.

STANDARD: Aber können Sie dann glaubhafte Friedensvermittler sein?

Mosley: Ich denke schon. Es wäre zu viel verlangt, einen Regionalblock, dessen Mitglieder Interessen an der Stabilität haben, völlig außen vor zu lassen.

STANDARD: Was kann die Internationale Gemeinschaft tun? Derzeit wird über neue Sanktionen diskutiert. Würde das helfen - oder eher schaden?

Mosley: Sanktionen können meiner Ansicht nach an der aktuellen Situation wenig verbessern. Sie könnten aber durchaus ziemlich kontraproduktiv sein. Sie hätten sicher negative Effekte auf die Zivilbevölkerung, die ohnehin schon unter furchtbaren Belastungen zu leiden hat.

STANDARD: Aber was kann man dann tun?

Mosley: Von außen? Ich fürchte wenig. Als nüchterner Analyst würde ich sagen, dass jemand deutliche militärische Verluste einstecken muss, bis Bereitschaft besteht, ernsthaft zu verhandeln. (Manuel Escher, DER STANDARD, 15.12.2014)

foto: privat
Zur Person: Jason Mosley (40) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Afrika-Programm des Londoner Chatham House. Er ist Spezialist für das Horn von Afrika und Konfliktlösung.


Share if you care.