Das Gesetz des Gelben: 25 Jahre "Simpsons"

Ansichtssache14. Dezember 2014, 09:00
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Als am 28. September 2014 der ehrwürdige Rabbi Hyman Krustofski aus dem Leben schied, ging ein Aufatmen durch die Fangemeinde der Simp sons: Das Bangen hatte ein Ende. Monatelang rumorte es in den Netzen, ob ein beliebter Charakter wie Apu Nahasapeemapetilon, Krusty der Clown oder gar Familienvorstand Homer selbst den Serientod erleiden müsste. Dass es "nur" die Nebenfigur des Krusty-Vaters erwischte, nahm der eingeschworene Freundeskreis der gelben Familie erleichtert auf.

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Natürlich war die Ankündigung von Showrunner Al Jean ein reiner Marketinggag, und zweifellos könnte man sich jetzt Sorgen machen um den Zustand des Kulturguts Simpsons, wenn mit solch abgetretenen Schmähs um Aufmerksamkeit gebuhlt werden muss. Aber allein wie der Tod des Rabbis letztlich inszeniert wur- de, nämlich als endgültiges und unbarmherziges Ende eines lebenslangen Vater-Sohn-Konflikts, lässt derart profane Realverhältnisse in den Hintergrund treten. Und dort können sie getrost bleiben.

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Erstes Gesetz: Am siebenten Tag schuf Gott den Menschen, am achten erfand er die Simpsons Ein göttlicher Plan muss es gewesen sein, der vorsah, dass der Comiczeichner Matt Groening 1985 das Angebot erhielt, für die Tracey Ullman Show Cartoons zu zeichnen. Groening nutzte die Chance und erweckte in 15 Minuten die gelbe Couchfamilie zum Leben. Insgesamt 48 Kurzfilme sah das Pu blikum der Show, dann bekam Groening seine eigene Show. Am 17. Dezember 1989 lief die erste Folge der eigenständigen Serie Die Simpsons, 22 Minuten pro Folge, auf dem US-Sender Fox. Heute ist sie die am längsten laufende Sitcom und Primetime-Serie, die Serie mit den meisten Emmy-Awards. Gott sah, dass es gut war.

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Zweites Gesetz: Unterhaltung vor den "Simpsons" war grau und seltsam, danach war sie nicht schlechter Ausgerechnet ins Jahr 1989 fiel die Geburt der Gelblinge, als der Kalte Krieg beendet war und Ost und West einander in den Armen lagen. In dieser beschwipsten Stimmung brauchte es eine ernüchternde Note, und sie war nur in dieser überdrehten Form möglich. Die Unterhaltungsindustrie ihrerseits war in der Sackgasse. Sie schüttete im TV Bademeister mit Föhnfrisuren aus und einen altklugen Jungarzt im OP, im Radio flötete Rick Astley, im Kino dröhnte Zurück in die Zukunft. Relevantes unter Erwachsenencomics gab es davor von Beavis und Butthead – davon erholte man sich lange Zeit nicht. Dazwischen lagen C.S.I., Lady Gaga und Pirates of the Caribbean. Insgesamt lässt sich sagen: Mainstream-Unterhaltung wurde mit den Simpsons nicht besser, aber auch nicht schlechter. Mehr war nicht zu erwarten.

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Drittes Gesetz: Das Universum ist ein Donut Homer glaubt daran, dass das Universum die Form eines Donuts hat. Vieles spricht dafür, dass die Welt ist, wie Homer sie sich denkt. Nehmen wir zum Beispiel die Folge 472 mit dem schönen Titel The Fight Before Christmas, eine der berühmten Weihnachtsfolgen. Sie ist zum einen typische Werkschau, zum anderen rasende Tour de Force. Da steigt Bart in einen abgetakelten Polarexpress. Der Zug fährt mitten in die grindige Gegenwart: Der Weihnachtsmann ist ein abgehalfterter Bursche, der Bart anschnorrt. Mit der Methode hat er bereits Luxus aus Mädchen, Zigarre und brennendem Geldschein angehäuft. Bart ist einstweilen in die Vergangenheit gereist, nämlich in den Krieg: Er und Homer sitzen daheim und flennen, während Marge Inglou rious Basterds spielt. Die Umkehrung der Verhältnisse – davon lebt der Homerismus, und dafür lieben ihn die Fans. Für immer.

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Viertes Gesetz: Alles Couchland ist politisch Die anarchische Wirkkraft der Gelblinge ist gefürchtet: Im Mai 2008 diskutieren die venezolanischen Behörden ein Sendeverbot. Scherze über Gott fand 2012 die türkische Fernsehbehörde nicht witzig und verurteilte den Sender. Wladimir Putin setzte Comics wegen Gewaltszenen auf den Index. Wir wissen, wie es um die Menschenrechte in diesen Ländern steht. Das macht Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie zu wahren Vorbildern in der Kunst der sanften Kriegsführung.

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Fünftes Gesetz: Es gibt reales Leben im gelben 2008 sprachen australische Richter ein verblüffendes Urteil: Die Simpsons sind demnach echte Personen. Hintergrund: Auf dem Computer eines Angeklagten hatten Beamte nicht autorisierte Simpsons-Comics gefunden, in denen die minderjährigen Charaktere Sex hatten. Das Urteil könnte aus dem Comic selbst stammen: 1540 Euro und Bewährung bekam der Mann. Wir lernen: Nichts weniger als das pure Leben steckt in der gelben Familie – und viel böse Wahrheit.

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Sechstes Gesetz: Leben ohne "Die Simpsons" ist denkunmöglich Die Zukunft im Homerland ist ungewiss: Al Jean und Matt Groening wollen weitermachen. Aber Fox liegt im Dauerclinch mit den Sprechern, die bessere Bezahlung verlangen. Wenn dann noch die Quoten schwächeln, könnte es schnell gehen. Gnade uns Gott, was die Fans dann tun.

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Siebentes Gesetz: Man kann die "Simpsons" nicht nicht mögen 25 Jahre unterhält die gelbe Familie nun schon als Serie ihr Publikum, und nie hat sie sich etwas zuschulden kommen lassen. Deshalb wird sie geliebt und gefeiert von Jung und Alt und quer durch alle Einkommens- und Bildungsschichten. Ihre Verehrung trägt mitunter schwer undemokratische Züge. Öffentlich zu bekennen etwa, man möge die Simpsons nicht, hat sich bis dato noch niemand getraut und ist auch nicht zu empfehlen.

Stattdessen teilen sich Verehrer mit. Kluge Köpfe wie Daniel Kehlmann, Stephen Hawking und Thomas Pynchon tun ihre Begeisterung kund, und Bildungsbeflissene machen es ihnen nach. Und wieder beweist die Serie ironische Kraft: Der öffentlichkeitsscheue Pynchon hatte seinen Auftritt mit Papiertüte und Sichtlöchern. Stephen Hawking rettete Homers Tochter Lisa.

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Es geht nicht anders. Man muss die Simpsons mögen. (Doris Priesching, DER STANDARD, 13./14.12.2014)

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