Belämmertes Schweigen

Kommentar der anderen12. Dezember 2014, 17:00
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Kaum je war es in unseren Gesellschaften lauter als heute. Und selten wurde mehr beredt geschwiegen als in diesen Tagen. Über die stille Zeit und das Verstummen in der Gesellschaft

Und wieder einmal steht Österreich knapp vor dem Abgrund. Die Mehrheit der Menschen starrt bereits betroffen in die Tiefe, während viele der politischen Entscheidungsträger rhetorisch über sie hinwegtänzeln. Sie werten die Schlucht rhetorisch zum Tal um und genießen weiterhin die schöne Aussicht.

Große Teile der Wirtschaft stecken bereits mit einem Bein im Sumpf der Rezession, und auch der österreichische Arbeitsmarkt wird langsam und mit sicherer Hand an die Massenarbeitslosigkeit herangeführt. Dennoch glänzt die "Vorderseite" der politischen Sprache, sie ist nach wie vor auf Hochglanz poliert, sie beruhigt und sediert.

Kritikimpotente Nutzwesen

Die meisten der heimischen Universitäten sind längst in den Bildungsabgrund gekippt, vom Bologna-Prozess zersplittert und zu Bildungscentern degradiert. Normierte, kritikimpotente Nutzwesen sollen an diesen Bildungscentern für einen Arbeitsmarkt gezüchtet werden: "Europaweit vergleichbar" lautet das Ziel, "europaweit austauschbar", raunt es aus dem sogenannten freien Markt. Die Universität Wien wird sich in Kürze dennoch umfassend feiern, den Blick nach rückwärts gewandt, auf die ruhmvollen 650 Jahre ihres Bestehens. Immanuel Kant, dem ein eigenes Symposium gewidmet werden wird, hätte den Verantwortlichen heute die Leviten gelesen und sie an seinen Satz erinnert, der zum Leitgedanken der Aufklärung wurde: "Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen." Doch zu diesem Mut gehören Haltung und Charakterfestigkeit - nicht Systemkonformität oder vorauseilender Gehorsam.

Die "Vorderseite" der sogenannten öffentlichen Sprache und der Sprache in der Politik ist wohlklingend-elegant und rhetorisch poliert. In ihrer negativen Ausprägung verkommt sie jedoch zu hässlichem Verbalradikalismus, zu Wortmissbrauch und Hasssprache; von Xenophobie und Islamophobie bis Antisemitismus. Populismus heißt das politische Transportmittel und ist stets nur die äußere Form politischer Praxis, niemals ihr Inhalt. Seine schädliche Wirkung entfaltet sich in Stereotypen, sprachlichen Verkürzungen und Umwertungen. Der rhetorische Effekt dominiert die politische Debatte zum Preis herabgesetzter Differenziertheit. Argumente werden auf ihre Mehrheitsfähigkeit hin überprüft, denn bereits das für wahr Gehaltene reicht zum Gewinnen von Mehrheiten aus.

Doch was begegnet uns im Unausgesprochenen? An der "Rückseite" unserer Sprache? Stille entsteht auch durch die Abwesenheit des Dialogs. Sie breitet sich aus, und je nach individueller Gestimmtheit dringt sie in alle Poren, wird lähmend für viele. Andere empfinden sie als heilsam im Sinne der Ermöglichung von Einkehr und Sammlung im Kontext der Entschleunigung und des Reflektierens.

Schweigen, nicht Stille

Die Abwesenheit eines Wortes ist jedoch keine Stille, sondern Schweigen. Dieses kann - als beredtes Schweigen - oftmals sogar leicht verständlich sein. Es kann aus Betroffenheit, aus Missgunst oder Neid entstehen, seltener aus wohlwollender Zustimmung. Cum tacent, clamant (indem sie schweigen, schreien sie); die Abwandlungen des Satzes, von Cicero bis Papst Bonifatius VIII., wurden und werden immer noch sinnwidrig verwendet und verknüpfen das Schweigen monokausal mit Zustimmung. Doch im Schweigen dominiert kein Tatbestand.

Das Schweigen kann auch ein Verschweigen sein, ein aktives Nichtsagen, wider die moralische Verpflichtung, Stellung zu beziehen. Schweigen und Wegsehen hatte und hat nicht nur hierzulande Tradition, sondern in den meisten der sogenannten Kulturnationen. Schweigen und den Blick abwenden, wo der Aufschrei Pflichtsache wäre, siedelte immer schon in der moralischen Nachbarschaft zum Verbrechen.

Sonderdeformation

Gegenwärtig kann und muss auch das häufige Schweigen politisch Verantwortlicher als Niedergang der politischen Kultur, als dialogische Sonderdeformation kritisiert werden. Das bekannte Verschweigen in großen Teilen der sogenannten Kriegsgeneration und das Schweigen ihrer Kriegskinder ist eine der nachhaltigen Deformationen des Zweiten Weltkrieges. Bereits Hölderlin wusste: "Viel hat erfahren der Mensch ... seit ein Gespräch wir sind".

Doch das scheinbar allgegenwärtige Schweigen kann auch aus Desinteresse am Gegenüber erfolgen oder aus purer Ignoranz, verstärkt durch sogenannte Social Media, die viele Nutzer in Schweiger verwandelt, von der Selbsttäuschung getragen, in der Verstümmelung ihrer Sprache immer noch - lediglich verkürzt - zu kommunizieren. Mit der Abwesenheit von Worten wird das Entstehen von Uniformität und Austauschbarkeit riskiert.

Laute Einkaufsappelle

Der Advent ist die stillste Zeit im Jahr. Als wäre dieser Satz bloß Klischee, verhallt er seit Jahrzehnten in der kommerziellen Rücksichtslosigkeit des lauten Einkaufsappells. Letzterer durchschneidet jäh das betroffene Schweigen einer Gesellschaft in der Wirtschaftskrise. Der altgriechische Begriff "krísis" eröffnete sprachlich immer schon die Chance für eine Wende, selbst wenn es einem zunächst die Sprache verschlug. Advent bezeichnet das Herannahen. Vielleicht ein Herannahen der Hoffnung, dass das Schweigen in der Gesellschaft nicht zu ihrem gänzlichen Verstummen führen möge. (Paul Sailer-Wlasits, DER STANDARD, 13.12.2014)

Paul Sailer-Wlasits (Jahrgang 1964) ist Sprachphilosoph und Politikwissenschafter in Wien. Er forscht zu: Hermeneutik, Philosophie der Mythologie, Metaphorologie, Diskursanalyse und Ästhetik. Sein zuletzt veröffentlichtes Buch "Verbalradikalismus. Kritische Geistesgeschichte eines soziopolitisch-sprachphilosophischen Phänomens", erschien kürzlich auch als E-Book.

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