Was die Muslime schon immer sagten

13. Dezember 2014, 17:00
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Dass der Koran in seiner heutigen Form aus der frühislamischen Zeit stammt, wurde oft angezweifelt. Heute ist die Quellenlage überzeugend

Die Weltreligion Islam hatte es - schon vor der schweren Beschädigung durch Al-Kaida und Islamischen Staat - im Westen nie leicht: Als Epileptiker wurde etwa sein Prophet von frühen Autoren beschrieben, dessen krause Fantastereien irgendwann viel später zu einem Buch zusammengestoppelt wurden. Manche sogenannte Islamkritiker gingen später bis zur Behauptung, es handle sich quasi um eine "erfundene" Religion, auch das Personal - wie Muhammad selbst - habe gar nie existiert.

Ohne deshalb an die göttliche Offenbarung glauben zu müssen, lässt sich nüchtern konstatieren, dass im Gegensatz zu all diesen Behauptungen die Quellenlage aus der frühislamischen Zeit ganz hervorragend ist. Und sie wird immer besser: Im November informierte die Universität Tübingen in einer Presseaussendung über die naturwissenschaftliche Datierung eines aus ihrem Bestand stammenden Koranfragments auf die Jahre 649 bis 675 unserer Zeitrechnung, statistische Wahrscheinlichkeit 95,4 Prozent.

Muhammad starb 632, demnach geht es um eine Textprobe aus der Zeit zwanzig bis vierzig Jahre nach dessen Tod. Nach islamischer Überlieferung versuchte gerade in jener Zeit der dritte Kalif, Uthman Ibn Affan (644-656), einen einheitlichen Kodex der zuvor gesammelten Koranverse durchzusetzen, und schickte dazu Standardexemplare in die islamischen Provinzen. Wissenschaftlich belegt ist das nicht.

Siebenundsiebzig Blätter

Die Tübinger Handschrift mit der Signatur Ma VI 165 ist ein substanzielles Stück, mit 77 Blättern macht sie gut zwanzig Prozent des Korans aus (von Sure 17,37 bis 36,57). Allerdings ist die Abmessung der Blätter klein - das Buch entsprach demnach nicht dem, was man sich unter einem Referenzkodex vorstellt. Gerade deshalb wäre er nicht erstaunt gewesen, wenn eine etwas spätere Datierung, um 700, herausgekommen wäre, sagt Michael Marx am Telefon zum Standard.

Er ist Leiter der Arbeitsstelle "Corpus Coranicum" an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zusammen mit französischen Wissenschaftern arbeiten die Deutschen an einem Projekt, das erstmals auch auf materielle Erzeugnisse zur Erforschung der koranischen Textgeschichte setzt. Dabei kommt zur paläografischen und zur orthografischen Analyse die Datierung mithilfe der an der ETH Zürich durchgeführten Radiocarbonmethode (sie misst den Zerfall radioaktiver C14-Isotope).

Archaischer Schreibstil

Bei der Handschrift Ma VI 165 ergab die Untersuchung von drei an unterschiedlichen Stellen entnommenen Proben eine frühere Datierung, als Paläografie - der Schriftstil - und Orthografie erwarten ließen. Der ursprüngliche Text ist im archaischen und nichtkalligrafischen Hijazi-Stil geschrieben, früher wurden diese frühen Schriftarten meist generell als "kufisch" zusammengefasst.

Untersucht wird allerdings nur der Beschreibstoff, in diesem Fall das Pergament, eine Tintenuntersuchung ist noch nicht möglich. Auf Ma VI 165 wurden im ursprünglichen Text, der nicht alle Buchstaben eindeutig notiert, später in roter Tinte Vokalzeichen eingesetzt und noch einmal später mit schwarzer Tinte die frühere Version eindeutig geschrieben.

Wenn nur annähernd Sicherheit über das Pergament besteht, könnten demnach nicht doch jene recht haben, die meinen, der Koran wurde erst viel später aufgeschrieben und in einem Buch gesammelt? Theoretisch möglich, aber sehr unwahrscheinlich, sagt Marx: Pergament sei ein teurer Beschreibstoff gewesen, und dass dieser womöglich jahrzehntelang gehortet worden wäre, wäre sehr unökonomisch gewesen.

Dreißig größere Fragmente

Dagegen spricht wohl auch die große Anzahl von physischer Evidenz aus dieser frühen Zeit. Marx nennt dreißig größere Fragmente (insgesamt bis zu 2000 Blättern), die im ersten islamischen Jahrhundert anzusiedeln seien - eine ganz erstaunliche Anzahl, verglichen mit der Textüberlieferung anderer antiker und spätantiker Texte. Weitere Forschungsergebnisse sind für Jänner und Februar zu erwarten, dabei handelt es sich gleich um ein Koranfragment von 210 Blättern sowie sieben aus einem Kodex, von dem weitere 31 Blätter unzugänglich in einem Archiv in Kairo schlummern.

Der große Berliner Kodex von 210 Seiten hat die gleiche Herkunft wie Ma VI 165: Sie stammen aus der Sammlung des preußischen Konsuls Johann Gottfried Wetzstein, der in den 1850ern in Syrien seiner Leidenschaft für alte Handschriften frönte. Ob seine Erwerbungen auch in diesem Raum entstanden sind, ist ungewiss - hier hofft man auf zukünftige genetische Forschungen an Pergamenten, die ja von Schafen stammen. Heute sind die Handschriften des Konsuls in Tübingen, Leipzig und Berlin, wo Wetzstein im Februar mit einer Konferenz geehrt wird.

Erste naturwissenschaftliche Datierungen in unterschiedlichen Laboren gab es bereits in den vergangenen fünfzehn Jahren, aber "Coranica" ist mit bisher etwa vierzig Proben die erste größere systematische Messkampagne: Die physischen Zeugnisse des Koran standen noch nie im Mittelpunkt der Forschung, obwohl doch die Datierung eine sehr emotionelle Komponente zu enthalten scheint - denn wenn etliche Koranwissenschafter dem muslimischen Narrativ von früher Niederschrift und Sammlung der koranischen Offenbarungen widersprachen, lief das doch irgendwie auf eine Delegitimierung hinaus.

Verschiedene Theorien

Die 1970er-Jahre waren in dieser Beziehung eine extrem kontroverse Zeit, da wurden innerhalb weniger Jahre sehr unterschiedliche Standpunkte publiziert: von John Burton, der fast allein mit der Ansicht dastand, dass der heutige Koran die vom Propheten Muhammad stammende Fassung sei (The Collection of the Qur'an, 1979), bis zu John Wansbrough, der sagte, der Koran sei erst im 9. Jahrhundert erstellt worden (Quranic Studies, 1977).

Dazu gab es etliche andere Theorien, keine folgte dem, was die Muslime glaubten. Und keiner dieser Forscher, so Marx, habe sich die Handschriften angesehen: unvorstellbar in einer Zeit wie heute, wo wiederum gerade die materielle Evidenz eine besondere Faszination auszuüben scheint - und vielleicht Erwartungen weckt, die auch nicht zu erfüllen sind.

Eigentlich, so Marx, komme der jetzige Medienrummel zu früh, erst nächstes Jahr werde es einen Gesamtüberblick über die Untersuchungsreihe geben, inklusive der Unschärfen der Datierungen. Die "Coranica"-Forscher sind sehr vorsichtig - und das Bemühen um eine Absicherung der Ergebnisse lässt sie etwa auch sehnsüchtig nach Wien, zur Wiener Papyrussammlung, blicken. Sie hat frühe Koranfragmente, aber auch bedeutende Papyri, und zwar mit Kolophon, also einer Datierung.

Die Wiener Papyri

Die naturwissenschaftliche Untersuchung von datierten Fragmenten dient dazu, die C14-Methode zu verifizieren. Aber aus Wien hätten sie - so wie etwa auf ein Drittel ihrer zwanzig Anfragen - eine ablehnende Antwort bekommen, erzählt Marx. Immerhin muss man der Handschrift ein Quadratzentimeter großes Stück entnehmen: ein klassischer Konflikt zwischen Forschung und Erhaltung. Aber im Moment gebe es dafür die Hoffnung auf Probeentnahmen von Bibelhandschriftenaus einer vergleichbaren Zeit.

"Beweise" könne das nicht liefern, meint Marx, aber wichtige Indizien dafür, dass der Koran tatsächlich aus der frühislamischen Zeit stammt. Dass es so viele Belege gibt, hängt gewiss auch damit zusammen, dass der Islam schon früh eine politisch erfolgreiche Religion war - ganz im Gegensatz zum Christentum, das erst einmal im Verborgenen existierte. Die Buchform des Neuen Testaments als Kodex kam erst auf, als es Staatsreligion wurde. Und die Muslime, die sind von der Fülle des Koranmaterials aus dem ersten islamischen Jahrhundert eher unbeeindruckt: Sie haben es ja schon immer gewusst. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 13./14.12.2014)

  • Ein professioneller Schreiber in Kalkutta, der seine Künste Kunden zur Verfügung stellt: Der gebildete Mann liest in seiner freien Zeit im Koran, an dessen Authentizität kein Muslim zweifelt.
    foto: bettmann/corbis

    Ein professioneller Schreiber in Kalkutta, der seine Künste Kunden zur Verfügung stellt: Der gebildete Mann liest in seiner freien Zeit im Koran, an dessen Authentizität kein Muslim zweifelt.

  • Eine Seite der Koran-Handschrift Ma VI 165. Sie wurde mit der C14-Methode auf die Zeit zwischen 649 und 675 datiert.
    foto: universitätsbibliothek tübingen

    Eine Seite der Koran-Handschrift Ma VI 165. Sie wurde mit der C14-Methode auf die Zeit zwischen 649 und 675 datiert.

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