"Ö1 gefährdet", warnen Senderchef und Team die ORF-Führung

12. Dezember 2014, 15:43
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Brief an Stiftungsräte, Generaldirektor: "Argumente nicht gehört oder nicht ernst genommen" - Gegen "zentrale multimediale Instanz"

Wien - Der interimistische Ö1-Chef Peter Klein warnt in einem Schreiben an die Geschäftsführung und die Stiftungsräte des ORF vor den bisherigen Plänen für ein gemeinsames Newscenter auf dem Küniglberg. O-Ton: "Die Belegschaft von Ö1 sieht auf der Basis der bisher vorliegenden Informationen seine Senderidentität am neuen Standort gefährdet."

"Mutwillig zerstört und beschädigt"

Klein sandte eine gemeinsame "Standortbestimmung" von Ö1 über "diese Sorge". Titel des Papiers: "Ö1 gehört geschützt". Klein zeichnet das Positionspapier "für das gesamte Ö1-Team". Und gemeinsam warnen sie in sehr eindringlichen Worten: "Wenn Ö1 die baulichen, räumlichen und organisatorischen Grundlagen entzogen werden, wenn die Identität des Senders mutwillig zerstört und beschädigt wird, beschädigt oder zerstört man mutwillig und sehenden Auges das Programm."

"Nicht von zentraler multimedialer Instanz vorgegeben"

Wenn Ö1 schon in das geplante Newscenter auf dem Küniglberg ziehe, müsste

  • die spezifische Senderidentität beibehalten werden,
  • der auch bauliche Zusammenhalt des Senders und es brauche
  • eigenständige Programmplanung, "die nicht von einer zentralen multimedial agierenden Instanz vorgegeben wird"

Das Papier dazu im O-Ton:

"Dies schien vor weniger Monaten auch noch gegeben. Man sprach in einer früheren Planungsphase davon, dass Ö1, ebenso wie Ö3 und FM4, am neuen Standort baulich jederzeit identifizierbar sein müsse, dass sich Geist und Anmutung aller Sender in der räumlichen Ausgestaltung widerspiegeln werde."

"Ö1 verschwunden"

"Doch seit Kurzem scheint alles anders zu sein. In einem anlässlich der Designkonferenz zum Multimedialen Newsroom Ende Oktober vorgelegten Papier ist Ö1 als eigenständige Entität – ganz im Gegensatz zu FM4, Ö3 und dem Landesstudio Wien – bereits verschwunden.2

"Ö1 als best of rest"

"Ö1 ist eingebettet in den Cluster Kultur, Wissenschaft und Religion im ORF. Von Senderidentität und einem eigenständigen Sender ist nicht mehr die Rede. Ö1 bleibt, wie man uns mitteilt, das was nicht in den Multimedialen Newsroom soll und was nicht im Cluster aufgeht. Ö1 also als "best of rest"."

"Zerstört sehenden Auges das Programm"

"Wir weisen mit allem Nachdruck darauf hin, dass Ö1 auch weiterhin nur als eigenständiger Organismus jene Erfolge garantieren kann, die für den Gesamtauftritt des ORF wesentlich sind. Wenn Ö1 die baulichen, räumlichen und organisatorischen Grundlagen entzogen werden, wenn die Identität des Senders mutwillig zerstört und beschädigt wird, beschädigt oder zerstört man mutwillig und sehenden Auges das Programm."

Die Forderungen

  • "Ö1 braucht eine eigenständige Planung und Kultur gegenüber dem "Cluster"", fordert das Papier.

Multimedialität und Verflachung

Begründung: "Für Ö1 ist entscheidend, dass Geschichten und Sendungen für genau dieses Programm geplant werden und nicht von einer zentralen Stelle "Content" verteilt wird. Eine Clusterstruktur als imaginierter Wissenspool für das Mainstreaming von zentral entschiedenem Content beschädigt die Marke Ö1 massiv, da deren Sendungen und diedaraus resultierende Senderidentität entscheidend von den Dialogprozessen am Ort mit anderen Kollegen aus den Ö1-Abteilungen abhängen. Es muss sichergestellt sein, dass die Verschränkungen in Richtung Multimedialität nicht die Verflachung des Programms a la Flächenradio, reine Quotenorientierung und Uniformität zur Folge haben."

Wer gerade da ist

  • "Viele Inhalte können nicht unabhängig davon "wer gerade da ist" optimal gelingen – dies verlangt eine entsprechende organisatorische und auch bauliche Vorbereitung."
  • An einzelnen Produktionen wird zum Teil wochenlang – allein, zu zweit oder in kleineren Teams – gearbeitet. Ö1-Sendungen können zu großen Teilen nicht in Großraumbüros mit einem ständigen Geräuschpegel produziert werden.
  • Bücher, Notizen, Materialsammlungen müssen für aufwändigere Produktionen über längere Zeit greifbar sein. Es ist unerlässlich, Materialen und Arbeitsunterlagen auch "über Nacht" und für einen längeren Zeitraum liegen lassen zu können.
  • Stadtstudio als Interviewort, für Publikumssendungen und Produktion.

Das Papier fordert rasch konkret Arbeitsgruppen für das künftige Ö1.

"Irreversible Planungs- und Entscheidungsfehler"

Das Fazit: "Es ist bisher nicht ausreichend gelungen, die Arbeitsbedingungen und konkreten Arbeitsplatzerfordernisse von Ö1 entsprechend zu kommunizieren. Den vorwiegend aus dem News-Bereich kommenden Planern und Entscheidungsträgern schwebt durch die räumliche und organisatorische Einbettung in einen Cluster ein Modell vor, dass die Identität von Ö1 (und damit das Programm) schwächen und beschädigen würden.

Noch ist genug Zeit, durch eine entsprechende Einbeziehung der Erfordernisse und Standpunkte von Ö1 folgenschwere und irreversible Planungs- und Entscheidungsfehler zu verhindern. Fehler, die nicht nur Ö1 sondern dem Gesamtauftritt des ORF Schaden zufügen würden."

"Nicht ernst genommen"

Klein erklärt im Begleitmail, das Papier sei der "Versuch darzustellen, dass und warum ein komplexes und für den Gesamtauftritt des ORF nicht gerade unwesentliches Programm bestimmte Voraussetzungen benötigt, um weiterhin seinen Auftrag erfüllen zu können".

Es gehe "nicht um den Standort an sich, sondern vielmehr um geplante organisatorische und bauliche Vorgaben, die die Herstellung des Programms Ö1 in seiner bisherigen Form gefährden können. Unserer Ansicht nach wurden die von Ö1 bisher vorgebrachten Argumente nicht entsprechend gehört oder nicht entsprechend ernst genommen." (fid, derStandard.at, 12.12.2014)

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