Hundekeks und Kalter Krieg

12. Dezember 2014, 17:07
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Von Julya Rabinowich

Als schreibende Person hat man einen suchenden Blick, wie Hunde, die hinter jeder Keksdose eine Hundekeksdose vermuten. Um diese Zeit des Jahres soll man eh nicht boshaft sein, das kann man für den Abend des 24. aufheben, einen Zeitpunkt, an dem Skandale gedeihen.

Der Winter kehrt verlässlich wieder, und da der Mensch gerne in Zyklen lebt, auch Weihnachtsmärkte, Keksgekrümel unterschiedlicher Qualität sowie Discobeleuchtung in Tannenbaumform. Was nicht wiederkehrt, ist Schnee. Das kommende Fest erinnert daran, dass die Originalveranstaltung nach gängiger Definition einiger im Land eine Asylbetrugsgeschichte wäre. Mit Schlepperhilfe und illegaler Wohnungsvermietung. Das Gute an Weihnachten 2014: bis jetzt keine Einkaufsamokläufe. Keine Schlägereien und Kotzorgien an mobilen Illuminaten aka Punschhütten. Keine Komakinder. Keine Rauschkugeln. Vielleicht erst in der vierten Adventwoche. Die halbe Miete fürs Besinnlichsein haben wir schon. Die Zurückhaltung könnte daran liegen, dass Konsumenten Konsumieren immer schwerer fällt. Die UdSSR führte jedoch überzeugend vor, dass Saufen noch ging, als alles weitere unter "rien ne va plus" lief. Das verspricht Gutes.

Wir könnten auch anders, aber momentan tun wir es nicht. Putin hat das Gas immer noch nicht abgedreht, dafür posiert Netrebko mit Neurusslandfahne. Der CIA-Bericht fällt noch unangenehmer aus als erwartet. Cheney bezeichnet ihn als Mist. Ärzte und Spitäler könnten kollabieren. Manche wissen noch immer nicht, dass ein "Nein" bei Sexualanbahnungen kein "Ja" bedeutet. Alles gut. Nur der Schnee zum Anzuckern der Lage fehlt. Dafür entwickeln wir ersatzweise den Kalten Krieg. Der Mensch lebt gern zyklisch. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 13./14.12.2014)

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