Davidwache St. Pauli: Touristenattraktion ist 100

15. Dezember 2014, 11:57
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Schöne Fassade und finsterer Keller

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins - herrscht in der Davidwache Hochbetrieb. Im berüchtigten Rotlichtviertel auf St. Pauli gehören Verbrechen zum Alltag. Besonders von Donnerstagabend bis Sonntag früh brauchen die Beamten von Deutschlands wohl berühmtestem Polizeikommissariat Verstärkung durch Kollegen aus anderen Revieren. Das Gebäude der Davidwache wurde im Dezember 100 Jahre alt.

Aber die Geschichte der Polizeipräsenz auf St. Pauli reicht noch weiter zurück. Schon im 19. Jahrhundert sah der Hamburger Senat die Notwendigkeit, das Amüsierviertel vor den Toren der Stadt besser zu kontrollieren. Heute ist das Revier mit nur 0,7 Quadratkilometer Fläche das kleinste in Deutschland. Doch die Einsatzbelastung ist hoch, erklärt der stellvertretende Leiter der Wache, Jörg Biese (47). Zu den 14.000 Einwohnern kommen mehr als 80.000 Besucher hinzu - pro Abend. Fast alle wollen feiern oder sich amüsieren.

Präsenz in Film und Fernsehen

Der Begriff Davidwache kam schon zur Zeit des Vorvorgängerbaus in den 1840er Jahren auf, der auch an der Davidstraße stand. Offiziell darf sich das Polizeikommissariat 15 aber erst seit 1970 so nennen. Das heutige Gebäude mit seinen Keramikverzierungen wurde 1913/14 von dem Hamburger Baumeister Fritz Schumacher errichtet, auf den auch andere markante Bauten der Hansestadt zurückgehen.

Bekannt wurde die Wache vor allem durch ihre Präsenz in Film und Fernsehen. Nach Hans Albers war es besonders der Filmemacher Jürgen Roland, der mit "Polizeirevier Davidswache" - der Titel in nicht offizieller Schreibweise mit Binde-s - und "Stahlnetz" den typisch hamburgischen Backsteinbau an der Ecke Spielbudenplatz/Davidstraße in den 1960er-Jahren ins Rampenlicht rückte.

Inzwischen steht die Wache längst unter Denkmalschutz, zumindest von außen. Auch innen lassen die grünen Wandfliesen im Eingang, die breiten Treppenhäuser und die dicken Wände das Alter erkennen. Nicht selten verbringen Besucher mehr Zeit in der Wache als ihnen lieb ist - in einer der Zellen im Keller. Sie scheinen die Zeit vor 100 Jahren widerzuspiegeln. Die kaum vier Quadratmeter großen Räume sind in grau-grüner Ölfarbe gehalten, fensterlos und nur mit einer Holzpritsche ausgestattet. Wer hinter der schweren Stahltür mit Sehschlitz sitzt, wird womöglich nur durch die Klima- und die Rufanlage daran erinnert, dass er keine Zeitreise ins Jahr 1914 angetreten hat.

Paul McCartney soll hier eine Nacht eingesessen haben

Die sieben Zellen reichen am Wochenende oft nicht aus, berichtet Biese. Länger als ein paar Stunden oder mal eine Nacht muss auch niemand dort verbringen. Mancher kommt aber wieder, mitunter öfter. "Wir kennen viele unserer Straftäter", sagt Biese. Bei der Verfolgung von Straftaten kennt der Erste Polizeihauptkommissar kein Pardon. Wer gegen Gesetze verstoße, gegen den werde vorgegangen. "Bei uns wird eingesperrt ohne Ansehen der Person, Stand und Rang."

Diese Erfahrung soll einst auch Paul McCartney gemacht haben. Nach Angaben von Biografen sollen Paul und der damalige Drummer Pete Best im Bambi-Kino, wo die Beatles in einem Hinterraum wohnten, ein an der Wand hängendes Kondom angezündet haben. Der Besitzer des Kinos, mit dem die Liverpooler über Kreuz lagen, zeigte sie wegen Brandstiftung an. Wenige Tage danach wurden Paul und Pete an der Reeperbahn festgenommen. Nach einer Nacht in der Zelle Anfang Dezember 1960 wurden die beiden in ihre Heimat abgeschoben.

Mord und Totschlag im Rotlichtmilieu

Später durften die Beatles nach Hamburg zurückkehren, immerhin hatten sie für hiesige Verhältnisse wenig verbrochen. Andere zeigten sich auf St. Pauli weniger zimperlich. Im Rotlichtmilieu häuften sich vor allem in den 1970er und 1980er-Jahren Mord und Totschlag. Die Zeiten der offenen Kriminalität sind aber vorbei, erklärt Biese. "Das, was früher als offene Auseinandersetzung geführt wurde, läuft jetzt eher verdeckt ab." Denn die Betreiber der Bars und Etablissements fürchten negative Schlagzeilen, die ihnen die Geschäfte kaputt machen könnten. Aber auch die rund 120 Beamten der Davidwache halten die Augen offen.

Die Davidwache hat ihre Fans - im Internet werden sogar T-Shirts und Kaffeebecher mit dem Bild der Fassade verkauft -, aber auch ihre Gegner. Vor einem Jahr mobilisierten gleich drei Themen die linke Szene auf St. Pauli. Die Bewohner der "Esso-Häuser" mussten wegen Einsturzgefahr ihre Wohnungen verlassen, die Besetzer des linksautonomen Kulturzentrums Rote Flora befürchteten ihre Räumung, und die Unterstützer der rund 80 Lampedusa-Flüchtlinge, die in der St.-Pauli-Kirche kampierten, prangerten die Politik des Senats an. Inmitten der aufgeheizten Stimmung sollen 30 bis 40 Vermummte im Dezember 2013 Steine auf Beamte, Autos und die Davidwache geworfen haben.

Viel zu eng für einen Tag der offenen Tür

Zum Jubiläum gab es neben einem internen Festakt Führungen für 200 Besucher. Die Teilnehmerkarten wurden verlost, deutschlandweit und auch im Ausland. "Wir sind schon sehr überrascht gewesen über die Resonanz, die wir hatten", sagt Biese. Einen Tag der offenen Tür wird es hingegen nicht geben - nicht in den Zellen, aber auch nicht in den Büros. Dafür ist das Gebäude von 1914 viel zu eng. (APA, dpa, red, derStandard.at, 15.12.2014)

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