Lucerne Festival: Am Piano, an der Bar

12. Dezember 2014, 15:09
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Das Festival versuchte erfolgreich E- und U-Musik zu verbinden

Das international renommierte Lucerne Festival hat sich in den letzten Jahren erfolgreich diversifiziert. Neben dem Hauptfestival im Sommer, das hauptsächlich den besten Orchestern und Dirigenten der Welt eine Bühne bietet, findet nunmehr auch eine Ausgabe zu Ostern statt, die naheliegenderweise sakraler Musik gewidmet ist, und eine im Spätherbst: Lucerne am Piano.

Selbstverständlich sind auch hier immer nur die Tastenvirtuosen der Champions League am Start. Heuer waren dies zum Auftakt der Altmeister und treue Luzern-Gast Maurizio Pollini mit einem Beethoven- und Chopin-Programm sowie Pierre-Laurent Aimard mit dem Ersten Band von Bachs "Wohltemperierten Klavier", von dem er soeben auch eine CD veröffentlicht hat.

Beethoven Journey

Darauf folgte der Norweger Leif Ove Andsnes, der gemeinsam mit dem Mahler Chamber seine Interpretation von Beethovens fünf Klavierkonzerten präsentierte, mit denen er seit vier Jahren unter dem Titel "Beethoven Journey" auf Welttournee ist.

Martin Helmchen hatte einen hochinteressanten Variationen-Abend zusammengestellt, außer den "Diabellischen" auch noch solche von Mozart, Schubert und Webern, und Paul Lewis wagte sich an die "heilige" Endspiel-Trias von Beethovens letzten Klaviersonaten.

Für den erkrankten Evgeny Kissin sprang dankenswerterweise Rudolf Buchbinder ein. Durch diesen Zufall hatte man sogar Gelegenheit, seine und Pollinis "Appassionata"-Versionen im quasi direkten Vergleich zu erleben. Die Meinungen darüber gingen naturgemäß auseinander.

Aber Lucerne am Piano beschränkt sich nicht auf Darbietung klassischer Klaviermusik in dem von Jean Nouvel erbauten Kultur-und Kongresszentrum Luzern (KKL), es geht auch hinaus. Zwar nicht in Fabrikhallen oder in die Wohngebiete von Immigranten, aber zumindest in diverse Luzerner Bars, die von acht Weltklasse-Jazzpianisten im Rahmen des sogenannten Offstage-Festivals in täglich wechselnder Besetzung bespielt wurden.

Bar-Hopping

So konnte man in einer Art musikalischen "Bar-Hoppings" vom frühen Abend bis in die späte Nacht hinein sehr verschiedene Orte unterschiedlichster Anmutung kennenlernen. Den Jugendstil-Pavillon LUZ etwa, eine ehemalige Kartenverkaufsstelle: eine kleine, intime und helle Oase inmitten der grauen Novembernebelsuppe. "The Lounge" im ebenfalls von Jean Nouvel errichteten Hotel namens "The Hotel": hypercool, allerdings so konsequent in totalem Architekten-Schwarz gehalten, dass darin auch noch die natürlich schwarz gekleideten Kellnerinnen und Kellner fast vollständig verschwanden. Die Bar im Hotel Schweizerhof, einem der ältesten Hotels Luzerns: relativ groß, aber ein wenig unglücklich im 70er-Jahre-Look renoviert. Die Lobby der luxuriösen Promi-Absteige Palace-Hotel: weitläufig, gobelinbehängt, mit einem zentral platzierten Klavier, aber leider etwas unatmosphärisch beleuchtet. Den Alkoholausschank im riesigen, leider größtenteils in eine Seniorenresidenz verwandelten Hotel National: kleiner, dunkler, aber kuschelig.

Und dann natürlich noch die legendäre Louis-Bar in dem durch eine entzückende kleine private Standseilbahn zu erreichenden Montana-Hotel: ein Art-déco-Traum mit einer der größten Single-Malt-Whisky-Kollektionen in der Schweiz.

Abschließende Jamsession

Hier trafen sich die acht Protagonisten auch zu einer abschließenden Jamsession. Ehud Asherie (USA) berührte mit sanft differenzierten Tönen, besonders beim "Wild Man Blues". Chris Hopkins, der "Amerikaner aus Bochum", zauberte gemeinsam mit Bernd Lhotzky eine fantastische Kreuzung aus Dave Brubecks "Take Five" und Beethovens "Für Elise" hervor.

Der Schweizer Walter Jauslin begeisterte durch seine akkordischen Harmonieverschiebungen, Aaron Goldberg kreierte ungewohnte impressionistische Klangträume, Chris Conz schmiss sich mit loderndem Feuer in den Boogie, und Dirk Raufeisen brachte mit aberwitzigen Tempi den Flügel fast zum Dampfen.

Die sich in der Zwischenzeit sowohl von außen als auch von innen erwärmt habenden Künstler und Zuhörer genossen diese entspannte Atmosphäre, diese ungewöhnliche Mischung aus europäischer Mondänität und amerikanischem Club-Feeling sichtlich und hörbar. Und dann schneite auch noch der strenge Maestro Pollini herein und wünschte sich von seinen Kollegen Ellingtons "Sophisticated Lady". U + E = Glueck. (Robert Quitta, derStandard.at, 12.12.2014)

Die Reise zum Piano-Festival in Luzern erfolgte auf Einladung von My Switzerland und Luzern Tourismus.

  • Paul Lewis beim Lucerne Festival.
    foto: priska ketterer, lucerne festival

    Paul Lewis beim Lucerne Festival.

  • Eröffnung von Piano Off-Stage.
    foto: georg anderhub, lucerne festival

    Eröffnung von Piano Off-Stage.

  • Die Louis-Bar in Luzern.
    foto: robert quitta

    Die Louis-Bar in Luzern.

  • Der Namensgeber der Louis-Bar.
    foto: robert quitta

    Der Namensgeber der Louis-Bar.

  • Bernd Lhotzky beim Piano Off-Stage in "The Hotel".
    foto: priska ketterer, lucerne festival

    Bernd Lhotzky beim Piano Off-Stage in "The Hotel".

  • Chris Conz vor einer Ahnengalerie internationaler Jazzgrößen.
    foto: robert quitta

    Chris Conz vor einer Ahnengalerie internationaler Jazzgrößen.

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