"Der Bruno wird immer im Herzen der Eintracht bleiben"

Interview12. Dezember 2014, 10:12
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Karl-Heinz Körbel bildete mit Bruno Pezzey das Abwehrzentrum von Eintracht Frankfurt, gemeinsam gewannen sie den UEFA-Cup. Er spricht über Pezzeys taktische Intelligenz, riskante Wetten mit Journalisten und Austropop-Ohrwürmer

"Es ist schon komisch, dass Sie gerade jetzt anrufen", sagt Karl-Heinz Körbel Mitte November beim Telefonat mit dem ballesterer. "Ich werde Anfang Dezember 60 und überlege, mit wem ich das gerne feiern würde. Da habe ich oft an den Bruno denken müssen." Beim Gespräch kommt "Charly" Körbel schnell ins Plaudern, immer wieder beginnt der einstige Eintracht-Frankfurt-Vorstopper zu lachen, wenn er sich an seinen Libero und Zimmerkollegen Pezzey erinnert.

ballesterer: Sie waren 1978 schon sechs Jahre im Verein. Wissen Sie, wer Bruno Pezzey 1978 nach Frankfurt geholt hat?

Karl-Heinz Körbel: Das weiß keiner so richtig. Er war auf dem Markt, und wir haben einen großen, kopfballstarken Verteidiger gebraucht. Damals sind immer nur zwei oder drei Neue im Jahr gekommen, deswegen hat sich anfangs alles auf den Bruno konzentriert. Sein Aussehen mit dieser Lockenmähne, sein Schmäh – er hat massiv eingeschlagen. Natürlich auch wegen der Ablöse. Einige haben gesagt, dafür müssen wir ein Hochhaus verkaufen. 900.000 Mark – so viel hatte die Eintracht noch nie für einen Spieler gezahlt. Ein paar Skeptiker haben sogar geglaubt, dass der Verein finanziell daran kaputtgeht.

Hat es eine Rolle gespielt, dass kurz nach Cordoba ein Österreicher geholt worden ist?

Das war schon ein Thema, obwohl die Eintracht ja Erfahrung mit Österreichern hatte. Thomas Parits war einige Jahre vorher so etwas wie mein Lehrmeister. Er hat mich das Tor tragen lassen, manchmal zusammengeschissen und solche Sachen. Nach Brunos Ankunft ist es zwischen ihm und Bernd Hölzenbein, der ja auch in Cordoba dabei war, nur um diese Partie gegangen. Er hat dann auch die ganzen Österreicher hier angeschleppt: Friedl Koncilia, Herbert Prohaska, Hans Krankl – die haben wir alle kennengelernt. Beim Trainingslager in Seefeld ist dann auch der Hansi Hinterseer aufgetaucht, den Bruno vom Eishockey gekannt hat. Über Gijon hat er hingegen nie gesprochen.

Kurz vor seinem ersten Spiel für die Eintracht hat sich Pezzey verletzt. Ist er damals schon als Transferflop abgestempelt worden?

In diese Richtung ist es schon gegangen. Der Bruno war ein Weltklassespieler, aber die Leute haben ihn ja noch nicht gekannt. Und dann war er gleich verletzt. Das ist ja mit dieser ewiglangen Sperre in der zweiten Saison auch noch eine Zeit so weiter gegangen.

Sie meinen, nach dem Faustschlag gegen Jürgen Gelsdorf, den man erst danach auf einem Video gesehen hat?

Das war einer der ersten Videobeweise überhaupt. Im Spiel hat das keiner erkannt. Es ist dann auch das Gerücht aufgekommen, dass man an ihm ein Exempel statuieren wollte. Er war ja kein unfairer Spieler, aber nach dieser Aktion haben sie ihn medial fertig gemacht. Er hat zehn Spiele Sperre bekommen – und dazu die Häme. Weil er nur im UEFA-Cup spielen durfte, haben wir ihn immer auf der Schaufel gehabt, so nach dem Motto: "Du schonst dich doch nur für den Europacup."

Am Ende der Saison 1978/79 ist die Eintracht gerade noch in die UEFA-Cup-Plätze gerutscht. War Pezzeys Debütsaison durchwachsen?

Der Erwartungsdruck war groß, wir waren jedes Jahr im Europacup und wollten endlich Meister werden – das hätten wir mit der Qualität der damaligen Mannschaft eigentlich auch schaffen müssen. Das i-Tüpfelchen war dann der UEFA-Cup-Sieg 1980. Da muss man sich einmal anschauen, gegen wen wir alles gewonnen haben: Aberdeen, Bukarest, Brünn, Bayern – und Feyenoord, das zuvor 23 Europacupspiele in Folge nicht verloren hatte. Der Bruno war ein wesentlicher Bestandteil dieser Mannschaft. Diese internationalen Begegnungen waren sein Ding. Er hat sein Spiel gemacht und oft auch die entscheidenden Tore – wie gegen Bayern im Halbfinale, wo er uns in die Verlängerung geköpft hat.

Wie war Ihre persönliche Beziehung zu Pezzey?

Ich hatte das Glück, dass der Bruno rasch nicht nur mein Partner in der Innenverteidigung wurde, sondern auch am Zimmer. Er war Libero, ich war Vorstopper, und zusammen waren wir eines der besten Abwehrpaare der Bundesliga. Das hat zwischen uns eben gepasst. Ich habe sofort gemerkt, dass er unglaublich lustig ist. Von morgens bis abends hat man aufpassen müssen, dass er einen nicht verarscht. Aber bei allem Spaß war er ein Vorzeigeprofi. Da hat er mich auch mitgezogen. Eines Abends hat er im Trainingslager einmal gesagt: "Komm, jetzt gehen wir in die Sauna." Kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, um zehn Uhr abends in die Sauna zu gehen, aber er hat gewusst, dass es bei der Regeneration hilft.

Wie kam diese Mischung aus Schelm und ernsthaftem Profi bei Ihnen an?

Das war am Anfang ein vorsichtiges Abtasten, ich habe aber bald gewusst, dass wir auf der gleichen Wellenlänge sind. Und auf einmal hat er angefangen, auf dem Zimmer Austropop zu spielen. Ich kann heute noch die alten Lieder von Fendrich mitsingen, zum Beispiel "Es lebe der Sport". Das ist oft morgens bis abends gelaufen. Er hat mir auch einmal eine Kassette überspielt.

Hatten Sie auch Konflikte?

Manchmal haben wir uns gestritten, weil er teilweise zu offensiv gespielt hat. Ich habe ihm immer gesagt, dass er so nie rechtzeitig zurückkommen kann. Das hat er auch eingesehen. Er hat manchmal Sachen gemacht, die er gar nicht konnte. Er war ja kein Supertechniker, und dann hat er angefangen mit dem Außenrist zu passen. Da musste ich ab und zu sagen: "So, Pezzey, jetzt ist es wieder genug." Genauso hat er mir seine Spielphilosophie erklärt, die ich auch nachvollziehen konnte.

War die Spielweise von Bruno Pezzey zeitgemäß oder ihrer Zeit voraus?

Der Bruno war nicht der Schnellste, aber er hatte ein unglaublich gutes Auge und war sehr geschickt. Und er war auch nicht der Kopfballstärkste, obwohl er so groß war. Ich habe ihn ein paarmal gehänselt: "Brauchst du ein paar Einheiten auf dem Kopfballpendel?" Da hat er sich immer totgelacht. Dann hat er im Spiel ein Kopfballtor geschossen und ist zu mir gelaufen: "Siehst du, ich brauche kein Pendel." Was wir für Sachen gemacht haben! Das fällt mir grade wieder ein: Wir haben auswärts gegen den VfB Stuttgart gespielt, und der Bruno und ich haben vor dem Spiel mit einem Journalisten gewettet, dass wir den Sturm 15-mal ins Abseits laufen lassen werden. Wir haben dann bei jedem Abseits abgeklatscht, aber es leider nur elfmal geschafft.

In Österreich wird Pezzey als eher ruhig und introvertiert dargestellt. Auch seine Medienauftritte wirken sehr kontrolliert.

Er war einer der ersten richtigen Profis, die wir hier gehabt haben. Er hat damals auch einmal im Jahr in der Weltauswahl gespielt. Danach hat er mir immer erzählt, was es dort für Trainingsmöglichkeiten gibt und was man bei der Eintracht verbessern könnte. Und wen man nicht alles nach Frankfurt holen könnte. In unserem Zimmer musste ich mir also Fendrich und Geschichten von der Weltauswahl anhören, ich habe alle Höhen und Tiefen von ihm mitgemacht.

Welche Tiefpunkte hat es gegeben?

Auf einem Trainingslager in Abidjan in der Elfenbeinküste im Winter 1980 hat er sich irgendeinen Virus eingefangen. Er ist wie tot im Bett gelegen, das war Wahnsinn. Er hat gefroren, ich habe ihm immer wieder Decken geholt. Unser Vereinsarzt wollte ihn heimfliegen lassen, weil keiner gewusst hat, was er hat. Er hat abgenommen wie verrückt. Als wir zurückgeflogen sind, mussten wir alle aufs Gesundheitsamt und sind untersucht worden. Man hat nie herausgefunden, was er gehabt hat. Ich vermute, dass das sein Immunsystem verändert hat. Er hat dann Probleme mit dem Kreislauf gehabt und konnte auch die ersten Rückrundenpartien nicht spielen, obwohl seine lange Sperre abgelaufen war.

1983 ist Bruno Pezzey zu Werder Bremen gewechselt, den Transfer hat man aber eher der Eintracht-Führung übel genommen …

Da hat es ganz, ganz böses Blut gegeben. Die Eintracht hatte schwere Finanzprobleme, trotzdem war es ein Skandal, wie man den Bruno abgeschoben hat. Ich werde das letzte Spiel in Düsseldorf 1983 nie vergessen: Der Bruno hatte eine Platzwunde am Kopf und ist nach der Halbzeit noch in der Kabine gesessen, wo er vom Vereinsarzt genäht worden ist. Dann ist plötzlich unser Schatzmeister Wolfgang Knispel gekommen, der ihm gesagt hat: "Herr Pezzey, wir können Ihren Vertrag nicht verlängern. Wir müssen Sie verkaufen." Die haben ihm praktisch in der Halbzeit gekündigt.

Wie hat Pezzey reagiert? Er soll bereit gewesen sein, auf Teile seines Gehalts zu verzichten, um in Frankfurt zu bleiben.

Das stimmt. Frankfurt war seine Heimat, er hatte viele Freunde und Bekannte hier. Diese Geschichte in Düsseldorf hat ihn schwer getroffen. Wir sind dann gemeinsam nach Amerika auf Urlaub gefahren. Dort hat er mir gesagt, dass er zu Werder Bremen geht. Die Mannschaft ist auseinandergebrochen. Er hat mich total verrückt gemacht, weil er gemeint hat, dass man hier nicht weiterspielen kann. Und da habe ich aus Fort Lauderdale meinen Vertrag gekündigt. Fristlos. Der Bruno hat damals mit Otto Rehhagel gesprochen und wollte mich mit nach Bremen nehmen. "Der Charly kostet nichts", hat er gemeint. Im Urlaub macht man ja die verrücktesten Geschichten. Die Eintracht hat mich dann aber überredet zu bleiben.

Wie war es dann für Sie, in der Bundesliga gegen ihn zu spielen?

Die erste Saison war ganz komisch. Ich habe gegen Cha Bum-kun spielen müssen, der nach Leverkusen gegangen ist, und gegen den Bruno in Bremen. Zwei meiner besten Freunde. Auf dem Platz bin ich dem Bruno nicht viel begegnet. Bei Standardsituationen haben wir uns nie gegenseitig gedeckt.

Haben Sie Ihren Mitspielern Tipps geben können, was die Schwächen von Bruno Pezzey betrifft?

Ja, klar. Beim Bruno war es seine fehlende Schnelligkeit. Ich habe ihnen gesagt, dass sie mit Tempo vorbei müssen. Aber viele haben einfach Angst vor ihm gehabt, weil er mit seinen langen Beinen eine immense Reichweite hatte. Da ist trotzdem niemand vorbeigekommen. Ich war ja auch nie der Schnellste, aber wir waren Taktiker. Wir haben genau gewusst, wer was macht, und uns darauf eingestellt.

Finden Sie, dass Bruno Pezzey ausreichend gewürdigt wird?

Ich kann das schwer beurteilen, ich weiß aber, dass er einer von den ganz Großen war und auch immer einer der ganz Großen bei Eintracht Frankfurt bleiben wird. Der Bruno war eine Säule von uns, er war ungemein beliebt. Letztes Jahr hat es unter Eintracht-Fans eine Wahl der Jahrhundertelf gegeben, in der er vertreten ist. Man hat ihn nicht vergessen. Der Bruno wird immer hier im Herzen der Eintracht bleiben. Und jedes Jahr an Silvester muss ich daran denken. (Clemens Gröbner, ballesterer, 12.12.2014)

Karl-Heinz Körbel (60) ist mit 602 Einsätzen Rekordspieler der deutschen Bundesliga. In seiner 19-jährigen Profikarriere trug er nur das Trikot von Eintracht Frankfurt, in dem er viermal den DFB-Pokal und 1980 den UEFA-Cup gewann. Heute leitet er die Fußballschule des Vereins und ist als Berater des Vorstands tätig.

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