Radsport im kasachischen Teufelskreis

11. Dezember 2014, 18:07
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Weltverband muss Team Astana die Lizenz erteilen, weil eine Verweigerung wegen Dopings nicht in den Statuten steht

Aigle/Calpe - Dass Radprofis schon vor der Saison, mitten in der Vorbereitung, champagnisieren, ist ungewöhnlich. Den Pedaleuren von Astana war die Hochstimmung im Trainingslager zu Calpe an der Costa Blanca allerdings nicht zu verübeln. Schließlich erteilte der Weltverband (UCI), im fernen Aigle im Schweizer Kanton Waadt beheimatet, der skandalumwitterten kasachischen Mannschaft um Tour-de-France-Sieger Vincenzo Nibali nach anfänglichem Zieren die Lizenz für die WorldTour 2015. Nicht wenige meinen, dass Astana samt Teammanager Alexander Winokurow (41) damit auch die Lizenz für weiteren Sportbetrug erteilt worden ist. Und dass der neue britische UCI-Präsident Brian Cookson bei erster Gelegenheit grandios an seinem Vorhaben scheiterte, dem Doping im Radsport mit besonderer Härte zu begegnen.

Astana war die Lizenz zunächst wegen einer Häufung von Dopingfällen in jüngster Vergangenheit verweigert worden. Allerdings sieht das Regelwerk der UCI diese Begründung nicht vor. Bei Verstößen gegen finanzielle Vorgaben sieht die Geschichte schon anders aus, wie am Mittwoch etwa Europcar feststellen musste. Der französischen Équipe wurde die WorldTour-Startberechtigung entzogen.

Viele Einzelfälle

Astana kann weiter munter mitradeln, obwohl aus dem Eliteteam die Brüder Maxim und Walentin Iglinski vor wenigen Monaten des Epo-Dopings überführt worden waren. Für Winokurow sind das Einzelfälle wie auch jene dreier Nachwuchsfahrer aus dem inzwischen aufgelösten Continental-Truppe Astanas, mit dem der Eliterennstall quasi rein gar nichts zu tun gehabt habe.

Winokurow war seinerzeit auch einer jener Einzelfälle, die im Radsport massenhaft aufzutreten pflegen. Während der Tour de France 2007 wurde er des Dopings mit Fremdblut überführt. 2009 war Winokurow wieder auf der Straße. Ins Management wechselte er als Sieger des olympischen Straßenrennens 2012.

Bekanntschaften

In einer langen Karriere als Radprofi lernt man interessante Menschen kennen. Das könnte Winokurow/Astana doch noch zum Verhängnis werden. Die Staatsanwaltschaft Padua hat Verbindungen zwischen dem Team und dem auf Lebenszeit wegen Dopings gesperrten Mediziner Michele Ferrari aufgezeigt. Die Gazzetta berichtet von Fotos aus dem Vorjahr, die Winokurow und Ferrari im Bergamasker Trainingslager von Astana zeigen sollen. Nibali, ziemlich genervt, droht mit Klagen, sollte er mit "Dottore Epo" in Verbindung gebracht werden. Der 30-jährige Sizilianer könnte sich langsam nach einem Team mit kleineren Schlagzeilen sehnen.

Schließlich ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen, dass sich bewahrheitet, was UCI-Boss Cookson behauptet hatte: "Egal, wie mächtig, erfolgreich oder reich du bist, egal, wie gut deine Anwälte sind, du wirst erwischt. Wenn du deinen Erfolg auf Betrügereien gründest, wird früher oder später die Wahrheit ans Licht kommen und deine Reputation zerstören." (sid, lü, reDER STANDARD, 12.12.2014)

  • Champagner her, die Elite ist da! Vincenzo Nibali feiert auf der Tour d' honneur mit seinen Helfern. Inzwischen ist er etwas verkatert.
    foto: reuters

    Champagner her, die Elite ist da! Vincenzo Nibali feiert auf der Tour d' honneur mit seinen Helfern. Inzwischen ist er etwas verkatert.

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