Sich dem schwierigen Erbe stellen

Kommentar der anderen11. Dezember 2014, 17:00
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Debatte um die Ucicky-Werkschau: Aufarbeiten statt mystifizieren

2014 provoziert die breitere Beschäftigung mit einem Regisseur des NS-Kinos in Österreich immer noch heftige Reaktionen. Wer Nazi-Filme wiederaufführt, gerät schnell in den Verdacht, damit die "falsche Seite" zu bedienen. Die breitere Präsentation des Gesamtwerkes Gustav Ucickys könne demzufolge nur dazu dienen, die Propagandafilme "reinzuwaschen", dies insbesondere unter dem Aspekt, dass die Klimt Foundation mitfinanziert. Diese doch etwas schlichte Vorstellung zeugt nicht nur von einer eingeengten Debattenkultur, sondern blendet gleich mehrere Tatsachen und Diskurse aus.

Erstens: Ucickys Werk hat Geschichte gestiftet und zugleich auch Geschichte beschnitten. Wie viele andere Protagonisten des NS-Kinos verstand er es, seine Regie an die Anforderungen der Auftraggeber anzupassen – und das nicht erst seit 1933. Ucickys Filme spiegeln daher in nahezu seismografischer Präzision die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit. Gerade in diesem Zusammenhang gehört es zur Verantwortung der Filmarchive wie auch einer kritischen Filmgeschichtsschreibung, die mitunter tabuisierte Auseinandersetzung mit Filmen und Persönlichkeiten der NS-Zeit zu suchen und das Verdrängte und Verfemte offensiv zur Diskussion zu stellen.

Zweitens: Die Realisierung eines derartigen Vorhabens erfordert nicht nur die geduldige Recherche von Daten und Fakten, sondern auch ressourcenintensive Arbeit am filmischen Quellenmaterial. Dieses vom Filmarchiv Austria schon seit einigen Jahren betriebene Projekt wurde von der Klimt Foundation hinsichtlich der Restaurierung und Rekonstruktion von exemplarischen Ucicky-Filmen unterstützt. Olga Kronsteiner kritisiert im STANDARD diese Finanzierung, aber gleichzeitig auch die Beteiligung der öffentlichen Hand. Heißt das also, besser gar nichts zu tun, die Filme verfallen zu lassen bis zur endgültigen Geschichtsauslöschung?

Drittens: Österreich wird sich die Auseinandersetzung mit den filmpolitischen Auswirkungen des Nationalsozialismus nicht ersparen können. 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges macht es keinen Sinn mehr, Filme und Kontexte dieser Zeit auszublenden und damit zu mystifizieren. Oder noch schlimmer, die Deutungshoheit über Produktionen, die man offiziell schwer oder gar nicht sehen kann, dem grauen Markt zu überlassen. Es ist an der Zeit, sich diesem schwierigen Erbe zu stellen – durch Präsentationen, kritische Aufarbeitungen und öffentliche Diskussion. Wenn das Ucicky-Projekt des Filmarchiv Austria hier Impulse setzen konnte, ist schon einiges erreicht. (Ernst Kieninger, DER STANDARD, 12.12.2014)

Ernst Kieninger ist Direktor des Filmarchivs Austria.

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