Perinatale Psychiatrie: Was der Mutter guttut, tut dem Kind gut

15. Dezember 2014, 11:57
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Für Mütter in Krisensituationen gibt es am Wiener Otto-Wagner-Spital eine Spezialambulanz für perinatale Psychiatrie

Zwischen neun und zwölf Uhr war wieder jede Menge los. Im Terminkalender am Computer von Claudia Reiner-Lawugger stehen etliche Namen von Frauen, und sie alle sind heute schon hier gesessen, im Zimmer mit der hohen Decke, im Erdgeschoß des Pavillons 18 des Wiener Otto-Wagner-Spitals.

"Vier Neue, drei zur Nachbehandlung", zählt die Wiener Psychiaterin auf, während immer wieder das Telefon klingelt. 350 Frauen betreut sie pro Jahr, "ein Kampfplatz", sagt sie lachend, den sie sich selbst geschaffen hat, weil der Bedarf groß war. Seit 2004 gibt es die Spezialambulanz für Mütter mit postpartalen oder auch perinatalen Depressionen, wie es im Fachjargon heißt.

Viele Betroffene

Jährlich sind in Wien rund 4.000 Frauen betroffen. Trotzdem: "Die Wahrnehmung für diese Krankheit ist bei uns noch immer sehr mangelhaft", sagt die Ärztin. Das weiß auch Ulrike Schrimpf. Sie ist eine jener Frauen, die im Terminkalender von Claudia Reiner-Lawugger stehen. Die 39-Jährige ist im fünften Monat schwanger, im Mai kommt ihr dritter Sohn zur Welt. Die Geschichte ihrer postpartalen Depression nach der Geburt ihres zweiten Kindes hat sie in "Wie kann ich dich halten, wenn ich selbst zerbreche?" aufgeschrieben. Das war Anfang 2011, als sie die Hebamme anrief und sagte: "Ich drehe durch!"

Da war ihr Baby zehn Wochen alt. Die Berlinerin war zuvor mit ihrem Sohn aus erster Verbindung mit ihrem neuen Partner hochschwanger nach Wien übersiedelt, ihr Vater war krank und in Wien hatte sie null soziales Netz. Alles Risikofaktoren, aber das war Ulrike Schrimpf nicht klar. Sie wurde immer überdrehter und konnte irgendwann nicht mehr schlafen.

"Ich hatte eine andauernde Panikattacke", umschreibt sie es heute. Zum Glück war ihre Hebamme die Schwägerin von Reiner-Lawugger. Die war zwar im Urlaub und die Ambulanz nicht besetzt, aber im AKH war eines von vier für postpartale Depressionen vorgesehenen Betten frei, und so kam sie auf die Station von Brigitte Schmid-Siegel, die eng mit der Ambulanz auf der Baumgartner Höhe vernetzt ist.

Thema aus Tabuzone holen

Ihr Baby konnte sie mitnehmen. Würde man Mutter und Kind in dieser Phase trennen, könnte das fatal sein. "Jede Behandlung ist eine Intervention für das Kindeswohl", bringt Reiner-Lawugger es auf den Punkt. Dafür ist es wichtig, das Thema aus der Tabuzone herauszuholen. Denn der Bedarf an Hilfe wird größer, weil psychische Erkrankungen wie Psychosen oder bipolare Störungen zunehmen. Neben dieser Risikogruppe sind auch junge, sozial schwache Frauen gefährdet. Neu ist eine dritte Risikogruppe für postpartale Depressionen: gut ausgebildete, erfolgreiche Frauen, die mit Ende 30, oft mithilfe von Reproduktionsmedizin, ihr erstes Kind bekommen.

Schrimpf blieb drei Wochen im AKH, hat dort nicht nur therapeutische Unterstützung, sondern auch Medikation in Form von Schlafmitteln und Antidepressiva bekommen. Sie musste abstillen, was nicht alle Frauen tun müssen. Es gibt mittlerweile gut verträgliche Mittel. "Die Fehler passieren eher, wenn bei psychisch erkrankten Frauen in der elften Schwangerschaftswoche alle Medikamente abgesetzt werden", ist Reiner-Lawugger überzeugt. Zum Thema Kindergesundheit gibt es auch in Schrimpfs Buch ein Kapitel. Sie hat sich, erzählt sie, aber mehr Sorgen um den großen Sohn als um den kleinen gemacht.

Rasche Hilfe

Das Fazit: Hilfe muss rasch erfolgen, damit kein Beziehungsvakuum entsteht. Neugeborene brauchen Response. "Die meisten Mütter lehnen aber ihr Kind nicht ab", sagt Reiner-Lawugger - das sei nur eine kleine Gruppe. Die meisten Frauen mit postpartaler Depression könnten sich nicht um ein Kind kümmern, weil sie dazu nicht in der Lage sind. Aber täglich hat es die Ärztin mit Frauen zu tun, die am Boden zerstört kommen und denen es nach zwei Wochen wieder halbwegs gut geht.

Zum Glück gibt es Angehörigengespräche im Raum mit der hohen Decke. Auch der Mann von Ulrike Schrimpf saß schon hier. Die Ärztin machte klar: Es ist akut, aber auch nicht weiter beunruhigend.

Seither weiß er: Es gibt viele Frauen, die das betrifft. Aber übersiedeln werden sie, zumindest bis der dritte Sohn ein Jahr alt ist, erst einmal nicht. Wichtig für Mutter und Kind: Hilfe muss rasch erfolgen, damit kein Beziehungsvakuum entsteht. (Mia Eidlhuber, DER STANDARD, 10.12.2014)

  • Wichtig für Mutter und Kind: Hilfe muss rasch erfolgen, damit kein Beziehungsvakuum entsteht.
    foto: corn

    Wichtig für Mutter und Kind: Hilfe muss rasch erfolgen, damit kein Beziehungsvakuum entsteht.

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