IS-Kämpfer: Mütter als Schlüssel gegen radikalen Islamismus 

11. Dezember 2014, 11:06
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Jede Woche brechen dutzende junge Menschen auf, um für Islamisten im Ausland zu kämpfen. Könnten die Familien das verhindern, wenn sie mehr Unterstützung bekämen?

Wien - Ein Gespenst geht um - und das nicht nur in Europa. Aus mittlerweile 90 Nationen kommen die jungen Menschen, die sich islamistischen Terrorgruppen in Syrien und dem Irak angeschlossen haben. Erst vor wenigen Tagen wurden wieder zwei minderjährige Franzosen aufgegriffen, die sich über Ungarn auf den Weg gemacht hatten.

Das Gespenst. Was flüstert es den Kindern und Jugendlichen ein, das sie aufbrechen lässt, in ein fremdes Land? Warum sind sie bereit ihr Leben einem Kampf zu opfern, der nicht ihrer ist? Wie kurz mag sie sein, die Zeitspanne zwischen Neugier und Entschluss?

"Wenige Wochen", flüstert Christianne Boudreau. Sie ist eine von acht Müttern, die auf Einladung der Organisation Women without Borders und der OSZE am Dienstag in Wien zu Besuch war. "Syrien, eine Verlockung" lautet der Titel der Abendveranstaltung, zu der auch Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) erschien.

Keine Hilfe gefunden

Mütter spüren den Geist möglicherweise früher, der sich in den Köpfen und Herzen ihrer Kinder einnistet. Zumindest ist es eine hoffnungsvolle These, dass über die Mütter die jungen Jihadisten erreicht werden können, wenn sie dafür ausgebildet werden.

Christianne Boudreau kommt aus Kanada. Ihr Sohn, Damian, sei ihr bereits 2011 entglitten, erzählt sie. "Seine ganze Körpersprache veränderte sich. Er wollte nicht mehr mit uns gemeinsam essen, kaufte sich neue Kleidung. Er hat Stunden damit verbracht, sich Bilder von gefolterten und verstümmelten Muslimen anzusehen.

'Wir tun nicht genug, ihnen zu helfen, die westlichen Medien lügen', sagte er oft. Irgendwann fing er an, das Töten im Kampf für den Islam zu legitimieren. Da dachte ich noch, er stecke in einer Phase. Ich hatte keine Ahnung."

Damian ging Ende 2012 nach Syrien, 2014 erreichte Boudreau die Nachricht seines Todes. Gemeinsam mit anderen Eltern hat sie in Kanada ein Beratungsprogramm aufgebaut. "Ich bin heute hier, weil ich damals keine Unterstützung fand, niemanden, der mir helfen konnte zu verstehen, was in meinem Sohn vorging."

Schuld, Wut, Angst

Die anderen Mütter - sie kommen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Schweden und Belgien - erzählen ähnliche Geschichten: Ihre Töchter und Söhne, konvertiert oder im muslimischen Glauben geboren, hätten sich binnen Wochen entfremdet. Schuldgefühle, Wut, Angst; all das hätten sie durchlebt, sagen sie unisono.

Mütter, so lautet die Conclusio, müssten mehr Angebote und Trainings bekommen, wie sie die Zeichen der Radikalisierung erkennen und ihnen gegensteuern können. "Anfangs habe ich mir nicht viel dabei gedacht, als er jeden Morgen in die Moschee ging", erzählt eine Frau aus Großbritannien.

Ihr Sohn plante mit 19 Jahren ein Bombenattentat, seit drei Jahren sitzt er im Gefängnis. Mehrmals die Woche unterrichtet ihn ein Imam in Islamkunde.

"Das ist keine Deradikalisierung, diese Ideologie hat nichts mit Religion zu tun. Aber die Gespräche mit dem Imam hatten eine enorm positive Wirkung auf ihn", sagt sie. Doch nicht jeder Radikale erkenne für sich eine Perspektive, gibt sie zu bedenken. "Aber wir müssen als Gesellschaft an unsere Kinder glauben. Sie müssen die Chance haben, umkehren zu dürfen in ein normales Leben!"

Den Namen der Terrorgruppe Islamischer Staat mit Allah in Verbindung zu bringen (wie hier am Brunnenmarkt in Wien) ist einer der Tricks, um sinnsuchende Menschen mit Ideologien zu verführen. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 11.12.2014)

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