"Vom Gefühl her ist es nicht richtig"

10. Dezember 2014, 17:49
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Niederländische Eisschnelllaufstars wollen nicht bei der EM in Russland antreten und lösen damit eine neuerliche Debatte über das Verhältnis von Politik und Sport aus

Amsterdam/Moskau/Wien - "Vom Gefühl her ist es nicht richtig, meinen Titel in Russland zu verteidigen." Ireen Wüst, die erfolgreichste Eisschnellläuferin der Gegenwart, hat noch nicht entschieden, ob sie im Jänner ins Uralgebiet reisen will, um zum vierten Mal Gold bei Mehrkampfeuropameisterschaften zu gewinnen. Das Gefühl der viermaligen Olympionikin, der 14-fachen Weltmeisterin, teilen viele im Team Oranje, das in den vergangenen Jahren eine fast erdrückende Dominanz im Eisschnelllauf ausübt.

Noch im Februar, während des olympischen Festivals in Sotschi, das dem niederländischen Eisschnelllauf 23 von 32 möglichen Medaillen, darunter acht von zwölf goldenen, bescherte, hatte sich Wüst nicht ungern von Wladimir Putin auf die Schulter klopfen lassen.

Heute würde sich die 28-Jährige aus Goirle in Nordbrabant jede Annäherung des russischen Präsidenten verbitten. Schließlich sind die Beziehungen zwischen den Niederlanden und Russland seit dem pro-russischen Separatisten zugeschriebenen Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 über der Ostukraine auf einem Tiefpunkt. 192 der 298 Todesopfer stammten aus den Niederlanden. Wüst ist überzeugt, dass "viele Niederländer jemanden kennen, der von der Flugzeugkatastrophe der MH17 betroffen ist".

Unter diesem Blickwinkel eine russische Sportveranstaltung im wahrsten Sinne des Wortes zu veredeln, widerstrebt auch Wüsts männlichem Pendant. Der Status quo mache für ihn eine Teilnahme "unglaublich schwierig", sagte Sven Kramer. Der 28-Jährige aus Heerenveen, dreifacher Olympiasieger und 19-facher Weltmeister, könnte in Russland zum siebenten Mal, zum dritten Mal en suite, Europameister werden.

Startrainer Jan van Veen ist über das Stadium des Zweifelns hinaus. Er wird keinen Fuß auf russischen Boden setzen. Jan Dijkema, dem niederländischen Vizepräsidenten des Weltverbandes ISU, der es für "vernünftig" hält, "Sport und Politik auseinanderzuhalten", widerspricht Van Veen vehement: "Sport und Politik haben nichts miteinander zu tun? Mit Blick auf Russland habe ich einen anderen Eindruck."

Diese Meinung ist in den Niederlanden mehrheitsfähig, was wiederum die EM-Gastgeber zu absurden Forderungen veranlasst. Andrej Wahutin, Vizepräsident des russischen Verbandes, legt der ISU den Ausschluss der Niederlande nahe, sollten die Stars nicht nach Tscheljabinsk reisen. Dagegen wäre der Ausschluss der Deutschen aus dem Weltfußballverband ein Lercherl.

Der niederländische Eissportverband KNSB, der sechs EM-Startplätze hat, lässt sich nicht einschüchtern und stellt es Sportlern und Trainern frei, der EM fernzubleiben. In die gleiche Kerbe schlägt Michael Hadschieff, der Sportdirektor des österreichischen Eisschnelllaufverbandes. Der zweifache Medaillengewinner der Olympischen Spiele in Calgary 1988 nannte die Aussicht auf eine EM ohne Niederländer "nicht erbaulich" und zog sich auch auf den gewohnten Standpunkt zurück, wonach eine Vermischung von Sport und Politik nicht förderlich sei. "Aber es ist natürlich das gute Recht der Niederländer, nicht nach Russland zu fahren". (sid, lü - DER STANDARD, 11.12. 2014)

  • Ireen Wüst hat im Eisschnelllauf das Gewicht von bisher 43 Medaillen bei  Großereignissen. Startet die Niederländerin trotz ausreichender Fitness  bei einer EM nicht, ist diese entwertet.
    foto: apa/epa/jensen

    Ireen Wüst hat im Eisschnelllauf das Gewicht von bisher 43 Medaillen bei Großereignissen. Startet die Niederländerin trotz ausreichender Fitness bei einer EM nicht, ist diese entwertet.

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