Frauenquoten: Systemimmanenter Nachteil

Kommentar der anderen10. Dezember 2014, 17:48
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An Unis soll die Quote in Kollegialorganen auf 50 Prozent angehoben werden – zum Schaden der Frauen

In einer Aussendung der Austria Presseagentur lese ich, dass Frau Andrea Kuntzl (die Wissenschaftssprecherin der SPÖ) die Änderung des Universitätsorganisationsgesetzes (UOG), mit der die Frauenquote in den Kollegialorganen der Universität von 40 Prozent auf 50 Prozent angehoben wird, als "Stärkung der Position der Frauen im wissenschaftlichen Betrieb" feiert.

In derselben Aussendung lese ich weiter, dass der Anteil der Frauen bei den Professoren 20 Prozent beträgt. Mit ein bisschen Schlussrechnung stellt man da fest, dass es viermal so viele Professoren wir Professorinnen gibt. Die Gremialarbeit wird aber halbe-halbe geteilt. Pro Kopf müssen die Frauen also viermal so viel Gremialarbeit leisten wie die Männer. Bei der bisherigen Frauenquote in den Gremien von 40 Prozent war die Belastung ein bisschen mehr als das 2,5-Fache.

Unwirksame Arbeit

Diese Gremialarbeit ist de facto karriereunwirksam, man wird nicht an eine andere Uni berufen, weil man sehr viel Gremialarbeit geleistet hat. Frau hat aber infolge der hohen einschlägigen Arbeitslast weniger Zeit für produktive wissenschaftliche Forschung. Daher kann frau weniger publizieren als die mit ihr konkurrierenden männlichen Kollegen. Daher hat frau im wissenschaftlichen Wettbewerb um Stellen mit besserer Mittelausstattung entscheidende Nachteile! De facto läuft diese Regelung auf eine systemimmanente Benachteiligung von Frauen, die bereits in einer wissenschaftlichen Universitätskarriere stecken, hinaus.

Kollegialorgane bestehen nicht nur aus Vertretern der Lehrenden, auch Vertreter der Studierenden gehören solchen Gremien an. Bei den Studierenden gibt es schon einen leichten Überhang an Frauen, im Studienjahr 2013/14 waren laut Statistik Austria 53 Prozent der Studierenden Frauen. Allerdings gibt es da große Unterschiede zwischen den einzelnen Universitäten. An der TU Wien, der TU Graz und der Montanuniversität Leoben sind etwa 25 Prozent der Studierenden Frauen. Wenn da die Gremialarbeit halbe-halbe aufgeteilt wird, dann ist die Pro-Kopf-Belastung der Frauen dreimal so hoch wie die der Männer.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich finde es ziemlich schlimm, dass Frauen in der Wissenschaft mit durch das Geschlecht verursachten Benachteiligungen zu kämpfen haben. Die neue Regelung als "Frauenförderungsmaßnahme" einzustufen zeugt aber von einem fundamentalen Missverständnis des Systems Wissenschaft und Universität. Die Tatsache, dass die Aussage von der Wissenschaftssprecherin einer Parlamentspartei kommt, zeigt, dass es noch sehr lange dauern wird, wirksame Maßnahmen statt undurchdachter Schnellschüsse zur Frauenförderung in der Wissenschaft zu finden und wirksam werden zu lassen.

Der neue Gesetzesentwurf ist noch in einem weiteren Punkt sehr problematisch:

"Die Erstellung der Liste der Kandidatinnen und Kandidaten ... hat so zu erfolgen, dass mindestens 50 von Hundert Frauen an wählbarer Stelle zu reihen sind." Der Begriff der "wählbaren Stelle" scheint mir nicht exekutierbar. Pragmatisch meint man wahrscheinlich, dass damit das numerische Ergebnis der letzten Wahl gemeint ist. Eine gesetzliche Vorschrift für eine Wahl kann aber sicher nicht auf das Ergebnis der vorhergehenden Wahl Bezug nehmen. Außerdem ist bei dieser Interpretation völlig unklar, wie dieser Begriff bei erstmals kandidierenden Gruppierungen auszulegen ist.

Viel zu schwammig

Legt man diesen Vorschlag aber so aus, dass wählbare Stelle einen Platz bedeutet, der vor der Zahl der zu vergebenden Mandate liegt, dann ist die Bedingung viel zu weich formuliert, denn formal ist das auch noch dann erfüllt, wenn etwa bei einer Wahlliste für ein Gremium aus zehn Personen zuerst fünf Männer und dann fünf Frauen gereiht werden. Dieser Vorschlag ist einfach zu schwammig, um sauber und vernünftig interpretiert werden zu können.

Lehrreich ist es auch, die Frage nicht nur im Kontext Universität zu betrachten. Wie sieht es denn mit der Frauenquote im wichtigsten politischen Vertretungsgremium, dem Nationalrat, aus? Die Frauenquote beträgt da derzeit insgesamt 31 Prozent und für die Partei von Frau Kuntzl 33 Prozent.

Äußerst seltsam

Ich finde es äußerst seltsam, wenn ein Gremium, dass selbst bei der Frauenquote nicht gerade eine Vorreiterrolle erfüllt, anderen diese Quote aufzwingen will. Vielleicht sollte man die Frauenquote in Universitätsgremien mit der Frauenquote im Nationalrat koppeln. Dann wären Abgeordnete, denen das sehr wichtig ist, stärker motiviert, zunächst dafür zu arbeiten, die Frauenquote im ureigensten Wirkungsbereich, nämlich bei der Erstellung der Kandidatenlisten, zu erhöhen. (Erich Neuwirth, DER STANDARD, 11.12.2014)

Erich Neuwirth (Jahrgang 1948) war Professor für Statistik und Informatik. Kerngebiete seiner Forschung sind Wählerstromanalysen, Kombinatorik, Mathematik und Musik. Ein weiteres Forschungsgebiet ist die Pisa-Studie. Bei der Auswertung der Studie aus dem Jahr 2003 zeigte er wesentliche Fehler auf. Seine Korrekturen wurden nachträglich übernommen.

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