Von Schlössern, Liedern und Orgeln

10. Dezember 2014, 17:09
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Die Wiener Symphoniker und Anja Harteros im Konzerthaus

Wien - Meistens stehen sie da vorne einfach nur still und stumm herum - im Musikverein immerhin als zentraler Blickfang, im Konzerthaus dezent hinter güldenem Zierrat. Doch ein paar Mal pro Saison werden die beiden großen Konzertorgeln auch im Rahmen eines Orchesterkonzerts ordentlich durchgeblasen. Oft wird hierbei auf Camille Saint-Saëns Orgelsymphonie zurückgegriffen - leider. Denn das Stück bietet vor allem in der zweiten Werkhälfte kaum mehr als hohlen Bombast.

Doch François-Xavier Roth und den Wiener Symphonikern gelingt zumindest im ersten Abschnitt das Kunststück, aus dem Koloss ein wirklich berührendes Musikerlebnis zu machen. Der 43-Jährige versteht es, das Konzertorchester der Stadt Wien bei seinem Debüt zu beseeltem Erzählen anzuleiten. Auf dunkle, kompakte Wucht im c-Moll-Teil folgt lichte Innigkeit im E-Dur Abschnitt. Auch im Poco adagio kippt die Unternehmung nie ins Schwülstige.

Auch mit Hector Berlioz' Ouvertüre Le roi Lear begeistern die Symphoniker und der Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg: Roth präsentiert das heterogene Frühwerk des Franzosen packend. Bewundernswert Anja Harteros mit den Vier letzten Liedern von Richard Strauss. Im Zenit einer großen Karriere, beginnt sich die Sonnenbahn ihres Soprans ein ganz klein wenig zu neigen; er glänzt nicht mehr allseits ebenmäßig. Aber ist ein Palast nur schön, wenn er neu gebaut und frisch gestrichen ist? Eben nicht. (Stefan Ender, DER STANDARD, 11.12.2014)

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