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13. Dezember 2014, 12:00

Wir werden älter, und wir werden immer mehr: Die Generation der Babyboomer stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen. Die Frage ist, wer uns betreut, wenn wir das nicht mehr alleine können – und: wer das alles bezahlen soll.

Die eine will ihre Pension in Afrika verbringen und bei Entwicklungshilfsprojekten mitarbeiten. Eine andere sieht sich schon als Au-pair-Granny in Australien oder Neuseeland; die Nächste will sich dem Tierschutz, ein anderer seinen Pferden widmen.

Eine spontane, nicht repräsentative Umfrage unter Facebook-Freunden der Babyboomer-Generation, geboren zwischen 1950 und 1970, zeigt: Diese Menschen haben ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie sie ihr Alter verbringen. Und sie gehen mit großer Zuversicht davon aus, dass ihr Körper und ihr Geist mitspielen werden. Dass man gebrechlich, hilfsbedürftig, sogar dement werden könnte, wird ignoriert. Oder verdrängt.

derstandard.at/von usslar
Hier reden die Betroffenen: Altersheim oder alt daheim? Christa lebt mit 69 Jahren im Heim, Bertha will davon mit 89 Jahren noch nichts wissen.

Nur jene, die selbst Erfahrung als Pflegende haben, lassen den Gedanken an künftige Hilfsbedürftigkeit zu und überlegen, wie sie selbst gerne betreut würden.

Laut den Prognosen der Experten und Pflegeverantwortlichen wird (fast) alles möglich sein: Betreuung im Ausland genauso wie Pflege durch ausländische Kräfte im Inland, die Übersiedlung in elegante Seniorenresidenzen ebenso wie moderne Wohnhäuser inklusive wahlweiser Betreuung oder barrierefreie Alten-WGs, in denen Alt-68er Essen auf Rädern teilen.

Nicht die Kinder

Nur sollte man laut dem Soziologen und Alternsforscher Anton Amann nicht davon ausgehen, dass die eigenen Kinder und Kindeskinder so selbstverständlich wie frühere Generationen in die Rolle der Pflegenden schlüpfen werden. Amann: "Sie werden organisieren und finanziell beisteuern, aber immer seltener selbst mit anpacken." Je älter man werde, desto wichtiger seien persönliche Netzwerke.

Und älter werden wir: Laut Statistik Austria werden im Jahr 2030 30,7 Prozent der in Österreich lebenden Personen über 60 Jahre alt sein (heute 23,8 Prozent), 2060 sind es schon 34,6 Prozent, also jeder Dritte. Die Lebenserwartung der Frauen wird dann bei 90,6 Jahren liegen, jene der Männer bei 87,3. Dabei ist davon auszugehen, dass die Menschen nicht nur länger leben, sondern auch länger gesund bleiben werden. Zum Ende ihres Lebens kommt es freilich zu einer "Kompression der Morbidität", sie leiden nicht nur an einem Gebrechen, einer Krankheit, sondern sind vielfach beeinträchtigt. Auch die Zahl der Demenzkranken wird steigen.

Anteil der über 60-Jährigen in Österreich.

Für Bund und Länder ist das derzeit oberste Ziel die flächendeckende Pflegeversorgung daheim – denn das wünscht sich die große Mehrheit der Österreicher. Erst danach kommt der Ausbau der stationären Pflege und Versorgung. Soziologe Amann sagt, das entspreche genau "dem Ideal von den eigenen vier Wänden, in denen ich bis zum Schluss bleiben will". Diese Überhöhung des Eigenheims sei in Zentraleuropa weit verbreitet. Ein wenig wird das Misstrauen gegenüber "Heimen" an sich wohl auch mit den diversen Pflegeskandalen der Vergangenheit zu tun haben. Die im Jahr 2003 aufgedeckten Missstände im städtischen Pflegeheim Lainz in Wien brachten mangelnde Hygiene, schlechte Versorgung der alten Menschen und Medikamentenmissbrauch zutage – aber auch in vielen anderen Heimen in ganz Österreich waren die Zustände lange Zeit alles andere als rosig.

"Knick" in Wien

In Wien werden derzeit rund 56.000 Menschen daheim betreut, rund 22.000 stationär. Die Stadt gibt pro Jahr ungefähr 930 Millionen Euro für Pflege aus. In fünf Jahren, 2019, erwartet die Bundeshauptstadt ein "demografischer Knick", wenn der erste Schwung an Babyboomern ins hohe Lebensalter eintritt – und lange dort verweilt.

Sind derzeit 206.000 Menschen in Österreich über 85 Jahre alt, werden es 2020 schon 232.000 sein – und im Jahr 2060 gar rund 700.000 Menschen.

Die zuständige Gesundheits- und Sozialstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) hält Wien "für diese Aufgabe bestens gerüstet". Man habe aus den Pflegeskandalen gelernt und die richtigen Schlüsse gezogen – mehr noch, man sei in vielen Bereichen nahezu vorbildhaft. Auch der Alternsforscher Amann konzediert den Wienern: "Da hat sich in den letzten Jahren viel getan."

Stolz verweist Wehsely auf das neue Geriatriekonzept der Stadt, das schon in der Wortwahl zeigt, wie sehr man sich bemüht, das alte Vorurteil vom "Abschieben der Alten ins Heim" zu widerlegen. 30 Pensionistenwohnhäuser gibt es derzeit, elf neue sind bis 2015 fertig gebaut, sie heißen aber "Pflegewohnhäuser" oder "Häuser zum Leben". Im kommenden Jahr soll dann auch das letzte große "klassische" Pflegeheim mit Sechs-Betten-Stationen geschlossen werden.

Die Pensionistenwohnhäuser sehen für jeden Bewohner eine eigene kleine, komfortable Wohnung vor, manche sogar mit Balkon, wie etwa im neu erbauten "Haus Liebhartstal" in Wien-Ottakring. Das sei der Standard, den die Menschen heute erwarteten, sagt Wehsely. Die Zufriedenheit der Bewohner sei entsprechend groß, man wisse von keinem Fall, dass jemand wieder zurück nach Hause hätte umziehen wollen, heißt es auch im Kuratorium der Pensionistenwohnhäuser. Ein Lokalaugenschein des STANDARD im Liebhartstal scheint die Aussage zu bestätigen: "Es ist uns noch nie so gut gegangen wie hier", sagten einige Bewohner.

derstandard.at/von usslar
Die Sicht der Pflegerin: Angelika Machacek, Teamleiterin der Hausbetreuung im Seniorenwohnhaus Liebhartstal, über Ängste und Vorurteile.

Mehr Demenzkranke

Eine spezielle Herausforderung für Pflege und Betreuung stellen Demenzerkrankungen dar. Ein Drittel aller über 80-Jährigen zeigt derzeit demenzielle Veränderungen – die in letzter Konsequenz meist dazu führen, dass es keine Alternative zum Pflegeheim gibt. Die Betreuung Demenzkranker ist aufwändig und diffizil, der Bau spezieller Häuser, etwa mit Demenzschleifen und Demenzgarten wie im nagelneuen Pflegezentrum Baumgarten in Wien-Hütteldorf, ist kostenintensiv: Auf den Gängen und im Garten des supermodernen Hauses können sich motorisch ruhelose Demenzkranke nicht verlaufen, sie werden immer wieder auf ihre Stationen zurückgeleitet. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Bilder und Schilder in alter Schrift, die das Erinnerungsvermögen anregen sollen. In der Wohnecke steht eine antik anmutende Stehlampe, die Tapeten sind altmodisch, auch eine Nähmaschine aus dem Jahre Schnee steht herum. All das soll den Kranken ein wohlig vertrautes Gefühl geben, in "Themenkreisen" sprechen die Betreuer mit ihnen über früher und was einmal war. Keine Rede von "aufbewahren" oder "wegsperren". Zuwendung ist oberstes Gebot.

foto: standard/christian fischer
Der Gang in ein Seniorenwohnhaus ist nicht für alle leicht.

Neue Pflegewohnheime sind freilich nur ein Teil des Wiener Konzepts: "Case-and-care-Management" steht ganz oben auf der Liste. Wer nach einer Hüft-OP nicht in seine Wohnung im vierten Stock ohne Lift zurückkehren kann, bekommt schnell und unbürokratisch einen stationären Pflegeplatz – ohne Voranmeldung. Fast ein Viertel der stationär Gepflegten wird wieder nach Hause entlassen, die meisten alten Wiener werden vom Fonds Soziales Wien in ihren Wohnungen gepflegt. Das wird von Bund und Land recht großzügig gefördert, bei Rund-um-die-Uhr-Betreuung gibt es bis zu 1.100 Euro Kostenersatz. Wehsely sagt, durch die Kostendeckelung und finanzielle Unterstützung des Landes seien (billige) ausländische Pflegekräfte in Wien "nicht das große Thema".

Ob das auch in Zukunft so bleibt, ist schwierig zu prognostizieren. Der Markt für Ungarinnen, Slowakinnen, Rumäninnen und Bulgarinnen ist, obwohl unter Sozialminister Erwin Buchinger aus der Illegalität geholt, immer noch ein Graubereich. Empfehlungen funktionieren über Mundpropaganda, im Internet variieren die Stundensätze zwischen 16 und 39 Euro. Und, so warnen Gesundheitsexperten immer wieder, es sei schwierig, die Qualität der Betreuung zu überprüfen.

Hilfe aus dem Ausland

Dennoch: In vielen Bundesländern, allen voran in Niederösterreich, gilt die 24-Stunden-Pflege durch zwei bis drei "selbstständige" ausländische Pflegerinnen im Dienstrad als beliebteste Betreuungsform. Auch in Oberösterreich gibt man unumwunden zu, dass die mobilen Pflegedienste eine Konkurrenz für die Pflegeheime des Landes darstellen: "Die Nachfrage steigt immer noch", sagt Albert Hinterreitner, der zuständige Experte im Büro von Landesrätin Gertraud Jahn (SPÖ). Die Heime seien zwar zu 98 Prozent ausgelastet, aber die langen Wartelisten vergangener Jahre seien deutlich kürzer geworden. Hinterreitner: "Wenn das Lohnniveau in ihren Heimatländern steigt, werden die Dienste dieser Frauen viel teurer werden." Dann würden wohl Frauen aus der Ukraine, Moldawien und anderen Ländern weiter im Osten nachrücken. Und man sei, außerhalb der EU-Personenfreizügigkeit, schnell wieder im illegalen Bereich, fern aller Regeln und Qualitätssicherungen.

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Johann Horvath entschied sich gegen die Pflege bei der Tochter und für ein Pensionistenwohnhaus in seiner gewohnten Umgebung. Dort genießt er die Rolle als Hahn im Korb.

Im ländlich geprägten Kärnten etwa registriert man bereits, dass Pflegerinnen aus Asien nachgefragt werden. In der Landesregierung will man die Kontrollen bei der 24-Stunden-Pflege vorsorglich intensivieren, es sei aber nicht ganz einfach, illegalen Anbietern auf die Schliche zu kommen, heißt es in Klagenfurt.

In Oberösterreich hat man bereits eine große Alterungswelle zu meistern gehabt – die vergangenen Jahrzehnte waren vielerorts von Landflucht der jungen Generationen geprägt. Die Alten blieben zurück – und auch, wenn sie körperlich gut versorgt waren: Vereinsamung war und ist ein großes Thema in ländlichen Gebieten. Tageszentren mit pflegerischer Betreuung und körperlichen sowie geistigen Beschäftigungen für ältere Menschen, nicht unähnlich dem Kindergarten für die ganz jungen, gewinnen an Bedeutung. In Wien etwa gibt es mittlerweile elf Tageszentren, in denen Senioren mittels Wii kegeln oder auch das Skypen erlernen.

Alternativ Wohnen im Alter

Soziologe Amann empfiehlt den öffentlichen Anbietern auch, das Angebot für alternative Wohnformen aufzustocken. Denn in diese Bresche springen momentan private Anbieter. Überall in Österreich entstehen derzeit schicke Seniorenresidenzen mit tollen Wohnungen – zu teils fantastischen Quadratmeterpreisen. Die Nachfrage nach komfortablen, barrierefreien Wohnungen mit individuellem Betreuungsangebot (Essen auf Rädern, Haushaltshilfe, pflegende Unterstützung) steigt. Und sie werde bei künftigen Senioren-Generationen noch zunehmen. Derzeit leben rund 12.000 Menschen in Österreich in alternativen Wohnformen, in Wien sieht man "eine gewisse Nachfrage, aber die ist überschaubar". Dabei geht es eher um geförderte Wohnungen in "Generationenhäusern" als um Alten-WGs. Wehsely: "Bis dato registrieren wir keine Scharen von Alt-68ern, die uns deswegen die Türen einrennen."

Steigende Kosten, weniger Geld

Die Angebote für Österreichs Senioren werden in Zukunft in jedem Fall vielfältiger werden, die Zahl der alten und sehr alten Menschen wird steigen – da stellt sich die Frage der Leistbarkeit für den Einzelnen und für das System. Derzeit gibt der Bund (inklusive Pflegegeld) rund 2,9 Milliarden Euro für den Pflegebereich aus, die Länder rund 1,5 Milliarden. Das sind 1,37 Prozent des BIP. Zwar würden die Pflegeausgaben in den kommenden Jahren in absoluten Zahlen steigen, aber nicht deren Anteil am BIP – damit sei die Finanzierbarkeit gesichert, ist Martin Staudinger, Experte im Büro von Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ), überzeugt.

Schon jetzt nehmen die meisten Bundesländer Regress am Vermögen der Gepflegten, wenn diese verstorben sind – und damit am Erbe nachfolgender Generationen. Angesichts der Tatsache, dass ein Pflegeplatz für Demenzkranke pro Monat 6.000 Euro aufwärts kostet, ist das keine Kleinigkeit – es sei denn, der Gepflegte hinterlässt keinerlei Vermögen. Wiens Sozialstadträtin findet das "eigentlich ungerecht": "Familien mit Pflegebedürftigen haben jetzt schon eine hundertprozentige Vermögenssteuer." Wenig überraschend ist das für SPÖ-Politikerin Wehsely ein Grund mehr, eine "Vermögenssteuer für Millionäre" zu fordern, samt deren Zweckbindung für den Pflegebereich. Andere wiederum sehen das System auf Dauer nur durch Steuerfinanzierung gesichert.

Fit bis zum Tod

Die Ärztin Beatrix Grubeck-Loebenstein, Leiterin des Instituts für biomedizinische Alternsforschung an der Med-Uni Innsbruck, ist überzeugt, "dass wir uns das auf Dauer nicht leisten werden können, wenn die Leute immer älter und dabei krank werden". Das Ziel müsse sein, "dass die Menschen gesund bis zum Tod bleiben". Die Medizinerin bemüht dabei gerne das Beispiel des höchst betagt verstorbenen, bis zuletzt jung gebliebenen Kardinals Franz König. Das sei für alle Menschen ein realistisches Ziel – "wie wir altern, ist nur zu einem Teil eine Frage unserer Genetik. Der andere Teil ist der Einfluss der Umwelt." Ernährung, Bewegung, wie wir uns schon in jüngeren Jahren um unseren Körper kümmern, wie wir mit Stress umgehen – all das sei mitbestimmend für die Frage, wie wir altern.

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Die 89-jährige Bertha Heije lebt in einer Wohnung im dritten Stock in Wien. Sie hat gelernt, welche Dinge beim alleine Altern zählen.

Einig sind sich Grubeck-Loebenstein und Amann in einem Punkt: Wer sich schon in der Blüte seiner Jahre mit der eigenen Hinfälligkeit auseinandersetze und überlege, was er wolle und was nicht, werde es später leichter haben, sein Altern zu akzeptieren. Da sei die kommende Generation der Alten und Superalten im Vorteil. Die hätten schon in ihrem Berufsleben sehr flexibel sein und akzeptieren müssen, dass nichts ewig währt: "Denen wird das Altern auch leichter fallen." Selbst wenn sie den Gedanken daran jetzt noch lieber verdrängen. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 13.12.2014)

foto: standard/christian fischer
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