Politischer Tanz zu Fukushima: Die schöne Ordnung einer Katastrophe

10. Dezember 2014, 15:25
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"T" von Yukie Koji und Hanspeter Horner widmet sich der japanischen Atomkatastrophe

Wien – Es werden noch sehr viele Mineralwässer auf internationalen Konferenzen getrunken werden müssen, ehe sich in der Atomenergiedebatte auch nur eine relevante Bewegung abzeichnet. Das haben jüngst die Wiener Schauplätze in der Hofburg und dem Palais Coburg gezeigt. Die Bedrohung liegt zu weit weg, und sie ist nur für wenige real. Die Betroffenen aber werden über ihr unmittelbares Leid hinaus zu Geächteten. Das war schon in Tschernobyl so. Auch die Bevölkerung von Fukushima ist stigmatisiert. Menschen bekommen keine Jobs mehr, weil ihre Verstrahltheit als allgemein gefährlich gilt; sie sind vom Heiratsmarkt ausgeschlossen, weil ihr Erbgut beschädigt ist. Auch die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern hat nachweislich zugenommen.

Davon erfährt man nicht (mehr) viel. In Fukushima ist die Welt, wie sie von der mit der Atomlobby paktierenden Staatsmacht beschrieben wird, völlig in Ordnung. Dieser Lüge nimmt sich ein Tanztheaterstück mit dem schlichten Titel "T" an, eine in Koproduktion mit Johann Kresniks Choreographic Center Bleiburg/Pliberk (CCB) entstandene Arbeit der Tänzerin und Choreografin Yukie Koji und des Regisseurs Hanspeter Horner.

Yukie Koji, in Japan geboren, tanzt als Schönrednerin im Tepco-Businesskostüm (Tepco ist die Betreiberfirma des AKW Fukushima) einen scheinheiligen Verzückungstanz ("Es sind keine radioaktiven Substanzen ausgetreten"). Währenddessen gibt eine Journalistin (als Videoprojektion, ebenfalls gespielt von Koji) die inoffiziellen Zahlen und Fakten zu den Reaktorunfällen preis und spricht von der "Gehirnwäsche", der die japanische Bevölkerung traditionell ausgeliefert sei (ausländische Medien werden aufgrund der Sprachbarrieren kaum konsumiert).

Ein waberndes braunes Stoffgebilde würgt zu Beginn auf der Bühne im Raum 33 (Schaumstoff-)Füße in allen Körpergrößen aus sich heraus. Ein irrer Anblick voller Spannung und Ungewissheit, der Ungeheuerliches anspricht. Heraus purzelt auch die Tepco-Lady in klackernden Pumps, die in hektisch-schnittigen Bewegungen sogleich beginnt, die Atom-Beine nach ihrer jeweiligen Größe zu ordnen. Sie setzt eine herrlich abstruse, von Meisei Koji gebaute Theatermaschine in Gang, auf der Kinderfüße über ein Fließband wandern oder ein anderes Babyfußpaar auf Schnurzug aus einer erhöhten Halterung fällt. Die Sinnlosigkeit, Heuchelei und auch Fatalität dieses Ordnungsvorgangs wird offenbar.

Während die Journalistin auf der "Leinwand" (eine aus weißen Plastikkanistern gezimmerte Fläche) von Betrügereien rund um Lebensmittel aus der Fukushima-Region erzählt (alle verwendeten Texte sind Originalzitate japanischer Journalisten, die heute ohne Arbeit sind, unter anderen Oshidori Mako und Takashi Uesugi), liebäugelt die Tepco-Dame (jetzt im Negligé) schon mit der Olympiade 2020 in Tokio.

"T" ist ein unmissverständlicher politischer Appell, der sich vor allen Notwendigkeiten seiner klaren aufklärerischen und aufrüttelnden Mission nicht scheut. Dabei gelingt es dem Abend, in ganz eigenen Bildern zu denken, die Tatsachen in ihrer Heftigkeit darzustellen, ohne plakativ zu sein. Es wäre wohl sehr schwierig, in Japan dafür einen Veranstalter zu finden. (Margarete Affenzeller, derStandard.at, 10.12.2014)

"T" im Raum 33, Laxenburger Straße 32, 1100 Wien, 10. und 11. Dezember, 20.30 Uhr, Karten: yukiekoji77@hotmail.com

  • Tänzerin und Choreografin Yukie Koji rüttelt zur Atomkatastrophe in Fukushima auf.
    foto: wolfgang kalal

    Tänzerin und Choreografin Yukie Koji rüttelt zur Atomkatastrophe in Fukushima auf.

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