Zentralmatura: Aufbruch ins Ungewisse

10. Dezember 2014, 12:25
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Alexander B.* über das Damoklesschwert Zentralmatura, das ständig über den Köpfen der Schüler schwebt

Von allen Seiten hören wir das Wort "Kompetenzen", und uns wird ständig gesagt, dass die Matura sicherlich schaffbar wird. Testschularbeiten im Format der Zentralmatura beweisen das Gegenteil. Von 25 Leuten in meiner Klasse waren bei der Mathe-Schularbeit 19 negativ. Vorab: Wir waren nie eine schlechte Klasse, beim bisherigen Schularbeitsformat kamen auf 25 Schüler meist nicht mehr als zwei bis drei Fünfer. Der Grund für dieses verheerende Ergebnis ist, dass es ein komplett neues Format ist, welches auf Inhalte aufbaut, die wir in der Unterstufe bzw. in den ersten Jahren der Oberstufe gelernt haben sollten. Da wir aber damals noch nichts von unserer "Ehre" als Versuchskaninchen wussten, hatten wir diese Inhalte natürlich auch nicht im Lehrplan.

Auswendiglernen und "Kompetenzorientierung"

Natürlich greift dann Panik um sich. Und selbstverständlich wird dann der psychische Druck für uns enorm. Immer mehr Schüler suchen aus diesem Grund einen Therapeuten auf – die Belastung ist für sie einfach nicht mehr auszuhalten. Privatleben? Fehlanzeige. Hobbys in diesem Sinne kann es in einer siebten oder achten Klasse kaum noch geben.

Jede freie Minute ist gefüllt mit Auswendiglernen von "kompetenzorientierten" Aufgabenstellungen. Falls dann doch irgendwann etwas Freizeit bleiben sollte, muss diese natürlich für die vorwissenschaftliche Arbeit (VWA) verwendet werden.

Ich frage mich, wie man sich das vorgestellt hat, dass ein Schüler neben den normalen Hürden der achten Klasse, die ja schon an sich relativ schwer zu bewältigen sind, eine vorwissenschaftliche Arbeit verfassen soll. Woher sollen wir Schüler diese Zeit nehmen? Ferien. Für mich als angehenden Maturanten bedeutet Ferien "endlich einmal Zeit, um die VWA weiterzubringen und mit dem Lernen aufzuholen".

Die Spirale beginnt sich schneller zu drehen

Dazu kommt, dass sich kaum jemand mit Formatierung und Zitierregeln auskennt. Wir hatten zwar eine Vorbereitungsstunde (welch großzügige Leistung), das ist aber mittlerweile zwei Jahre her, und seither haben sich die Regelungen schon x-mal verändert. Ich als relativ guter und schnell arbeitender Schüler komme mit einem Mal mit der Zeit überhaupt nicht mehr zurecht, und von denen, die sich schon vor der Zentralmatura in der Schule schwergetan haben, will ich gar nicht erst anfangen. Die Menschen müssen endlich erkennen, was wir Schüler hier zurzeit durchmachen. Jede Woche gibt es neue Änderungen, jede Woche versuchen sich die Lehrer mit ihrem Unterricht neu daran anzupassen, wie die Matura dann schlussendlich aussehen wird.

Warum hat man nicht eine erste Klasse genommen, diese auf die neue Matura vorbereitet und dann "Versuchskaninchen" sein lassen? Wir haben bis zur sechsten Klasse nicht einmal gewusst, was eine Zentralmatura ist, wie sollen wir auf einen Grundstoff aufbauen, den wir nie gelernt haben?

"Bei uns war's auch hart" reicht nicht als Argument

Viele Erwachsene meinen zu dem Thema nur, "für uns war die Matura ja auch nicht leicht, regt euch ab!" Nun, wir wissen, wie eure Matura ausgesehen hat. Natürlich war es auch für euch ein Stress, natürlich auch für euch eine Belastung. Aber ihr wusstet, was auf euch zukommt. Ihr habt die mündliche Matura bei anderen Maturanten im Vorjahr mitverfolgen können, ihr habt das System gekannt, ihr seid auf dieses System hin unterrichtet worden.

Wir sind auch auf ebendieses alte System hin unterrichtet worden. Für uns ist es ein Sprung ins kalte Wasser. Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, wie unsere Matura dann tatsächlich ausschauen wird. Mal ist sie öffentlich, dann wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Mal dürfen wir in der Mathematik-Matura einen Taschenrechner verwenden, mal nicht. Natürlich macht uns das Stress, wie sollen wir jetzt in der achten Klasse noch vom Taschenrechner auf händisches Rechnen umlernen? Außerdem wurden uns beinahe alle Vorbereitungsstunden gestrichen. Wir werden bei der Vorbereitung auf das Ungewisse praktisch allein gelassen.

Schüler und Lehrer im gleichen führungslosen Boot

Und schuld sind hier nicht die Lehrer. Auch wenn sie vor Angst zittern, auch wenn sie sich teilweise noch weniger auskennen als wir, sie versuchen alles, was in ihrer Macht steht, um uns vorzubereiten. Aber auch die Lehrer sind nur Menschen. Und für sie ist das neue System genauso neu und unbekannt wie für uns. Und auch sie bekommen kaum Einschulungen, beziehungsweise erfahren sie jetzt schön langsam, wie die Matura ausschauen wird. Leider wird das wohl zu spät für uns als Maturanten sein.

Die Liste an Unwissenheit ist lang, die Gründe unserer Angst zahlreich. Wir Schüler wissen nur mehr, dass wir kaum etwas wissen und dass sich "eh keiner auskennt". (Alexander B., derStandard.at, 10.12.2014)

* Name geändert, der Schüler möchte aus Angst vor Repressalien anonym bleiben.

Der Artikel ist auch als Antwort und Weiterführung des User-Kommentars von Karin Ernsthofer zum Thema Zentralmatura vom 27. November zu sehen.

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