Samsung Gear S im Test: Smartwatch trifft Handy

21. Dezember 2014, 16:12
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Gutes Display, ordentliche Hardware - doch starke Limitierungen auf Seiten der Software

Mit der Galaxy Gear-Smartwatch legte der koreanische Elektronikriese Samsung vergangenes Jahr einen durchwachsenen Start in der Gerätekategorie hier. Doch entmutigen ließ man sich davon offenbar nicht. Etwas mehr als ein Jahr später ist mit der Gear S die bereits dritte Generation erschienen.

Ein gekrümmtes AMOLED-Display und ein eigener Slot für eine nanoSIM-Karte sollen die Uhr von der Konkurrenz abheben. Der Webstandard hat ermittelt, ob dies geglückt ist.

foto: derstandard.at/pichler
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Noch mehr als bei einem Smartphone zählt bei einer Smartwatch auch das Äußere. Denn im Gegensatz zu einem Handy weilt das Gerät nicht in der Hosentasche, sondern meist gut sichtbar am Handgelenk. Und sichtbar ist die Gear S allemal, da ihr Display über eine Diagonale von zwei Zoll verfügt und damit so manchem Featurephone ebenbürtig ist. Der Bildschirm löst mit 460 x 80 Pixel (300 PPI) auf und liefert AMOLED-typisch kräftige Farben und Kontraste. Dank guter Maximalhelligkeit ist er auch im Sonnenlicht noch passabel ablesbar.

Die in einen Metallrahmen eingefasste Watch-Konstruktion ist gebogen und wirkt aufgrund ihrer länglichen Fassung mit dünnem Rand und dem Samsung-typischen Homebutton ein wenig, als hätte man ein Smartphone geschrumpft und in Form gebracht. Die schiere Größe könnte aber dazu führen, dass die Gear S auf kleineren Handgelenken seitlichen Spielraum haben könnte und folglich unbequem sitzt. Auf der Hand des Testers saß sie allerdings fest und bequem.

foto: derstandard.at/pichler

Der Weg dahin war allerdings komplizierter als notwendig. Samsung hatte offenbar das Verlangen, das Uhrband neu zu erfinden. Der Schließmechanismus hat zwar den Vorteil, im Nachhinein ein einfaches Abnehmen und Anbringen der Uhr zu ermöglichen, ohne die Größe neu einstellen zu müssen, dafür gestaltet sich das erstmalige Anziehen der Uhr fummelig.

Das ist allerdings verschmerzbar. Wirklich ärgerlich ist jedoch, dass das Standard-Uhrband kaum Luft passieren lässt und man somit darunter leicht zu schwitzen beginnt. Praktischerweise lässt es sich aber austauschen, wenn auch nur mit anderem im gleichen, proprietären und Format.

foto: derstandard.at/pichler

Unter der Haube werkt ein Snapdragon-400-Prozessor mit zwei Kernen und einem Maximaltakt von einem GHz. Ihm stehen 512 MB RAM zur Seite. Der interne Speicher, der im wesentlichen mit Apps befüllt werden kann, beträgt vier GB. Damit spielt Samsung in einer Liga mit aktuellen Smartwatches der Konkurrenz, wie etwa der LG G Watch R.

Allerdings verfügt das Samsung-Wearable prinzipiell über die Ausstattung eines vollwertigen Smartphones. WIFI sowie Telefonie und 3G-Datenverbindung über den integrierten nanoSIM-Slot ermöglichen es, dass das Gerät sich sowohl als "Companion Device" zu einem Smartphone, als auch eigenständig verwenden lässt.

Der Hersteller versucht dabei schon länger, seine Wearables zu einem Kaufargument für seine Smartphones zu machen. Dementsprechend ist die Gear S – zumindest derzeit – auch nur mit einem solchen verwendbar. Der Gear Manager lässt sich zwar theoretisch auch auf anderen Smartphones per Sideloading installieren und findet die Uhr auch, vor der Inbetriebnahme wird allerdings zusätzliche Software aus Samsungs eigenem Appstore nachgeladen. Das wiederum erfordert ein eigenes Samsung-Konto.

Ganz ohne Telefon kommt man ohnehin nicht aus, wenn man den Funktionsumfang der Uhr erweitern möchte. Denn auch im Standalone-Betrieb ist die Installation neuer Apps aus dem Gear-Sortiment nur über ein Smartphone möglich.

foto: derstandard.at/pichler
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Hier kommt wiederum ein anderes Problem zum Tragen. Anstelle des langsam heranreifenden Android Wear mit seinem wachsenden Ökosystem setzt Samsung weiter auf Tizen. Dessen Support unter Entwicklern ist nach wie vor überschaubar. Und entsprechend sieht der Gear Store denn auch aus. Dort finden sich neben von Samsung bereitgestellten "Essentials" wie Stoppuhr oder Rechner einige wenige hundert Einträge.

Die mit Abstand größte Kategorie ist jene für Watchfaces, also neue Visualisierungen der Uhr- und Informationsanzeige. Eine traurige Gestalt macht die Rubrik "Games for Gear", die aus 16 Apps besteht – mehrere kostenlose und kostenpflichtige "Flappy Bird"-Klone wie "Flappy Spaghetti" inklusive.

Die wichtigsten Grundfunktionen für den Alltag sind allerdings dabei, zudem wird der Nutzer mit einem simplen Tutorial in die grundsätzliche Bedienlogik der Oberfläche eingeführt.

foto: derstandard.at/pichler
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Die Uhr zeigt Benachrichtigungen von Smartphone-Apps sowie Wetter und andere Informationshäppchen an, fungiert mittels Pulsmessung, Schritt- und Distanzzähler als Fitnesstracker und ermöglicht auch die Steuerung von Smartphone-Funktionen. Das Kontrollwerkzeug für die Musikwiedergabe am Handgelenk zu tragen und dafür nicht das Smartphone aus der Hose holen zu müssen, ist etwa eine praktische Sache.

Auch SMS und E-Mails lassen sich auf der Gear S lesen, anhören und per Diktat beantworten. Allerdings funktioniert die Spracherkennung via S Voice momentan nur auf Englisch. Wer Texte auf Deutsch einspricht, erhält als Resultat folglich seltsam anmutendes und bisweilen unterhaltsames Kauderwelsch.

S Gear lässt sich entweder durch eine festgelegte Phrase (standardmäßig "Hi Gear") oder einen Doppeldruck des Homebuttons aufrufen und nimmt dann Anweisungen entgegen. Generell versteht das Programm Gesprochenes meist fehlerfrei, störrisch erweist sich die Uhr aber gerne beim eigentlichen Startkommando.

foto: derstandard.at/pichler

Frustrierend bei dieser in der Öffentlichkeit ohnehin noch seltsamen Form der Gerätebedienung wirken sich die teils deutlichen Verzögerungen zwischen Einsprechen und Verarbeitung eines Kommandos aus. Egal, ob man nun eine neue SMS ansagen oder das Ergebnis einer einfachen Rechnung wissen will, üblicherweise vergehen sechs bis zehn Sekunden, bis nach der Aufnahme des Befehls der nächste Schritt gesetzt wird – deutlich mehr als bei anderen aktuellen Smartwatches üblicherweise. Ob die Uhr dabei selber per WLAN oder 3G auf das Internet zugreift oder die Verbindung des Telefons nutzt, scheint dabei keinen signifikanten Unterschied zu machen.

Während die Anzeige von neuen Nachrichten per SMS oder E-Mail gut klappt, lässt sich dies für Messenger nicht sagen, da es offenbar an entsprechender Integration fehlt. Liegen etwa bei Hangouts mehrere Nachrichten aus verschiedenen Konversationen vor, zeigt die Gear S nur noch eine Übersicht über letztere, aber keine einzelnen Botschaften mehr. Möchte man diese sehen, lässt sich über die Uhr der Messenger am Handy aufrufen, das man dann erst recht wieder in die Hand nehmen muss.

foto: derstandard.at/pichler

Auch als eigenständige Lösung vermag das Samsung-Wearable nicht zu glänzen. Das liegt einerseits am bereits erwähnten App-Mangel, andererseits aber auch an problematischem Design der Software selbst. So ist die vom Smartphone zuvor übernommene Kontaktliste ein wilder Mix aus den Telefonkontakten und anderen Einträgen, etwa von Google+.

Telefonie mit der Uhr ist außerdem ausschließlich per Bluetooth-Headset zu empfehlen. Sie verfügt zwar über einen integrierten Lautsprecher, der für weniger leise Umgebungen nicht laut genug ist und nur mäßige Soundqualität bietet.

foto: derstandard.at/pichler

Als Stärke der Uhr darf man ihre Fitness-Funktionen verbuchen. Der Schrittzähler arbeitet präzise, auch die Pulsmessung liefert nachvollziehbare Ergebnisse. Da die Uhr über ein eigenes GPS-Modul verfügt, kann sie auch zum Aufzeichnen von Läufen oder Radtouren eingesetzt werden, ohne dafür das Handy mitführen zu müssen. Daneben misst die Uhr auch UV-Strahlung und Luftdruck. Eine App für Nike+-Running ist bereits vorinstalliert.

Ebenso darf man die Laufzeit des 300-mAh-Akkus als Plus verbuchen. Eine langfristige Beobachtung war zwar nicht möglich, jedoch geht die Uhr selbst bei intensiver Nutzung über den Tag mit guten Reserven in den Abend. In verschiedenen Rezensionen von US-Medien, etwa jener von CNet, wird dieser Aspekt ebenfalls sehr positiv herausgestrichen.

foto: derstandard.at/pichler
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In Summe ist die Samsung Gear S ein in großen Teilen gelungenes Stück Hardware. Insbesondere das Display, wenngleich für eine Uhr ausgesprochen groß, vermag zu überzeugen. Auch die Sensorausstattung in Verbindung mit den Fitnessfunktionen weiß zu gefallen. Zudem darf sich die Akkuleistung sehen lassen. Der Mehrwert des eigenen SIM-Slots hingegen hält sich in engen Grenzen.

Neben potenziellen ergonomischen Defiziten und dem schweißanregenden Armband krankt die Gear S vor allem an ihrer Software. Die Anstrengungen von Samsung, ein eigenes Ökosystem für seine Uhren aufzuziehen, haben bislang kaum gefruchtet, wie der Gear Store zeigt. Tizen schwächelt auch featureseitig, etwa bei der Anzeige der Nachrichten verschiedener Messenger.

Dass Samsung sich seine Zielgruppe auch noch künstlich einschränkt, in dem die Smartwatch sich derzeit nur mit Handys aus eigenem Hause "verträgt", erscheint zumindest eigenartig. Allerdings ist man bei aktuellen Android Wear-Geräten wie der Moto 360 oder der LG G Watch R besser aufgehoben, zumal diese auch deutlich weniger kosten als die ab rund 350 Euro ausgepreiste Gear S. Allerdings sind auch diese noch nicht ausgereift genug, um ihren Kaufpreis im Alltag zu rechtfertigen. (Georg Pichler, derStandard.at, 21.12.2014)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde der Redaktion von Samsung für einen befristeten Zeitraum zur Verfügung gestellt.

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Samsung

Gear S

Nachlese

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