Molekularbiologin: "Bis jetzt haben sich gentechnisch veränderte Pflanzen nicht bewährt" 

Gespräch9. Dezember 2014, 18:22
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Reingard Grabherr verwendete das Genom spezieller Bakterien, um landwirtschaftliche Schimmelpilzgifte unschädlich zu machen

STANDARD: Sie haben den Houskapreis, den höchstdotierten privaten Wissenschaftspreis Österreichs, für ein Mittel gegen Schimmelpilzgifte erhalten. Worum geht es genau?

Grabherr Bestimmte Tierfuttermittel wie Getreide oder Mais werden auf dem Feld und bei der Lagerung oft von Schimmelpilzen befallen. Sie produzieren sogenannte Mykotoxine, Stoffwechselprodukte, die bei Tieren und Menschen zu Schädigungen führen können. Manche Gifte führen etwa bei Schweinen zu Lungenödemen, oder zu Entwicklungsschäden beim Nachwuchs. Auch bei Menschen, die wie in manchen Regionen Südamerikas sehr viel Getreide essen, kann es zu Entwicklungsschädigungen bei Neugeborenen kommen. Wir haben uns mit mehreren Schimmelpilzen beschäftigt. Bei einer speziellen Gruppe, den Fusarien, hatten wir den größten Erfolg.

STANDARD: Wie kann das Gift unschädlich gemacht werden?

Grabherr Die Enzyme, die das bewerkstelligen können, kommen auch in der Natur vor: in Bakterien, die darauf spezialisiert sind, das Schimmelpilzgift als Nährstoff zu verwenden. Mit ihnen allein kann man allerdings nichts anfangen. Wir haben bei einem Bakterium zwei verantwortliche Gene isoliert, charakterisiert und getestet. Man nimmt die Gene aus den natürlich vorkommenden Bakterien heraus und verpflanzt sie in einen anderen Organismus, der sich leicht vermehren lässt und viele Enzyme produziert. In dem Fall war das ein spezieller Hefestamm. Der Produktionsprozess sieht dann so aus, dass der Hefestamm mit den Bakteriengenen in großen Mengen hergestellt wird. Das Enzym wird extrahiert, gereinigt und haltbar gemacht. Und das ist dann das Produkt, das man dem Futtermittel beimengen kann, um das Gift unschädlich zu machen.

STANDARD: Wie findet man genau jene Bakterien mit den wirksamen Genen?

Grabherr Im Prinzip probiert man einfach sehr viele durch. Man sucht Plätze, an denen solche Organismen in der Natur vorkommen. Die Chancen stehen nicht schlecht, weil es so unglaublich viele Varianten gibt. Alles, was in der Natur vorkommt, wird auch irgendwo abgebaut. Letztendlich läuft es aber dennoch darauf hinaus, dass sehr viele Organismen getestet werden müssen. Man gibt ihnen ein Medium und schaut, ob sie daraus Energie gewinnen und wachsen können. Das hat natürlich auch eine lange Vorlaufzeit. Unsere Stämme wurden bereits vom Futtermittelhersteller Biomin, mit dem wir bei diesem Projekt zusammengearbeitet haben, isoliert. Nachdem wir den Stamm bekommen haben, dauerte es noch mehr als vier Jahre bis zum fertigen Produkt.

STANDARD: Kann es bei den molekularbiologisch hergestellten Enzymen zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen?

Grabherr Man mischt lediglich ein gereinigtes Protein bei, das frei von DNA und frei von Zellen ist. Diese Proteine machen das, was sie auch in der Natur machen: Sie zerstören dieses Gift. Das ist das Einzige, was passiert. Ein Enzym ist ein Protein mit einer katalytischen Wirkung, das heißt, es passiert eine Umsetzungsreaktion. Die Reaktion wird mit der Zeit schwächer. Die Mengen sind so gering, dass man auch nicht sagen kann, dass sich der Proteingehalt des Futters verändert.

STANDARD: Sie arbeiten in einem Christian-Doppler-Labor auch an gentechnisch veränderten Milchsäurebakterien, um Futtermittel zu verbessern. Was bringt das?

Grabherr Landwirte schließen das Gras in Silos luftdicht ab, um es für den Winter haltbar zu machen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist der große Vorteil der Silagen, dass man ein geschlossenes System vor sich hat, bei dem man einen Ablauf aus der Natur beobachten kann. Die Frage ist: Wie wirkt sich die Veränderung eines Mikroorganismus auf andere aus? Wir machen Grundlagenforschung und schauen uns an, was wir den Bakterien in den Silagen an weiteren Fähigkeiten mitgeben können.

STANDARD: Der Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft polarisiert stark. Sind Sie für einen intensiveren Einsatz?

Grabherr Gerade gentechnisch veränderte Pflanzen sind sehr umstritten. Die Frage ist: Braucht das wer? Bis jetzt sind wir ganz gut ohne sie ausgekommen. Ob man sie in Weltregionen mit schwierigen Anbaubedingungen einsetzen sollte, ist zu diskutieren. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass die Gentechnik im landwirtschaftlichen Bereich einen hohen Nutzen haben könnte, wenn - ja, wenn sie richtig eingesetzt wird. Wenn sie zum Wohle der Konsumenten und nicht der Saatguthersteller eingesetzt wird. Es gibt viele gute Ideen, die wirklich etwas besser machen können. Bis jetzt haben sich die gentechnisch veränderten Pflanzen meiner Meinung nach aber nicht bewährt.

STANDARD: Warum gibt es gerade in diesem Bereich so viele, zum Teil irrationale Vorbehalte?

Grabherr Wie können Sie auch rational sein? Es ist schwierig, mit einem Thema umzugehen, bei dem viele Menschen die Hintergründe nicht verstehen. Ich glaube nicht, dass man sich vor gentechnisch veränderten Pflanzen fürchten muss. Es ist aber zu fragen, ob sie ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis haben. Die Unternehmen verkaufen jedes Jahr für teures Geld aufwändig hergestelltes Saatgut, dazu die entsprechenden Spritzmittel, um ertragreiche Pflanzen zu bekommen. Wir kommen aber offenbar auch sehr gut ohne sie aus.

STANDARD: Glauben Sie, dass in 30 Jahren gentechnisch veränderte Pflanzen global selbstverständlich sind?

Grabherr Ja, das glaube ich.


Reingard Grabherr (50) ist Professorin am Department für Biotechnologie der Universität für Bodenkultur Wien (Boku). Die Molekularbiologin leitet das vom Wirtschaftsministerium geförderte Christian-Doppler-Labor für gentechnisch veränderte Milchsäurebakterien.
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  • Reingard Grabherr von der Wiener Boku wurde für ihre Forschungen an  einem Mittel gegen  Schimmelpilzgifte mit dem Houskapreis 2014  ausgezeichnet.
    foto: standard/corn

    Reingard Grabherr von der Wiener Boku wurde für ihre Forschungen an einem Mittel gegen Schimmelpilzgifte mit dem Houskapreis 2014 ausgezeichnet.

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