Posten Consulting für den ORF

9. Dezember 2014, 07:01
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Nur noch neunmal schlafen gehen, dann feiern Radioleute auf dem Küniglberg und das neue ORF-Führungsmodell nach BCG ist offiziell

Helsinki/Wien - Nur noch neun Mal schlafen gehen, dann sind alle Mitarbeiter des ORF-Radios aus dem Funkhaus auf dem Küniglberg willkommen: Heuer ging die Einladung zur gemeinsamen Weihnachtsfeier in Wien-Hietzing absichtlich auch an die Damen und Herren aus der Argentinierstraße. Noch nicht lange ist es her, da wurden sie irrtümlich ein- und gleich wieder ausgeladen. Das brachte den höchsten ORF-Chargen nicht nur Fanpost ein, ganz im Gegenteil.

The day after

Die Radioleute dürften an diesem 18. Dezember dennoch keineswegs überzeugt "Oh du Fröhliche" anstimmen, von selig gar nicht zu reden. Und das liegt nicht alleine an der gemeinhin Gesundheit und Gemüt ein bisschen fordernden Weihnachtsfeier im Funkhaus am Abend zuvor.

An diesem 18. Dezember will ORF-Chef Alexander Wrabetz den Stiftungräten des Unternehmens vorstellen, wie er gerne in Zukunft (also auch nach der nächsten Generalswahl) den ORF führen würde, wenn die Journalisten und Programmmacher aller Medien, auch der bundesweiten Radios, auf dem Küniglberg nicht nur feiern, sondern auch arbeiten.

Halbe Million Euro

Von Boston Consulting Group ließ Wrabetz seine Strukturwünsche unternehmensberaterisch mit internationalen Vorbildern und Benchmarks untermauern. Zuletzt vermutete Armin Wolf etwas salopp, die Befunde von BCG könnte er wohl auch in einer Woche zusammenstellen.

Kundige Menschen im ORF umreißen die Kosten der hauptberuflichen Unternehmensberater für das Strukturkonzept mit "unter einer halben Million Euro". Sie dürften nicht allzu weit unter dieser Marke liegen. Manche addieren dazu den Betrag für die ein gutes Stück kostspieligeren Arbeit von BCG am Strategiekonzept 2020.

Vierteilen

Das Strukturkonzept 2020 rät dem ORF, in vier Genres um die Marktführerschaft zu kämpfen: Information, Kultur, Sport und Unterhaltung. Ein äußerst schlüssiger, wiewohl nicht sehr origineller strategischer Fokus: Das ORF-Gesetz schreibt dem ORF ja vor, diese vier Felder angemessen in seinen ausgewogenen Gesamtprogrammen zu bedienen. Und die Medienbehörde wie auch die damals tätige zweite Instanz darüber bestätigten den Privatsendern, dass der ORF das - jedenfalls phasenweise - eben nicht gesetzeskonform getan hat. Da kann es schon einigen Sinn ergeben, diesen vier Feldern besondere Beachtung zu schenken.

Info, Kultur, Sport, Unterhaltung

Aus den vier Feldern könnte man auch inhaltliche Strukturen ablesen - wie der aus Österreich stammende, in Zürich lehrende Medienwissenschafter Martin Zimper unlängst auch aus einem Vortrag des ORF-Generals in der Schweiz geschlossen hat. Die ORF-Kommunikation verneinte damals knapp: nein, das wäre nicht nicht künftige Organisationsstruktur.

Die vier Genres dürften freilich durchaus auch in den weiteren Strukturüberlegungen eine Rolle spielen. Womöglich gilt es ja auch nur zu klären, wie diese Bereiche, vor allem die Information, mit den neuen Channel Managern für jeden ORF-Kanal umgehen. Die bekommen ja, das hat Wrabetz schon bei einem Publikumsgespräch am FH-Institut für Journalismus und Medienmanagement bestätigt, voraussichtlich auch jeweils eigene Chefredakteure. Bestellen die Kanalchefs nun Formate und Beiträge bei jenen, die sie produzieren oder bestücken die Produzenten Sendungen und Sendeplätze? Vor allem in der Information eine zentrale Frage.

Erst Infodirektor, dann Newscenter

Denn dass diese Information in ihrem neuen gemeinsamen Newscenter auch eine gemeinsame Führung oder jedenfalls Koordination bekommen soll, liegt auf der Hand. Der Bayerische Rundfunk fällt da im ORF recht häufig als Beispiel - dort bekam die Information von TV, Radio und Online schon einen gemeinsamen Infodirektor, bevor noch das gemeinsame Newscenter gebaut wird - derStandard.at/Etat berichtete Anfang November vom Beispiel aus der Nachbarschaft.

Funken wie die Finnen, führen wie die Bayern

"Funken wie die Finnen, führen wie die Bayern" nannte sich diese Analyse über mögliche ORF-Führungsmodelle, und auch die Skandinavier kamen nicht von ungefähr im Titel vor. Schon im STANDARD-Interview im Sommer verwies ORF-Chef Alexander Wrabetz auf den finnischen Rundfunk als Beispiel für Führungsstrukturen - und schien sich schon da recht genau in Helsinki auszukennen.

Man muss nicht in den hohen Norden, um die YLE und ihr Führungsmodell näher zu beäugen, mit dem sich Wrabetz offenkundig schon länger und näher auseinandersetzt. Die Anstalt stellt ihr durchaus interessantes Organigramm freundlicherweise ins Netz - die Organigramme kennen Stammleser schon aus der Analyse von Anfang November.

foto: yle.fi

Posten Consulting

Wie im ORF steht auch der YLE ein Generaldirektor vor - wenn es die hiesige (Regierungs-) Politik will, könnte daraus natürlich auch ein Vorstand werden mit mehreren gleichberechtigten Mitgliedern und einer Art Sprecher. Spannend aus der Perspektive des Küniglbergs und seiner Journalisten: In Helsinki gibt es - wie berichtet - ebenfalls einen zentralen Infodirektor, zuständig für aktuelle Information, Magazine und Sport.

Dazu einen Kreativdirektor für die - grob: eher unterhaltenden - Programme. Und einen Direktor für Media, quasi für Kanal- und Programmplanung, womöglich sind dort auch Kanalmananger angesiedelt. Eine Unit für Produktion und Technologie.

Content und Media, Multi und Trans

Die Namen muss man ja nicht 1:1 übernehmen - "Content" etwa könnte ebenfalls die Direktion für Programmzulieferung bezeichnen, klingt halt nicht so schön wie Creative, würde aber vielleicht eine Informationsdirektion nicht so stören, wo man doch auch kreativ ist.

Für die Media-Einheit können ORF-Denker und ORF-Berater ihre Fantasie ebenfalls spielen lassen - von Media allein über den schon etwas abgegriffenen Begriff Multimedia bis zu Wortkreationen wie "Transmedia", zwischen zwei Song Contests ist der aber vielleicht auch ein bisschen missverständlich.

Vorsprung durch Technik

Zentrale Stabsstellen betreuen bei den Finnen die Bereiche Finanzen, Personal, Recht, Kommunikation. Dazu würde sich der heutige ORF-Finanzdirektor Richard Grasl, bürgerliches Pendant zu Wrabetz im ORF-Management, wohl nicht degradieren lassen. Das würde dann aber auf den ORF umgelegt statt heute vier fünf Direktionen ergeben - wenn man nicht die rote Technik dem schwarzen Kaufmännischen Direktor zuschlüge.

Damit ist eher nicht zu rechnen: Bis auf Weiteres wählen Betriebsräte den Generaldirektor im Stiftungsrat mit, zwei rote sind jedenfalls darunter, und der amtierende Technikdirektor war vor seinem Avancement selbst Betriebs- und Stiftungsrat. Selbst wenn der Technikdirektor zurück nach Kärnten ins Landesstudio ginge, wird sich die Technik kaum ihren eigenen Direktor so einfach nehmen lassen.

Montag Ausschuss, Donnerstag Plenum

Kommenden Montag werden die Stiftungsräte Wrabetz wohl im Finanzausschus nach seinen Strukturüberlegungen fragen, spätestens aber am Donnerstag im Plenum, vor der vereinten Weihnachtsfeier auf dem Küniglberg.

Viele verhandelbare neue Jobs

Spätestens das Strukturkonzept markiert den inoffiziellen Auftakt zum nächsten ORF-Wahlkampf - der im Hintergrund schon munter etwa mit kleinen internen Beförderungswellen angerollt ist. Bis zur Bestellung der nächsten Führung, ob regulär 2016 oder, etwa mit einer kleinen oder womöglich doch größeren ORF-Gesetzesnovelle vorgezogen auf 2015, gleich nach dem Song Contest, beschert eine neue Führungsstruktur eine Vielzahl neuer Jobs als Verhandlungsmasse mit den - überwiegend politisch besetzten - Stiftungsräten, die General und Direktoren bestellen. Channel Manager natürlich und ihre Chefredakteure, vor allem aber: ein neuer Infodirektor - wenn Wien denn tatsächlich Helsinki werden soll.

Für alle Posten, alles Consulting für eine neue Führungsstruktur des ORF gilt: Österreichs Politik und damit der ORF haben mit Finnland und dessen inoffiziellem Nationaltanz zumindest eines schon gemein - It takes two to tango. (Harald Fidler, derStandard.at, 9.12.2014, ergänzt)

  • Wie die Finnen funken, zeigen diese Organigramme.
    foto: yle.fi

    Wie die Finnen funken, zeigen diese Organigramme.

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    foto: yle.fi
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