Gift und Misstrauen im Görtschitztal

Reportage9. Dezember 2014, 05:30
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Nach Überprüfung von 261 Bauernhöfen wird gefragt, was geschehen soll und wem man glauben kann

Klagenfurt / Klein St. Paul - "So ein Werk schaut auf seinen Profit, das ist klar", sagt Brigitte H., "aber wenn die Landesregierung nicht mehr kontrolliert, haben wir ein Problem. Das wäre ihre Aufgabe und nicht jagen gehen mit den Industriellen." Brigitte H. und ihre Freundin Renata D. sitzen bei Tee und Kletzenbrot in Brigitte H.s Küche im Herzen von Klein St. Paul im Görtschitztal.

Die Stimmung ist gedrückt. Dass die Molkerei Sonnenalm vorübergehend geschlossen wurde und Arbeitsplätze gefährdet sind, ist schlimm. Doch das wirkliche Ausmaß der Katastrophe sind nicht nur Jobs. Es ist die totale Verunsicherung, die hier jeder artikuliert. Der Politik könne man nicht mehr vertrauen. "Sie wollen uns mit Lügen beruhigen", sagt Renata. "Wie sollen wir noch irgendwas glauben?"

Grenzwerte weit überschritten

Vermutungen gab es schon lange. Schon im Frühjahr hätten manche Bauern das Futter ausgetauscht. Aber von der Milch und dem Topfen, der seit 17 Jahren als Vorzeigeprojekt hier in der Region produziert wurde, hieß es noch bis vor kurzem, dass keine mit Hexachlorbenzol (HCB) kontaminierten Produkte im Handel seien. Das war falsch. Die Grenzwerte wurden teilweise um das Doppelte überschritten.

261 Bauernhöfe wurden über das lange Wochenende untersucht. Auch in Wild und Rindfleisch fand man Hexachlorbenzol (HCB). Es unterliegt seit 2004 fast weltweit einem Verwendungsverbot. Doch im nahen Zementwerk, das auch als eine Art Müllverbrennungsanlage fungiert, soll mit HCB kontaminierter Blaukalk mit zu geringen Temperaturen verbrannt worden sein.

Giftiges Gemüse in den Gärten

Nicht nur Landwirte bauen hier an, sondern jeder mit einem Garten. Niemand weiß, wie lange man schon sein eigenes giftiges Gemüse gegessen hat. Ohne Greenpeace wüssten es die Leute noch immer nicht. Die Organisation machte die Werte nun publik. "Ich hab ein Hochbeet voller Rapunzel draußen im Garten", sagt Brigitte, "das muss ich alles entsorgen."

Ihre Tochter lebt in Graz. Die Eltern haben ihr kürzlich Kärntnernudeln geschickt und ihr jetzt gesagt, sie solle sie "wegschmeißen". Viele Kinder von Bekannten, die in Graz oder Wien leben, überlegten, ob sie über Weihnachten heimfahren sollen. Renata ist Psychologin und arbeitet in Klagenfurt. Von ihrem Zuhause schaut sie direkt auf das Zementwerk. Ihr Mann habe immer gesagt, die Kinder sollen viele Äpfel essen, weil das so gesund ist. "Er ist froh, dass sie ihm nicht gefolgt haben", erzählt Renata ernst.

Sorge um Kinder und Schwangere

Vor allem um Kinder, Schwangere und Stillende sorgt man sich. Ab Dienstag richtet die Landessanitätsdirektion Beratungsstellen ein. Doch nicht nur im Görtschitztal muss man besorgt sein. "Die Milch haben sie auch an Schulen in Klagenfurt geliefert", erinnert Renata.

Nach Untersuchungen der Tiere soll ab Dienstag den Menschen im Görtschitztal Blut abgenommen werden. "Und weiter?", fragt Brigitte. "Was macht man, wenn man weiß, man hat das im Blut?" Und was macht man mit den Böden, in denen das Gift ist? "Man müsste alles abtragen", erzählt Brigitte von den Ideen, die in der verunsicherten 2000-Seelen-Gemeinde kursieren.

"Immer geschaut, dass alles bio ist"

Bei der Fernwärme im Ort trifft DER STANDARD den Mann, der hier seit 18 Jahren als Heizer in der Holzschnitzelanlage arbeitet. Wie die regionale Molkerei war auch die Fernwärme als umweltfreundliche Maßnahme gedacht, auf die man stolz war. Statt vieler Schlote blies nur mehr einer in die Luft. "Das war eine Supersache", sagt der Mann.

Dann kommen ihm die Tränen. "Unser Bub ist im Dezember vor einem Jahr geboren, eine Dreijährige haben wir auch. Wir haben immer geschaut, dass alles bio ist. Meine Frau ist völlig fertig." Sein Hof sei auch gerade getestet worden, zwei Beamte hätten ordentlich gearbeitet. Ergebnisse habe er noch keine. Und auch hier die Frage: "Was ist, wenn das Gift bei mir ist? Was soll dann sein? Keiner kann uns verpflichten, vergiftete Stadln selbst auszuschaufeln." Und eines versteht der Heizer auch nicht: "Die Molkerei ist zu. Aber der Ofen im Zementwerk steht nicht! Warum?! Da stimmt doch was nicht." (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 9.12.2014)

  • Als "gesunde Gemeinde" vermarktet man Klein St. Paul im Kärntner Görtschitztal. Die alarmierenden HCB-Werte und die Schließung der regionalen Molkerei machen der Bevölkerung nun große Angst.
    foto: colette m. schmidt

    Als "gesunde Gemeinde" vermarktet man Klein St. Paul im Kärntner Görtschitztal. Die alarmierenden HCB-Werte und die Schließung der regionalen Molkerei machen der Bevölkerung nun große Angst.

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