Durch Spiel zum Ziel

8. Dezember 2014, 18:54
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Katrin Plötner inszeniert "Minna von Barnhelm" am Landestheater Niederösterreich

St. Pölten - Es sind noch die ganz großen Kaliber, die in Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel Minna von Barnhelm verhandelt werden: Ehre. Liebe. Wert. Auch wenn er die Begriffe darin ordentlich infrage stellt. Ist der Wert ein ökonomischer oder ein ideeller?

Bedeutet der Verlust der sogenannten Ehre, dass einer der Liebe nicht mehr wert ist? Es ist der verabschiedete Major von Tellheim, der das glaubt - und damit das Grundprinzip jeder Liebesbeziehung verkennt. Er löst seine Verlobung, weil er sich selbst für einen anderen nicht zumutbar hält. "Seine" Minna muss als listige Aufklärerin fungieren, ihm mittels Täuschung seine Vorstellungen so verdrehen, dass sich doch noch alles zum Guten fügen kann.

Wie zwiespältig dieses Durch-Spiel-zum-Ziel ist, macht Katrin Plötners Inszenierung am Landestheater Niederösterreich deutlich. Sie kehrt vor allem die Albernheit der Vorgänge heraus. Tellheim (Lars Wellings) und Minna (Lisa Weidenmüller) spielen ihre Liebesgeschichte mit Fingerpuppen und verstellten Stimmen nach. Der Verlobungsring ist billiger Plunder. Dazu taucht der Chor immer wieder auf und singt Lobpreisungen oder Soldatenlieder.

Minna und ihr Mädchen Franziska (Marion Reiser) trinken (Kopf in Nacken!) aus Schnapsfläschchen und rauchen mit großer Pose. Überhaupt ist diese Minna eine, die viel posiert, gerne auch in Tüll und mit Flitterkram um sich werfend. Das passt insofern, als sie dem Major ja auch die Komödie vom eigenen Vermögensverlust vorspielt.

Wieso aus dem Wirt (Wojo van Brouwer) ein eitler Fatzke in Anzug und Stöckelschuhen wird, bleibt ebenso schleierhaft wie die slapstickartigen Einlagen, in denen etwa Pascal Groß als Diener Just über Hindernisse fällt. Wolf Bachofner als des Majors beleibter Wachtmeister Paul Werner bleibt dafür ("Werner, wo steckst du?") zwischen den riesigen Schriftzügen "Grüß Gott tritt ein" auf der Bühne (Martin Miotk) stecken. Wie grandios komisch Marion Reiser als beleidigte Franziska mit dem unbeholfen balzenden Wachtmeister umspringt, wäre noch komischer gewesen, wären die Lachnummern drum herum nicht gar so burlesk ausgefallen.

Starke Bilder findet Plötner für Minnas Leid. Sie ohrfeigt sich selbst und schlägt den Kopf an das Bühnenbild, als wäre es die Wand, gegen die der sture Major sie laufen lässt. Noch deutlicher wird ihre Wehrlosigkeit, als sie mit nacktem Oberkörper auf dem Major sitzt - der sie mit untätigen Armen von seinen Knien rutschen lässt, sodass sie in jeder Hinsicht entblößt vor ihm steht.

Das glückliche Ende der Komödie ist hier ein fragwürdiges; daneben wird gebrüllt, geschlagen und geschossen. Denn: Tut der Liebe nicht Gewalt an, wer so mit ihr spielt? Etwas mehr Beschränkung und Leerstellen hätten der teils übermäßig ausstaffierten und -gedeuteten Inszenierung gutgetan. Dennoch: klug und mutig. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 9.12.2014)

Landestheater Niederösterreich, St. Pölten, bis 28. 1.

7./8. 1.: Gastspiel Stadttheater Baden

Regisseurin Katrin Plötner im Interview: "Um die Minna muss man kämpfen"

  • Diese Minna von Barnhelm (Lisa Weidenmüller) ist eine, die viel posiert, gerne auch in Tüll und mit Flitterkram um sich werfend.
    foto: robin weigelt

    Diese Minna von Barnhelm (Lisa Weidenmüller) ist eine, die viel posiert, gerne auch in Tüll und mit Flitterkram um sich werfend.

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