Ihr Kinderlein kommet

8. Dezember 2014, 19:02
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Auf dem Weg zum Herrn der Smaragdstadt: Das Musical "Der Zauberer von Oz" punktet an der Wiener Volksoper mit hingebungsvoller Filmnähe, charmanten Groß- und Kleindarstellern und schnurrt ab wie geölt

Wien - Die Theaterbranche ist, sogar im reichen Wien, ein knochenhartes Geschäft. Anders als bei maroden Landesbanken muss um jeden Subventionseuro gerungen werden, und um jeden Besucher sowieso. Beim staatlichen Musiktheatergrossisten Wiener Volksoper reagierte man auf den natürlichen Ausdünnungsprozess des operettenseligen Stammpublikums und gewichtete die Angebotspalette zugunsten einer jüngeren Gästeschar um: Das Verhältnis Oper zu Operette zu Musical beträgt in der aktuellen Spielzeit 9:6:7. Für die in der vergangenen Saison erstmals eingeführten Musical-Wochen berichtet das Haus von einer Auslastung von knapp 96 Prozent.

Nun wirft Robert Meyer die Angel nach ganz jungen Besuchern aus. Als Köder dient ihm das erst verfilmte, später vermusicalisierte Kindermärchenbuch Der Zauberer von Oz von L. Frank Baum. Die Titelfigur ist eine Allegorie des Showgeschäfts: Der Herr der Smaragdstadt ist ein Illusionist, er herrscht mittels Schall und Rauch, Blendwerk und Tamtam. So ist es nur folgerichtig, dass der Operndirektor selbst den Zauberer gibt: Robert Meyer tut dies pathetisch deklamierend, marktschreierisch fast.

Meyer hat an der Volksoper schon herrlich überdrehte, quietschbunte Musicalproduktionen beauftragt. Die Inszenierung des präsumtiven Kassenschlagers hat er Henry Mason anvertraut, einem relativ jungen Regisseur (Jahrgang 1974), der aber schon inszeniert wie ein alter: Bei der Premiere schnurrt das Stückl nicht nur ab, als ob es schon Jahrzehnte laufen würde - es schaut auch ein bisschen danach aus. Masons Inszenierung ist oft bildnah dran an Victor Flemings Verfilmung des Wizard of Oz von 1939.

Märchenhafte Reise

Stimmungsvoll ist das Eröffnungsbild gelungen, Dorothys Heim in Kansas: die staubige Weite, alles ein wenig patiniert, in sepiabrauner Vergangenheitsseligkeit. Für Munchkin City werden zirkusbunte, altmodische Theaterkulissen aufgefahren, danach wird's etwas karger (Bühne und Kostüme: Jan Meier).

Umwerfend, wie präzis, differenziert und charmant der Kinder- und Jugendchor der Volksoper (Einstudierung: Lucio Golino, Brigitte Lehr) als Munchkins agiert, und auch das Wiener Staatsballett (Choreografie: Francesc Abós) erfreut mit seinem beschwingten Wirken: So gibt es etwa einen wunderschönen Tanz der Mohnblumen mit den Schneeflocken.

Dorothys drei Gefährten auf der märchenhaften Reise sind es ebenfalls ganz zauberhaft: Oliver Liebl ist ein lieber Blechmann, Martin Bermoser ängstigt sich als Löwe auf aparte Weise; Peter Lesiak gibt eine überdrehte Vogelscheuche. (Kaum zu glauben, aber wahr: Michael Jackson spielte diese Rolle mal mit 20 in einer Verfilmung von Sidney Lumet; die Dorothy war natürlich Diana Ross.)

Als Glinda ist Regula Rosin eine couragierte Besetzung: Sie bringt es zuwege, dass man sich vor ihrer guten Hexe des Nordens ängstigt - speziell wenn sie anfängt zu singen. Der großartige Christian Graf erinnert als böse Hexe des Westens an einen auf Rockerbraut gestylten Georg Ringsgwandl. Auf eine Gastrolle für Maria Fekter als "Hexe aus dem Süden" (SZ) wurde leider verzichtet.

Bei der Premiere singt Johanna Arrouas den Welthit Somewhere Over The Rainbow obenrum operettenhaft und legt die Dorothy als dauerüberdrehte, ADHS-nahe Kämpfernatur und furioses Frohsinnsbiest an: Das hat Judy Garland entspannter hinbekommen. Das Orchester der Volksoper Wien bietet unter der Leitung von Lorenz C. Aichner vom ersten Ton an perfekten, klassischen Hollywoodsound. Jubel für alle. Mögen die Kinderlein kommen und die Kassenglöckchen klingeln. (Stefan Ender, DER STANDARD, 9.12.2014)

  • Wie ein auf Rockerbraut gestylter Georg Ringsgwandl: Christian Graf gibt die Hexe des Westens.
    foto: apa/ volksoper/ barbara pálffy

    Wie ein auf Rockerbraut gestylter Georg Ringsgwandl: Christian Graf gibt die Hexe des Westens.

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