Atomwaffenexperte: "Risiko liegt in Arsenalen der Staaten"

Interview8. Dezember 2014, 17:35
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Nuklearwaffen stellen auch heute noch ein Risiko dar, betont der UN-Atomwaffenexperte John Borrie. Ein Fehler in der Kontrollkette könne leicht katastrophale Folgen haben.

STANDARD: Es erscheint vielen Leuten merkwürdig, heute über die Gefahr von Atomwaffen zu diskutieren – ungeachtet der Ereignisse in der Ukraine: Der Kalte Krieg ist vorbei. Ist das eine Fehleinschätzung?

Borrie: Die Anzahl der Atomwaffen ist seit dem Ende des Kalten Kriegs von rund 70.000 auf fast 17.000 gefallen. Es gibt sie noch in ziemlich großer Zahl in den Arsenalen einer Reihe von Ländern. Und einige Tausend von ihnen sind noch in hoher Alarmbereitschaft, wie im Kalten Krieg.

STANDARD: Aber sie werden nicht verwendet. Also, was ist das Risiko?

Borrie: Es hat eine Reihe von Vorfällen im Verlauf des Kalten Krieges gegeben, von denen wir erst jetzt erfahren, weil diese Informationen unter Verschluss waren. Wir wissen relativ wenig über die Qualität der Sicherheitsmaßnahmen von Atomstaaten. Jüngst haben wir etwa von Mängeln bei der Sicherheit der US-Nuklearwaffen erfahren. Dazu zählt, dass Bomber mit Nuklearwaffen als Ladung über die USA geflogen wurden, ohne dass die Crew davon wusste; oder ernsthafte Mängel bei der Instandhaltung von US-Basen, auf denen Nuklearwaffen gelagert werden. Solche Vorfälle implizieren, dass die Sicherungsmaßnahmen von Atomwaffenstaaten alles andere als perfekt sind.

STANDARD: Kann man das Risiko einer Atomwaffendetonation benennen?

Borrie: Quantitativ ist das sehr schwierig. Aber das Risiko ist signifikant größer als null.

STANDARD: Was ist das größte Risiko? Unfall? Angriff? Menschliches Versagen?

Borrie: Das Risiko, dass Staatsführer oder ein Militärchef die Entscheidung treffen, in einer Kriegssituation Atomwaffen zu starten, scheint ziemlich gering. Aber wir sind auch in der Vergangenheit schon nah dran gewesen. Und wir wissen über die Befehls- und Kontrollsysteme von Nuklearwaffen, dass sie komplex und eng miteinander verbunden sind. Das heißt: Sogar ziemlich einfache Irrtümer oder Mängel im System können sich schnell zu katastrophalen Problemen entwickeln.

STANDARD: Was ist mit nichtstaatlichen Akteuren, etwa Terrorgruppen?

Borrie: Das ist seit langem eine Sorge der Staatengemeinschaft. Aber so weit wir wissen, sind genau null Atomwaffen in den Händen von nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen, während neun Länder fast 17.000 einsatzfähige Nuklearwaffen besitzen. Da sagen schon die Zahlen, wo das Risiko liegt: dort, wo die Waffen sind. In den Arsenalen der Staaten.

STANDARD: Im Fall der Ukraine ist über den Nutzen nuklearer Abschreckung wieder diskutiert worden...

Borrie: Einige Leute glauben, dass die Ukraine keine Probleme gehabt hätte, wenn sie Atomwaffen besessen hätte. Ich persönlich glaube, sie hätten da keine Rolle gespielt. Ich bezweifle, dass sich Russland von ukrainischen Atomwaffen hätte abschrecken lassen. Wäre die Ukraine bereit gewesen, einen Atomkrieg mit Russland zu beginnen, um zu verhindern, was passiert ist? Es ist schwierig, Umstände zu erdenken, in denen Atomwaffen wirklich eingesetzt würden. Und wenn das so ist, muss man den Wert von Nuklearwaffen überhaupt infrage stellen. (Julia Raabe, DER STANDARD, 9.12.2014)

foto: xanthe hall, ippnw
Zur Person:
John Borrie ist leitender Forscher
am UN-Institut für Abrüstungsforschung (Unidir), Genf, und hat jüngst eine Studie bezüglich der Gefahren von Atomwaffen veröffentlicht.
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