Lockpicking: Wie analoge Hacker Schlösser knacken 

Reportage8. Dezember 2014, 09:30
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Präzise, schnell und ohne Spuren zu hinterlassen: Im Wiener MetaLab zeigen Hacker, was sie auch ohne Rechner können

Das Metalab, mit seinem neonbeschrifteten Eingangsbereich, ähnelt auf den ersten Blick eher einem verruchten Lokal, als einem Computer-Klub. Unten im Souterrain angekommen, ist alles anders. Verstreut sitzen einzelne Menschen auf Sofas in ihre Laptops vertieft; gemütliches Licht, leise Stimmen. "They are crazy fucked up and anti-social. They wear black, you know. This is a zoo, don’t feed the animals", sagt ein amerikanischer Mittdreißiger, bevor er in den hinteren Teil des Souterrain-Lokals verschwindet, wo die Spielkonsolen stehen. Willkommen in einer Kapelle des Nerdtums. Im Metalab findet heute ein Workshop statt, bei dem es nicht darum geht, Passwörter zu knacken, sondern ihre Jahrtausende alten, analogen Vorgänger: Schlösser.

Das Innere freilegen

Hinter einem Berg von Vorhängeschlössern sitzt der Leiter des Lockpicking-Workshops Stefan Kröner. Zu Beginn gibt er eine kurze Einführung in das Wesen des Schlosses. Dafür gibt es ein Vorführexemplar. Längs zerschnitten, das Innere freigelegt. Es besteht aus 5 Stiften, unterschiedlich lang, hintereinander aufgereiht. Der passende Schlüssel bringt beim Schließen diese Stifte gleichzeitig auf die richtige Höhe und dreht währenddessen den Zylinder. Klick, auf.

sabrina krain

Spiel mit den Stiften

Um das ohne Schlüssel zu schaffen und ohne das Schloss zu beschädigen, drückt man beim klassischen Picken mit unterschiedlich geformten Werkzeugen den sogenannten picks die Stifte runter. Zum Workshop heute Abend sind schon drei junge Erstsemestler erschienen, die noch nie einen Dietrich bzw. pick in der Hand hatten und ein Boku-Student aus Bayern mit dem lockpicking-Set seines Mitbewohners und großen Ambitionen: Er will Handschellen öffnen. "Bartschloss heißt des bei Handschellen, weil man an Bart kriegt bevor man’s auf hat." sagt Günther ein erfahrener Hase des Schlossknackens und seit einigen Jahren im Metalab dabei.

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"Ich hass' dieses Schloss"

Otto, Mitte 50 und Installateur aus Wien, hat grad 6 Kilo Vorhänge- und Zylinderschlösser zum Mistplatz gebracht. Alle schon oft geknackt und dementsprechend angeschlagen. Es müssen Neue her. Heute hat er seine Frau mitgebracht, der das Hobby ihres Mannes noch nicht ganz so sympathisch ist. "Ich hass' dieses Schloss jetzt schon," gibt sie nach ihrem ersten Knackversuch von sich. Doch auch ihr gelingt es im Laufe des Abends.

Kein reines Männer-Hobby

Dass nur Männer herkommen, kann der Workshop-Leiter also nicht bestätigen. "Es gibt auch einige Frauen." sagt er. Immerhin hat eine Frau die ersten österreichischen lockpicking-Meisterschaften 2011 gewonnen. An der Wand hängt ein Bild von Bibi Blocksberg die per Sprechblase zum "Hack hack!" aufruft.

Nicht nur digital hacken

Stefan Kröner interessiert sich seit der Maturazeit für IT-Sicherheit und Physical Security, für Überwachungskameras bis hin zum Sicherheitspersonal. "Man kann einen Computer so gut sichern wie man will, wenn der Raum in dem der steht nicht gut genug abgeschlossen ist, kann man den einfach mitnehmen." Er hat Software-Engineering in Wien studiert und ist inzwischen bei einer Start-Up Firma für Software-Optimierung. Einmal im Monat geht es aber wieder analog zur Sache.

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Wie im Netz: Hacken, um Lücken zu schließen

Wer jetzt meint, sich die zahlreichen Wohnungseinbrüche in der Josefstadt, wo sich das Metalab befindet, erklären zu können, liegt falsch. Man lernt Fähigkeiten um Freunden zu helfen, die sich aus ihrer Wohnung ausgesperrt haben, oder arbeitet wie manche Lockpicker sogar mit Securityfirmen oder der Polizei zusammen um deren Sicherheitssysteme zu verbessern, wie Kröner bestätigt. Schwarze Schafe würde er auch gleich erkennen, sagt er. Lockpicker verstehen ihr Hobby als eine Art Sport und es gibt zahlreiche Vereine.

Lockpicking-Meisterschaft

Außer dem in Wien, Salzburg und Linz auch noch einige in Deutschland und der Schweiz. Und es gibt Meisterschaften im zerstörungsfreien Schlossöffnen. Am 29. November fand die dritte österreichische lockpicking-Meisterschaft im Metalab statt. Dazu brachte jeder sein eigenes Schloss mit. Reihum machen die Schlösser die Runde und wer am schnellsten öffnet gewinnt. "Wer außerdem in eine Wohnung einbrechen will, hat inzwischen viel effizientere Werkzeuge, für die man keine Übung braucht".

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Unknackbar?

Ob es unknackbare Schlösser gibt, darüber sind sich die Mitglieder des Vereins OpenLocks nicht einig. Worauf es ankommt ist die Begeisterung Schlösser zu öffnen um sie dann eigentlich wieder zuzusperren, neuer Versuch. Es ist viel von Gefühl und Spüren die Rede. Wer sich als Neuling an die 5-stiftigen Schlösser wagt, merkt schnell: mit Gewalt öffnet man Garnichts. Feingefühl ist das Zauberwort. Verbissenheit und Anspannung merkt das Schloss sofort. Sobald man während des Knackens mal kurz durchatmet und die verspannten Schultern lockert, springt es auf.

Gerätschaften im Internet bestellbar

Im lockpicking-Set das man sich ganz legal im Internet bestellen kann, gibt es verschiedenste Werkzeuge. Darunter picks mit so fantasievollen Namen wie, Schneemann, Halbdiamant oder Schlange. Aber man kann sich sein Lockpicker-Set auch selbst bauen, wie Kröner sagt. Aus Haarklammern, Scheibenwischerblättern und Rauchfangkehrerborsten die man mit Zangen oder einem Hammer verbiegt. "Die liegen überall auf der Straße herum, man muss nur die Augen aufmachen." Nach dem Workshop im Metalab schließt man sein eigenes Haustürschloss definitiv aufmerksamer auf. (Sabrina Krain, derStandard.at, 8.12.2014)

Links:

MetaLab

Wired

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