Fernsehen, entschleunigt: Wo die Piepshow spielt

7. Dezember 2014, 17:00
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Norwegens öffentlich-rechtliches Fernsehen kultiviert seit Jahren "Slow TV" und lässt stundenlang stricken, singen, zwitschern. Das Publikum ist begeistert

Wien - Der Höhepunkt in drei Monaten Piipshow ereignete sich am 15. Mai 2014, als das Blaumeisenpaar eine Handvoll nackter, klebriger Küken zur Welt brachte. Geschlüpft waren sie in einem wohnlich eingerichteten Heim: einem Vogelhäuschen mit Tapete, Wandgemälden, Glasvitrine und einer Luke, aus der Vater und Mutter Piepmatz aus- und einflogen und den Nachwuchs mit frischen Würmern versorgten.

Die Tiere entwickelten sich prächtig, sehr zur Zufriedenheit ihres Publikums, das in dieser Zeit wie gebannt das Geschehen im Vogelcontainer verfolgte. Und des Senders NRK, der damit einmal mehr bewies, welche Anziehungskraft das scheinbare Unauffällige ausübt.

Hinschauen, wo nichts passiert, und trotzdem den Blick nicht abwenden können: Das nennt sich "Slow TV". Norwegens öffentlich-rechtliches Fernsehen kultiviert den Blick ins süße Nichts seit Jahren. Das Publikum ist begeistert.

Schlafen und knistern

In Zeiten, da die Kostenrechnung das individuelle Tempo vorgibt und dabei die Schlagzahl ständig erhöht, herrscht offenbar erhöhte Bereitschaft zur Entschleunigung. Neu ist das Konzept nicht, aber es wirkt: Als Vater der medialen Entschleunigung gilt Andy Warhol. 1963 filmte er den Performancekünstler John Giorno beim Schlafen - fünf Stunden und zwanzig Minuten.

Drei Jahre später schaffte es das Gleichförmige ins Fernsehen: Zu Weihnachten 1966 sahen Zuschauer in The Yule Log im New Yorker Kanal WPIX Kaminfeuer knistern.

1983 begann Peter Middleton sein Video 125: Benannt nach dem Intercity-Zug 125, positionierte er die Kamera im Cockpit und filmte die ganze Strecke von Anfang bis zum Ende. In dieser Zeit veränderte sich das Fernsehen: MTV revolutionierte die Bilder - immer schneller wurden die Schnitte nicht nur in den Musikvideos. Die Temponadel bei Einstellungen in Film und TV passte sich jener der Lebensgeschwindigkeit ihrer Zuschauer an.

Einen Versuch ist es wert, dachte sich wohl NRK, als es 2009 die malerische Bahnstrecke zwischen Oslo und Bergen zum 100. Geburtstag von der Führerkabine aus filmte. 2011 stach die MS Nordnorge in See, NRK übertrug 134 Stunden.

Billig kann man dieses Programm nicht nennen, vielmehr ist es liebevoll betreut und aufwändig inszeniert: Live und in Echtzeit ereigneten sich in weiterer Folge die "nationale Kaminfeuernacht" und 2013 die lange "Stricknacht": Von der Schafschur bis zum fertigen Pullover dauerte das Event. Oder eben Kleinvögel und Eichhörnchen im Vogelpuppenhäuschen der Piipshow.

200 Chöre

Von 28. bis 30. November holte NRK zum vorerst letzten Coup aus: In Salmeboka - minutt for minutt sangen 200 Chöre in einer Kirche in Trondheim. 60 Stunden Rohfassung ergab das und wurde so übertragen. Insgesamt 2.2 Millionen schauten zu. Zahlen, die in den quotenbewussten USA beeindruckten: Eine US-Firma sicherte sich die Rechte. Und wenn erst Amerika auf den Zug aufspringt, könnte sich der Trend rasch ausbreiten, zumal Entschleunigungsprogramm - ob live oder aufgezeichnet - fast immer erfolgreich ist. Und sei es nur aufgrund emotionalen Seher-Bindungspotenzials: Begeistert beobachteten die Fernsehzuschauer etwa den Storchenflug auf ARD und ZDF.

Wütende Proteste erntete hingegen der Bayerische Rundfunk, als er die kultige Space Night einstellen wollte. Nachtschwärmer hatten die Bilder, erst vom NSAS Space Shuttle, später von der Nasa, liebgewonnen und wollten ein Ende nicht hinnehmen. 2014 kam sie wieder - schöner als früher, weil in HD-Qualität.

Auf W24 kann man nachts Straßenbahn fahren: Die Nachtschiene läuft in Endlosschleife und hat Kultstatus erlangt. Produziert wird das Format von der hauseigenen Produktionsfirma, erfunden hat es Annett Hudasch. Die Trams fahren mittlerweile werktags, allerdings als Aufzeichnungen. Neue Folgen werden im Moment nicht produziert - zum Bedauern der Fans.

Das Bedürfnis nach Entschleunigung nimmt der ORF 2015 zum Anlass für einen Schwerpunkt.

Das ursprünglichste Entschleunigungsangebot hat freilich kaum Chancen auf Wiederbelebung: Das Testbild will seit Mitte der 1990er kein Sender mehr zeigen.

Standbild schauen

Ansonsten passiert österreichisches Entschleunigungsfernsehen eher unbeabsichtigt: Als etwa am 11. August 2008 beim Match Österreich gegen die Färöer das nötige Equipment vom Rechteinhaber nicht rechtzeitig am Spielort eintraf, gab es nur ein Standbild.

Der ORF-Moderator kommentierte unverdrossen die ganze Partie. Rund 400.000 blieben vor den Fernsehgeräten sitzen. (Doris Priesching, DER STANDARD, 6./7./8.12.2014)

  • Norwegens öffentlich-rechtlicher Sender NRK treibt in puncto  Entschleunigungsfernsehen erheblichen Aufwand: Bahnfahrten, Schiffspassagen,  Kaminfeuer, Chorgesänge waren ebenso Highlights wie ...
    foto: nrk

    Norwegens öffentlich-rechtlicher Sender NRK treibt in puncto Entschleunigungsfernsehen erheblichen Aufwand: Bahnfahrten, Schiffspassagen, Kaminfeuer, Chorgesänge waren ebenso Highlights wie ...

  • ... die "Piipshow", bei der die Zuschauer sich über Leben im Vogelhäuschen erfreuen  konnten: Die Darsteller blieben nichts schuldig, das Publikum war begeistert.
    foto: nrk

    ... die "Piipshow", bei der die Zuschauer sich über Leben im Vogelhäuschen erfreuen konnten: Die Darsteller blieben nichts schuldig, das Publikum war begeistert.

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