De Blasio will New Yorker Polizei reformieren

5. Dezember 2014, 17:30
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New Yorks Bürgermeister will seinem Ruf als Krisenmanager gerecht werden. Nach den jüngsten Fällen von Polizeigewalt auf unbewaffnete Schwarze kündigte er Deeskalationskurse an

Als Bill de Blasio zum Bürgermeister New Yorks gewählt wurde, war viel von seinem Sohn Dante die Rede. Man kann sogar sagen, dass de Blasio die Wahl wegen Dante gewann. Der Junge mit dem opulenten Afro, damals 15, sagte in einem Fernsehspot: "Er ist ein Bürgermeister für alle New Yorker, egal wo sie wohnen und egal wie sie aussehen. Das würde ich auch sagen, wenn er nicht mein Vater wäre."

Es war der Durchbruch. Mit dem Werbefilm avancierte der Zweimetermann, verheiratet mit der afroamerikanischen Journalistin Chirlane McCray, auf einen Schlag zum großen Hoffnungsträger. Er wurde zum Symbol einer Stadt, die sich für viel zu weltoffen hielt, für zu aufgeklärt und nach vorn orientiert, als dass ihre Bewohner in Rassenkategorien denken würden. Nun, da der Polizist, der den schwarzen Eric Garner in den Würgegriff nahm und damit dessen Tod verursachte, nicht einmal angeklagt wird, ist der Krisenmanager de Blasio gefragt. Der Reformer, der den schönen Visionen, die er beschwor, mit konkreten Taten zumindest näherkommt.

Korrekturen angekündigt

Im Weißen Haus belässt es Barack Obama bei leisen Tönen - schon damit ihm die Republikaner nicht nachsagen können, er sei hauptsächlich der Präsident der Schwarzen. In diesem Vakuum ist es der Mayor New Yorks, der in die Bresche springt, indem er ohne viel Federlesens Korrekturen ankündigt. "Die Leute müssen wissen, dass ein schwarzes Leben und ein braunes Leben genauso zählen wie ein weißes Leben", skizzierte er an einer Polizeiakademie die Prämisse. "Es ist ein Problem, das zurückgeht auf die Gründung dieser Republik und das wir noch immer nicht gelöst haben."

Neutrale Körperhaltung

Demnächst sollen 22.000 Ordnungshüter dreitägige Sonderkurse besuchen, um Deeskalationstechniken zu studieren. Dazu gehört, das eigene Ego unter Kontrolle zu halten und den Drang zum Fluchen zu unterdrücken. Auf Streife sollen die Beamten eine "grundsätzlich neutrale Körperhaltung" annehmen, mit anderen Worten, nicht so provokativ wirken, wie es dunkelhäutige New Yorker weißen Polizisten ständig vorwerfen. Außerdem ist daran gedacht, sie mit Body Cameras auszurüsten, was sie vielleicht a priori zur Mäßigung zwingt und nach Zwischenfällen die Aufklärung erleichtert.

Was eher nicht zur Debatte steht, ist der ethnische Mix. Nach Zahlen von 2013 sind knapp 17 Prozent der New Yorker Polizisten schwarz, rund 29 Prozent haben lateinamerikanische Wurzeln. Damit sind die bedeutendsten Minderheiten zwar nicht exakt, aber doch annähernd so repräsentiert, wie es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Woran der Rathaus-Chef gleichfalls nicht zu rütteln gedenkt, ist die Theorie der zerbrochenen Fenster, wie sie William Bratton anwendet, ein Mann, der schon in den Neunzigern unter Rudy Giuliani Polizeichef war und den de Blasio als Verbündeten an seine Seite holte.

Bei der Broken-Windows-Strategie reagieren die Beamten auch auf kleine Vergehen mit "null Toleranz", weil sonst, so die Annahme, schnell größere folgen. Ist irgendwo ein Fenster zerbrochen, dauert es demnach nicht lange, bis ein ganzes Viertel in den Sog der Kriminalität gerät. Unumstritten war der Ansatz nie. Schließlich waren es die Broken Windows, die auch Garner zum Verhängnis wurden. Die Patrouille, die ihn am 17. Juli festnehmen wollte, attackierte ihn auch deshalb so aggressiv, weil er unversteuerte Zigaretten verhökerte und das vergleichsweise lächerliche Delikt mit Härte geahndet werden sollte. "Wer das Gesetz bricht, bricht das Gesetz", verteidigte de Blasio das Konzept. Mittlerweile haben sich sechs Kongressabgeordnete der Megacity beim Justizminister beschwert: In der Praxis bedeute die These vom zerbrochenen Fenster, dass man Afroamerikaner und Latinos gezielt ins Visier nehme.

Wieder Todesschüsse

Die Proteste in den USA gegen Polizeigewalt weiteten sich indessen aus, nachdem Donnerstag erneut ein unbewaffneter Schwarzer von einem weißen Polizisten erschossen wurde. Der Beamte in Phoenix, Arizona, war auf Suchtgiftstreife, als es zu einer Auseinandersetzung mit dem 34-jährigen Schwarzen kam. Dieser hatte statt der vermuteten Waffe nur eine Pillenpackung in der Tasche. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 6.12.2014)

  • 22.000 New Yorker Polizisten sollen lernen, das eigene Ego unter  Kontrolle zu halten. Bürgermeister Bill de Blasio kündigte nach den  jüngsten Fällen von Polizeigewalt auf Afroamerikaner Reformen an.
    foto: reuters/eduardo munoz

    22.000 New Yorker Polizisten sollen lernen, das eigene Ego unter Kontrolle zu halten. Bürgermeister Bill de Blasio kündigte nach den jüngsten Fällen von Polizeigewalt auf Afroamerikaner Reformen an.

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